Art wird hier Druck ausgeübt , ein Druck , der in hierarchischen Strukturen gerne nach unten gereicht wird . Denn welcher Beamte oder Angestellte könnte nach so einem intensiven „ väterlichen ” Zureden seine patriotische Pflicht verkennen und sich weigern , dem Wunsch nachzukommen ? Die These von der natürlichen Assimilation stößt hier eindeutig an ihre Grenzen .
Denn der Innenminister hat nicht nur die Staatsdiener im Sinn , wenn er von einer „ Bewegung ” spricht : „ Man muss die Bewegung auch im Kreise der Menschen außerhalb der amtlichen Banden organisieren . Den Schwerpunkt hierbei lege ich auf das alte Bürgertum und das Bauernvolk . Jede Gelegenheit und Art muss man nutzen , um diesen Gedanken zu verbreiten , und zwar : Jeder Madjare / Ungar soll einen ungarischen Namen tragen .” Wie man weiß , die angeschriebenen Amtsträger haben dafür gesorgt , dass dieser Wunsch vielerorts in die Tat umgesetzt wurde und daraus eine regelrechte Bewegung entstand . Dabei darf man den gesamthistorischen Kontext nicht außer Acht lassen : Denn gerade Ende der 1930er Jahre erhielt die Namensmadjarisierung eine besondere Brisanz als Bekenntnis zur oder Ablehnung der Völksbund - Bewegung . In dieser Zeit legten beispielsweise viele Schaumarer ihre deutschen Familiennamen ab . Vor dem Hintergrund solcher „ geheimen ” Instruktionen lassen sich erhebliche Zweifel an der Spontanität solcher Aktionen aufkommen .
Der Erfolg jeglicher Bestrebungen hängt von den vorhandenen oder großzügig gewährten Anreizen ab : Diese Binsenweisheit hat sich der königliche Innenminister zu Eigen gemacht : „(...) die Regierung hat ihrerseits alles für die kostengünstige und schnelle Bearbeitung der Namensänderungsanträge getan . (...) Es wurde ermöglicht , dass die Standesbeamten anstatt der teuren Auszüge aus dem Standesamtsregister zwecks der Namensänderung gebührenfreie » BENACHRICHTIGUNGEN « oder » BESTÄTI- GUNGEN « ausstellen .”
So gesellte sich zum „ Eifer ” der patriotisch gesinnten Staatsdiener auch die Idee alle Schranken abzubauen , die die Menschen von der Madjarisierung der Namen noch abhalten könnten .
Die Namensmadjarisierung hat zum Teil zu abstrusen Beispielen geführt , die uns allen bekannt sind . Aber dennoch hat sich die „ Bewegung ” mit der Zeit abgeebbt . Es gibt gar einige Landsleute , die ihre alten Familiennamen wieder angenommen haben , sei es auch nur als Namen nach dem Bindestrich . Entscheidend bleibt die Frage - gerade in Zeiten , wo Mischehen zum Alltag gehören - , ob die deutschen Namen ein Garant für deutsche Identität sind . Und gerade hierbei bestehen erhebliche Zweifel .
Weihnachtsgeschichte
28
Wir hatten im Herbst 1946 nach einigen Irrfahrten in einem kleinen Dorf in Mecklenburg Unterschlupf gefunden - im Pferdestall . Im hinteren Teil des langen Gebäudes - sie prägen heute noch in vielen Landgemeinden Mecklenburgs das Dorfbild - befand sich ein kleiner Raum , der früher den Stallknechten als Schlafstatt diente . Hier waren wir zusammen mit einer Nachbarsfamilie einquartiert . Für jeden Tag stand uns ein Kommissbrot zur Verfügung .
Nie werde ich vergessen , wie wir Kinder unseren Vater umlagerten , wenn er das kleine Kastenbrot in sechs möglichst gleiche Teile schnitt , stets darauf bedacht , dass niemand zu kurz kam . Aber nicht nur der Hunger und der mit zehn Personen völlig überbelegte Raum machten uns das Leben schwer . Jede Nacht wurden wir von einer Armada von Flöhen heimgesucht ...
