Sonntagsblatt 5-6/2013 | Seite 21

• Geschichte *
TISZALÖK - 60 Jahre
garndeutschen Landsleute „ so aa bissli ” ( so ein wenig ) jetzt Schwaben (?) sein wollen erscheint ihnen auffällig und sie folgern daraus : Viel Wasser im Wein , dann schmeckt er nicht mehr so richtig .
Wirklich , sehr merkwürdig !
Berichtigung / Ergänzung : Der im SB 4 / 2013 auf S . 4 erschienene Beitrag von Dr . Koloman Brenner „ Die deutsche Minderheit in Ungarn ” wurde aus dem Internet übernommen und gilt als Zweitpublikation .
• Geschichte *
Eine Station der ungarndeutschen Passion

TISZALÖK - 60 Jahre

Am 3 . Oktober 2013 wurde „ zu Ehren der Opfer des Gefangenenlagers Tiszalök ” im Ort eine Gedenkfeier - Konferenz und Kranzniederlegung - veranstaltet
Friedrich Tasnádi , einer der noch drei Überlebenden in Ungarn hielt eine Ansprache , in der er den ganzen Vorgang der „ Heimkehr ” aus russischer Gefangenschaft und die „ Wiedergefangennahme im Jahre 1950 ” in der Heimat schilderte . Er betonte , dass das „ Kapitel Tiszalök ” für die breite Öffentlichkeit Ungarns und auch der Welt heute noch kaum bekannt ist und auffallenderweise wird über Grund und Folgen des Aufstandes sogar auch im „ Haus des Terrors ” in Budapest kein Wort und Bild verloren , ebenso wurden Schuldige und Täter des Massakers bisher nicht zur Verantwortung gezogen .
Die „ Tiszalöker ” waren 5 Jahre in russischer Gefangenschaft und drei Jahre in Ungarn , in Tiszalök und Kazincbarcika in strenger Kriegsgefangenschaft . Es waren ca . 1500 Männer , davon waren 1200 Ungarndeutsche .
Sie mussten das 55-Megawatt Kraftwerk und die Schiffsschleuse in Tiszalök und das Chemiewerk in Kazincbarcika aufbauen .
Nachdem 1953 der damalige Ministerpräsident Imre Nagy die Heimholung aller Kriegsgefangenen versprochen hatte , hofften auch die Insassen des Lagers in Tiszalök auf ihre Freilassung . Doch die Zeit verging und es geschah nichts . Die Hoffnung schwand und die Ungeduld wuchs . Die Gefangenen forderten Aufklärung . Am 4 . Oktober 1953 kam es zu einer Demonstration , die brutal niedergeschlagen wurde .
Nachstehend ein Auszug aus den Aufzeichnungen eines Opfers der Willkür :
„... Nachdem mehrere unserer Schicksalsgenossen , die sich offen für unsere Freilassung ausgesprochen hatten , inhaftiert worden waren , wurde in einem jeden von uns unbewusst der Plan für eine einheitliche Aktion zur ihrer Befreiung reif . » Morgen wird nicht zur Arbeit ausgerückt «, ging es von Mund zu Mund . » Keiner soll antreten .« Alles befand sich am nächsten Tag im Hof . » Alles heraus aus den Barakkén !« - » Alles heraus ...« widerhallte es in der Menge . » Wir wollen endlich Schluss machen !« - » Es ist genug nach neun Jahren !« Unter solchen und ähnlichen Rufen wälzte sich die Menge in den Lagerhof , näherte sich bis auf 50 Meter dem Tor und nahm , einen großen Bogen bildend , von einer Baracke zur anderen Aufstellung . Eine dunkle Masse von geknechteten Gestalten kroch aus den niedrigen Barakkén , um ihren Willen und ihr Recht auf Freiheit unter Beweis zu stellen . Sie glaubten , nichts mehr verlieren zu können , nur noch zu gewinnen . Stürmisch erscholl es aus tausend Kehlen : » Gebt unsere Inhaftierten frei !« Die Garnison , wo die Wachmannschaft stationiert war , wurde alarmiert . Soldaten liefen mit Maschinenpistolen , Handgranaten und Stahlhelmen ausgerüstet in gebückter Haltung über die Straße und umzingelten das Lager . Zwei von ihnen zogen im Lauf schritt ein Maschinengewehr auf Rädern hinter sich her . Die Wachmannschaft nahm mit je zwei Mann um das Lager herum Aufstellung . Jeder Gruppe wurde noch zusätzlich eine Kiste Handgranaten gebracht . Es wurden drei MGs aufgestellt . Das Lager lag in voller Finsternis . Nach einiger Zeit erschien der Oberleutnant am Lagertor . Erfragte nach dem Anliegen der Lagerbelegschaft . Ein Sprecher antwortete mit lauter Stimme :
» Es gibt kein Auseinandergehen und keine Arbeit , ehe wir unsere Inhaftierten nicht herausbekommen und wir über unsere Entlassung keine Klarheit erhalten !«
Nur zwei Worte kamen aus dem Munde des Oberleutnants . » Nincs kegyelem !« ( Keine Gnade !) Er meinte damit , dass er die inhaftierten Sprecher auf keinen Fall freigeben würde . Die Wachmannschaften hatten inzwischen den Befehl erhalten , auf das verabredete Zeichen aus allen Rohren zu schießen . Am Tor stand einer unserer Aufseher , der » Boxer «. Erbost gab er das verabredete Zeichen und schoss mit seiner Pistole in die Menge . Sofort ging die Schießerei los , es krachte an allen Ecken und Enden . Die vordersten warfen sich sofort auf den Boden oder suchten Deckung hinter den Tischen ; andere versuchten , die Baracken zu erreichen . Einige schrien sogar , es seien nur » Platzpatronen «, doch das Fensterklirren und die Hilferufe einiger Verwundeter klärten sie bald auf , was los war . Im großen Gedränge wurden viele niedergetrampelt und die nächsten krochen über sie hinweg . Verwundete schrien um Hilfe . Einer , der von einem Explosivgeschoss schwer getroffen zu Boden sank , erhob sich noch einmal auf die Knie und schrie , die Fäuste gegen das Tor erhoben : » Mörder ! Mörder !«
Nachdem der Hof ziemlich leer geworden war , hörte die Schießerei auf . Er glich einem Schlachtfeld . Allerorten wälzten sich Gestalten in Staub und Blut . Wegen der Nacht konnte man nicht sogleich die am schwersten Getroffenen ausfindig machen ... Ein verwundeter Kamerad , der eine Kopfverletzung hatte , starb während des Transportes in ein Spital . Damit hatte sich die Zahl der Todesopfer auf fünf erhöht ..."
Die fünf Toten ruhen heute in der Parzelle 301 im Neuen Gemeindefriedhof zu Budapest . Fünf Holzkreuze mit den Namen :
Georg Gazafy ( Jahrgang 1902 ), Matthias Geistlinger ( 1917 ), Josef Schultz ( 1925 ), Hans Tangei ( 1926 ), Josef Widlhofer ( 1926 )
Josef Schultz war Budaörser . Ihm stellte die Deutsche Kulturgemeinschaft Budaörs einen Gedenkstein im „ Alten Friedhof ” zu Wudersch / Budaörs . - ri -
Die Gräber der in Tiszalök Erschossenen Ungarndeutschen in der Parzelle 301 des Gräberfeldes der Ungarischen Märtyrer
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