• Leserbriefe •
„ Das ist aber nett ”, haucht die alte Frau .
Gesprächspause ... während der die Mutter an ihre „ aktive ” Zeit als Mutter dachte , an die Zeiten , als noch so richtig das Christkind gekommen - mit Glockengeläut vor der Tür und so ... als alle noch beisammen waren . Doch die Zeiten haben sich geändert , und wie ... geändert ... „ Brauchst Du etwas Mutter ?” ertönte nach kurzem die fürsorgliche Stimme des Sohnes . „ Nein , danke , ich habe ja alles , was ich brauche ... fast alles .” „ Dann ist es gut , Mutter , ich meine , dass Du so gut versorgt bist ...” „ Ja .” Ein Blick auf die Uhr verrät , dass es vermutlich schon spät geworden . „ Ich muss jetzt aufbrechen , Mutter , die Meinigen warten bereits . Wir wollen ja Weihnachten feiern ...” „ Ja .” „ Also mach ’ s gut , Mutter und ... Frohe Weihnachten .” Als er das Zimmer verlassen hatte , kollerten zwei dicke Tränen über das zerfurchte Gesicht , das noch lange ans Fenster starrte , durch das die Nacht in hemmungslosem Fluss hereinströmte und mit ihr die hartnäckige Einsamkeit .
Hans Dama
• Leserbriefe •
Zu : Europa oder die letzten Mohikaner in SB . Nr . 3 / 2013 S . 29 .
Vom Sauschlachten zum Schwabensterben Warum das Unabänderliche sich nur schwer ändern lässt
Vom gezielten Stich in die Halsschlagader eines Borstenviehs in Werischwar zum augenfälligen kollektiven Minderheiten-Selbstmord der Ungarndeutschen spannt Aron G . Papp den Bogen in seinem schonungslosen Vivisektionsbericht über die donauschwäbische Wirklichkeit im Pilischer Raum .
Der Groteske Kontext passt aufs ganze Land , nur die Anlehnung an die letzten Mohikaner , dieses Bild passt nicht auf uns Schwaben . Die letzten Mohikaner sind als authentische Krieger ihres tapferen Volkes gestorben , wir Schwaben verkümmern dagegen aus Angst und Verlockung . Wir sind Opfer und Mittäter eines verlogenen , realitätsentrückten Schönfärbe-Kulturbetriebes , der in verbalen Lobreden über unsere Erfolge fabuliert und auf abgewetzten Folklorevorführungen , zum Beweis unseres kulturellen Niveaus , der Öffentlichkeit etwas Vormacht und nicht im Stande ist , endlich die Fensterläden aufzuschlagen und die zentimeterdick angestaubten miefigen Gardinen aufzureißen , um endlich Licht auf unsere Wirklichkeit zu werfen .
Licht auf uns selbst , damit wir erkennen , dass wir mit unserem hülsenhaften Folkloregetue wie Reservatsrelikte erscheinen . Bräuche , Riten , Trachten , Tänze , die wir vorführen , sind Relikte vergangener Zeiten , sind Museumskultur . Das ist im Mutterland , bis auf die Sprache , nicht anders . Uns fehlt jedoch weitgehend die Sprache ! Die Beobachtung von Aron Papp ist zutreffend , je mehr die Sprache verloren geht , umso mehr pflegen wir krampfhaft unser Erscheinungsbild durch abgelegtes Brauchtum . Ganz aktuell hat die gespielte „ Schwäbische Hochzeit ” an Dorffesten Hochkonjunktur . „ Nett ”, sagt man höflicherweise nach der Vorführung und denkt an Totentanz . Aber das Volk klatscht und schwärmt und bei so manch älteren , die solche volkstümliche Hochzeiten noch vor fünfzig Jahren als lebendige Selbstverständlichkeit miterlebt haben , kommt vermutlich auch Stolz auf . Ich fürchte , dass dieser , aus Unfähigkeit und ethnischer Hoffnungslosigkeit betriebener kultureller Selbstmord nicht mehr aufzuhalten sein wird . Auch nicht mit einer Armada bestens ausgebildeter muttersprachlich deutscher Lehrer , wie A . Papp meint . Ich fürchte , da hilft noch so viel Geld aus Berlin , Stuttgart oder München auch nichts . In Ungarn sind alle Ethno-Fässer traditionell ohne Boden gezimmert ( A . Papp ), das Ausland merkt es nur nicht , oder will es lieber auch nicht wissen . Und die paternalistisch-dynastisch verknöcherte ungarndeutsche Funktionärsund Pädagogenelite ( A . Papp ) hat sich in diesem Wissen nolensvolens gut eingerichtet . Ändern lässt sich unter den gegenwärtigen autokratisch nationalzentrierten politischen Verhältnissen eh nichts . Es ist auch weit und breit kein Politiker in Sicht , dem das ein Anliegen wäre .