Es war an Heilig Abend , die Dämmerung hatte schon eingesetzt , als plötzlich ein zerlumpter , unrasierter Mann in unserem von Doppelbetten vollgestellten Zimmer stand . Wie wir später erfahren sollten , bestritt er früher seinen Lebensunterhalt als Viehhändler und war meinen Eltern gut bekannt . Er reichte meiner Mutter ein kleines Päckchen mit den Worten : „ Liesel , ich habe hier etwas Mehl , kannst du mir davon einen Kuchen backen ? Ich komme in zwei Stunden wieder ”. Meine Mutter öffnete das verschnürte Etwas , das man in einer Hand hätte verstecken können , und ohne auf seine Frage näher einzugehen , sagte sie nach einigem Zögern : „ Jetzt bleibst du erst mal hier ”. Ein verlegenes Lächeln breitete sich über das blasse Gesicht des Mannes aus wie bei einem Kind , das beim Naschen in der Speisekammer ertappt wurde .
An diesem Abend rückten wir noch etwas enger zusammen . Zu meiner großen Überraschung hatte meine Mutter das Kunststück fertiggebracht , dass neben einer reichhaltigen Mahlzeit für alle auch noch einige Süßigkeiten und etwas Weihnachtsgebäck auf den Tisch kamen . Und als am späten Abend , von einigen Dorfbewohnern organisiert , der Weihnachtsmann auch bei uns im Pferdestall Einlass begehrte , war es fast so schön wie früher . Am nächsten Morgen fragten wir die Eltern nach dem Mann , der den Heiligen Abend mit uns verlebt hatte , und dabei erfuhren wir , dass er kurz nach Mitternacht wieder gegangen war . Niemand habe ihn zum Bleiben überreden können . Auch konnte uns niemand sagen , wohin er ging . Vielleicht wusste er das selbst nicht .
Jedes Jahr an HeiligAbend wird in mir die Erinnerung wach an die von Not und Elend geprägte Nachkriegszeit und auch an den erbärmlich aussehenden , heimatlosen Mann , der Weihnachten 1946 in unserer Mitte für ein paar Stunden Wärme und Geborgenheit gesucht hatte . Anton PROKEIN ( Aus : Karpatenblatt )
Wenn man alt wird ... - das Altenheim die letzte Zuflucht
Weihnachtsdialog
Der schlauchbeengte Korridor gähnt Leere an diesem weihnachtlichen Spätnachmittag . Draußen hat sich längst schon das fahle Grau mit dem undefinierbaren Dunkel vermengt , und auf den Strassen hat die Stille , die lang ersehnte Stille des Heiligen Abends , so etwas wie Heimat gefunden : endlich .
Auf den Gängen ( Hausfluren ) ist ebenfalls Ruhe eingekehrt : die kleine Feier im Seniorenheim war bereits am frühen Nachmittag angesetzt worden . Verklungen sind die obligaten Weihnachtsmelodien . Hinter den Türen brennen vereinzelt Kerzen , die an Tannenreisig befestigt oder lediglich auf dem Tisch , auf einem Fensterbrett zaghaftes Flackern verbreiten . Schritte hallen durch den Schlauch , werden langsamer , verstummen vor einer der Türen : Klopfen . Ein „ Ja , bitte ” entfährt mit zitternder Stimme einer alten Frau . Herein tritt ein Mitvierziger , die Hände voller Pakete und Päckchen . „ Guten Abend , Mutter ! Wie geht es Dir ?” Sie erwiderte den Gruß und spielte mit der dankbaren Überlegung , dass er nun doch noch gekommen sei .
„ Ich hatte noch einiges zu erledigen , einige Besorgungen zu machen ... schau ! Das habe ich Dir mitgebracht ”, und er überreicht gewichtig seine Mitbringsel .
Es waren Kleinigkeiten , belanglose Sachen , Rüstzeug für den Alltag , was man so in einem Pensionistenheim schon brauchen kann . „ Wie geht es den Kindern ?” Die sind verreist : Lukas ist beim Skifahren , und Petra ist mit ihrem Freund nach Ägypten geflogen , bloß Justus ist zu Hause .” „ Und was macht Clara ?” „ Ja , die hat alle Hände voll zu tun , denn die Feiertage wollen doch entsprechend begangen werden ...” „ Da , sie hat diesen Kuchen für Dich mitgegeben .”
Sonntagsblatt