Sonntagsblatt 5-6/2013 | Page 22

Salve im Lager Tiszalök

Rebellion der Schwaben

Erschienen in der Wochenzeitschrift „ 168óra ” am 31 . März 2013 . Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung des Autors András Heltai-Hopp . Übersetzt ins Deutsche von Richard Guth
Heuer jährt es sich zum 60 . Mal , dass im Lager von Tiszalök die „ schwäbischen ” Zwangsarbeiter rebellierten . Sie wurden aus der sowjetischen Kriegsgefangenschaft nach Ungarn abgeschoben , wo sie jedoch hinter Stacheldraht blieben . Als sich viele von ihnen bereits seit neun Jahren in Gefangenschaft verweilten und nach dem Regierungsantritt von Imre Nagy vergeblich auf eine Freilassung warteten , fingen sie an zu demonstrieren . Die mit Salvengeschütz aufmarschierende A VH- ( Stasi- ) Wache hat gegen die unbewaffneten Menschen das Feuer eröffnet . Fünf von ihnen starben , es gab viele Verletzte . Ihr Opfer war aber nicht vergebens : Bis zum Herbst kamen sie frei und konnten das Land gen Westen verlassen . Die tragischen Kapitel der Geschichte der Ungarndeutschen wird von András Heltai rekapituliert .
Der Großteil der ungarischen Kriegsgefangenen kam zeitig nach Hause , wohingegen mehrere tausend Soldaten der Deutschen und ihrer Verbündeten zurückgehalten wurden , mit der Begründung , dass sie Kriegsverbrecher wären . Die in Ungarn des Jahres 1940 Heimischen hat man Ende 1950 bei Csap übergeben . Anstatt Freilassung erwartete sie Gefängnis , danach von verurteilten „ Kulaken ” und anderen ungarischen Gefangenenarbeitern beim Bau des Wasserkraftwerks Tiszalök neu errichtete Baracken . Drumherum Stacheldraht , Wachtürme mit Flutlicht . Die Gefangenen trugen verschlissene ungarische Militäruniformen , auf dem Rücken mit einem dicken schwarzen Streifen , die Steckrübensuppe und das wenige Pferdefleisch reichten lediglich dafür , dass die hart arbeitenden Menschen am Leben bleiben . Sie kamen als Waffen-SS- und Wehrmachtsoldaten dorthin . Es gab unter ihnen solche , die sich freiwillig gemeldet haben , aber der Großteil konnte nichts für seine Naziuuniform und hat kein Kriegsverbrechen begangen . Auf Grundlage des Hitler-Horthy-Paktes mussten sie als „ Volksdeutsche ” in die Armee des Dritten Reiches eintreten , sie hatten keine Wahl .
Die Insassen wurden von der Außenwelt abgetrennt , nicht einmal den Familien wurde mitgeteilt , wo sie einsitzen . Die Behandlung war brutal : Verhöre , Prügel , Erniedrigungen . Aber dann im Jahre 1953 gelangte die Nachricht zu ihnen , dass mit dem Tod von Stalin die Position von Rákosi schwächer wurde und der neue Ministerpräsident , Imre Nagy , die Internierungslager auflöst und die Ausländer ausreisen lässt , nicht anders die Ungarn-Deutschen . Die Madjaren , die aus Jugoslawien und Rumänien stammten , die ehemaligen Leibwächter , die Hunyadi-Panzergrenadiere kamen in der Tat frei , aber Monate vergingen und es änderte sich nichts für die Schwaben in Tiszalök , sie durften nicht einmal Briefe schreiben . Eines Abends strömten die enttäuschten Menschen auf den Hof , mit der Bitte : Man möge sie informieren , warum man sie warten lässt . Eine Antwort haben sie nicht erhalten - die Rädelsführer wurden jedoch aus der Menge geholt und eingesperrt .
Gezielter Schuss
Das reichte . Die Gefangenenarbeiter strömten auf den Hof zurück und forderten nun lautstark , dass ihre eingesperrten Genossen freigelassen werden . Der Lagerkommandant hat zuerst Feuerwehrleute dazugeholt , die mit Wasserstrahlen die Menge auseinanderzutreiben versuchten . Als dies nicht gelang , hat der ÁVH- Offizier mit einem gezielten Schuss aus der Pistole ein Zeichen gegeben . Die Soldaten , die vorher sogar mit zwei Maschinengewehren aufmarschierten , haben ohne Vorwarnung das Feuer gegen die Gefangenen eröffnet . Fünf starben sofort , der sechste Insasse starb auf dem Weg zum Krankenhaus an seinen Kopfschussverletzungen . Die Toten stammten aus Badesek , Ödenburg , Kaltenstein und Wudersch . Von den vielen Verletzten liegen keine Angaben vor , ihre Zahl schätzt man auf 20 bis 40 . Bis heute ist es nicht klar , wo man im Geheimen die Toten vergraben hat - genauso geheim wurden diejenigen verschart , die während der Arbeit verschüttet wurden .
Auf Deutsch , Ungarisch
Wenige Wochen nach dem Blutbad wurden die Deutschen vor Ort einwaggoniert und mit AVH-Begleitung zur österreichischen Grenze gebracht . Die beiden Anführer des „ Aufstandes ” durften nicht gehen : Sie wurden zu fünf bzw . sechs Jahren verurteilt und konnten erst ( dank der Intervention aus Bonn ) Ende 1955 in die Bundesrepublik ausreisen . Als „ Spätheimkehrer ” konnten sie sich niederlassen . Die Lebenden treffen sich bis heute und halten den Kontakt zu den Daheimgebliebenen , manchmal am Denkmal von Tiszalök .
Vor 60 Jahren gestorben