Die hohe Politik zeigt stolz auf die dreizehn Minderheiten im Lande . Wann hat Herr Ministerpräsident Orbán schon Mal eine echte deutsche Minderheitenschule besucht ? Mir fällt nichts ein . Dafür zeigen er und seine Minister sich gehäuft gerne in Rumänien bei feierlichen Anlässen ihrer Landsleute , wie für die anstehende Parlamentswahl in Ungarn .
Was bleibt als Ausweg ? Sterben will schließlich niemand , auch wir Ungarndeutsche nicht und freiwillig erst recht nicht . Meine Antwort ist einfach : Wer gegen den Tod angehen will , darf die angestammte deutsche Sprache nicht vernachlässigen , muss sie gebrauchen , wo und wann immer nur möglich . Auch wenn es anfänglich Überwindung kostet . Wer das nicht will und nicht tut , hat den Bund mit dem Volkstod bereits akzeptiert . Hat sich zu seinem Bundesgenossen gemacht . Der Totentanz läuft ... Jeder kann aus dem Reigen aussteigen .
Johann Till
Zu MERKWÜRDIGkeiten von Georg Krix im Sonntagsblatt 4 / 2013 auf Seiten 3-6
Für merkwürdig finde ich , dass dem merkwürdig guten Artikel von Koloman Brenner keine „ merkwürdig-Bemerkung ” beigefügt ist , wie das in vorangegangenen Nummern des Sonntagsblattes immer üblich war .
Weil ich diesen merkwürdig guten Artikel nun schon dreimal aufmerksam gelesen habe , so will ich das merkwürdigerweise Versäumte des Merkwürdigkeiten-Redakteurs nachholen und werde mit Zitaten aus dem Artikel auf Merkwürdigkeiten hinweisen .
„ Nach langen Jahren der Assimilation hat sich das Umfeld für die ungamdeutsche Volksgruppe zuletzt merklich verbessert . Aber die erfolgreiche Bewahrung von Kultur und Sprache hängt stark von der Politik ab ” - behauptet Herr Brenner .
Merkwürdig ! Diese merkliche Verbesserung des ‘ Umfelds ’ kann man nirgends bemerken . Weder auf sprachlichem ( Schule , alig . Umgangssprache ) noch auf kulturellem Gebiet ( bloß Traditionspflege mit Gesang , Tanz und Musik auf der Bühne !). Abhängig von der Politik ? Oweh ! Diesbezüglich lehren die Erfahrungen der vergangenen 150 Jahre . Freilich , vergleicht man unsere Lage von 1950 mit der vom Jahre 2000 , so hat sich schon einiges merklich geändert . Vergleicht man jedoch unsere „ sozialistische ” Lage sagen wir vom Jahre 1990 mit der „ demokratischen ” von heute , so ist dieses Adjektiv „ merklich ” nicht richtig am Platze , also merkwürdig übertrieben .
„... der sprachliche und identitätsbezogene Assimilationsprozess der Deutschen in Ungarn , der im Prinzip bis zum heutigen Tage nicht aufzuhalten war . ”
Merkwürdig ! Bis heute war der Assimilationsprozess nicht aufzuhalten , - wird er nun morgen aufgehalten werden ? Wie und von wem ? Die Aussage hinkt sogar , denn EINMAL wurde dieser Prozess ( nur für wenige Jahre ) aufgehalten . Dem Völksbund der Deutschen in Ungarn war es während des Zweiten Weltkriegs ( beinah ) gelungen . Dies war auch sozusagen der letzte Aufschrei des Ungarndeutschtums , von Staat und Mehrheitsvolk Ungarns als eine unverzeihliche Todsünde gewertet .
Merkwürdig , heute geht die Assimilation lautlos , schmerzlos , freiwillig und unaufhaltsam vor sich . ( Fortsetzung auf Seite 30 )
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