Der vergessene Brandsch

Rudolf Brandsch darf mit Recht auch als „ großer Ungamdeutscher ” genannt werden , auch wenn sein Name unseren Landsleuten unbekannt klingt , weil er ja nach dem Ersten Weltkrieg nicht mehr Bürger von „ Rumpfungarn ” gewesen ist . Das Schicksal wollte es , dass nach Trianon seine Heimat Siebenbürgen an Rumänien angeschlossen wurde . Wer aber das Leben und Wirken Jakob Bleyers studiert , dem wird Brandsch nicht mehr unbekannt Vorkommen .
Bleyer und Brandsch - beide waren Vorkämpfer für das Ungarndeutschtum , doch auf verschiedener Grundlage und mit ungleichen Vorstellungen .
Rudolf Brandsch entstammte einer sächsischen evangelischen Pfarrersfamilie aus Siebenbürgen . Er wurde am 23 . Juli 1880 in Medisch ( ung . Medgyes ) geboren und starb 1953 im Gefängnis Doftana ( Kreis Prahova - Rumänien ).
An den Universitäten Marburg , Berlin , Jena und Cluj studierte ; er Theologie und Philosophie . Er war schon während dieser Zeit ’ politisch äußerst aktiv und hatte sich nationalistisch-völkischen Organisationen angeschlossen , wie etwa der antisemitisch-nationalistischen Organisation Alldeutscher Verband . Nach seiner Rückkehr in die Heimat ( Siebenbürgen , damals Österreich-Un- | garn ) wurde er der bekannteste Vertreter der so genannten „ Grü- 1 nen ”, einer Fraktion der siebenbürgisch-sächsischen Politiker , die ein deutlich offensiveres Auftreten im Volkstumskampf des alten Ungarn verlangten ( hier im Bunde mit oder als Gegner zu Jakob Bleyer ).
Er wurde 1898 Mitglied der Burschenschaft Arminia Marburg , 1920 der Burschenschaft Teutonia Czemowitz und 1940 der Burschenschaft Primislavia Berlin .
Seit 1910 war Brandsch Abgeordneter im ungarischen Reichstag ( Budapest ), wo er ein Zusammenarbeiten der Politiker aller deutscher Minderheitengruppen verfolgte . Hier unterhielt er gute Beziehungen zu den radikalen rumänischen Abgeordneten und wurde von ihnen auch unterstützt . Besonders lag ihm eine Unter-
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