ich kann den Standpunkt der „ Doppelidentitätlern ” nachvollziehen . Die Betroffenen wähnen in ihrem Recht zu sein ; sie behaupten , gleichermaßen gute Deutsche und ebenso gute Madjaren ( nicht Ungarn ! - denn gute Ungarn sind wir ja alle sowieso , insofern wir Ungarn als unser Vaterland betrachten ) zu sein . Dies reicht ja - für die heutige Zeit . Und morgen ? Was wird aus den Doppelidentitätlern bzw . deren Nachkommen ?
Anstatt sich um eine eindeutige Entscheidung zu bemühen , stellt man die eigene Wankelmütigkeit als lobendes Beispiel hin . So in diesem Fall im Sonntagsblatt . Und das ist eben nicht nur merkwürdig , sondern unzulässig . Das Blatt ist wohl da um ( auch verschiedene ) Meinungen der Öffentlichkeit darzulegen , aber die Redaktion selber kann nur einer geradlinigen Meinung sein und soll versuchen , diese den Lesern eindeutig darzustellen . Es war doch schon immer so : Die Jugend weiß alles besser , macht alles richtiger , die Alten sollen sich eben fügen . Es war auch damals so , als wir Alten zur Jugend zählten . Doch damals hieß es : Bei den Alten liegt die Erfahrung und aus Erfahrung kann / soll man lernen .
Heute ist die Erfahrung der alten Generation nicht gefragt . Wenn doch , so erwartet man aus der Zeit von damals Berichte / Schilderungen / Meinungen , die dem jetzigen Zeitgeist entsprechen . Was einen anderen Klang hat , wird verpönt , verurteilt . Rücksichtslos , gedankenlos . Das zeitgerecht Zugeschnittene wird akzeptiert , - man scheut und verwirft eben sehr oft die Wahrheit . Aus Erfahrung kann ich sagen , dass - leider - gar viele unserer Alten sich diesem Zeitgeist-Wunsch angepasst haben . Gar oft wird nicht das gesagt was ( wie es ) wirklich war . Und so gehen denn auch Unwahrheiten oder Halbwahrheiten in die Geschichte ein . Ich wurde einmal bei einem Schulbesuch ausgelacht , als ich über die Schule meiner Jugendzeit berichtete und meinte , aus diesen Erfahrungen könnte man eben heute lernen , weil doch unser größtes Problem auch heute im Schulunterricht , im Nationalitäten-Schulsystem liegt . „ Jo , des war geschtr so ..., jetz lewe mr doch in anra andra Zeit !”
Und allgemein : alles was „ geschtr war ”, das kann nur schlecht gewesen sein , darüber lohnt es sich nicht zu reden . Im Internet fand ich unlängst die Heimseite eines landesweit bekannten Amtsträgers der Deutschen Landesselbstverwaltung . In seiner Lebensbeschreibung steht bei Muttersprache : magyar = Ungarisch . Als ich das der Verwandtschaft vorwurfsvoll erwähnte , kam die Antwort : Na , wir leben doch in Ungarn .
Und da meint Herr Guth noch in seinem eingangs erwähnten Beitrag „ Denn es obliegt jedem selbst , sich als Angehöriger einer Gruppe zu betrachten ”. Hm ! Ich würde sagen EINER Gruppe , ja . Fortsetzend heißt es dann „ Ich bin überzeugt , dass Vielfalt unsere Volksgruppe bereichert ”. Wirklich ? Die Erfahrung zeigt das Gegenteil . Auch wenn die letzte Volkszählung schöne Zahlen hervorgebracht hat . Ein bunter Außenanstrich für ein fragwürdiges Inneres . Dazu ein Beispiel :
Worüber man „ dischkuriert ”
Es war schon immer so , worüber man in Presseorganen nicht , direkt ' schreiben will , das veröffentlicht man in einer Glosse oder man gibt es in den Mund von » Außenstehenden «, z . B . in Form eines Geplauders oder Briefwechsels von ixbeliebigen Landsleuten .
So ist in dem sehr gut redigierten Nachrichtenblatt „ Batschkaer Spuren ” vom Juni d . J . ( Herausgegeben von der Gemeinnützigen Stiftung für die Ungarndeutschen in der Batschka , Redakteur Alfred Manz ) im » Briefkaschte « ein Briefwechsel zweier Schwaben zu lesen . Diesmal Thema : die Ergebnisse der Volkszählung von
2011 .
Da schreibt „ trManFred Mischke ” an den „ Stephavettr ” ( Auszug ):
„... Odr isch bei tr Schwowe die Angscht schun vorbei un jetz bekenne sich schun alli zu ihrem Daitschtum ? Bei manchi kann tes tr Fall sei , awr ich maan nit , dass tes so a großi Wirkung hät ’.
Die Statistik bleibt halt nar a Menge vun Zahlen und a jedr kann rauslese trfu , was er will . Wenn mr die Wahrheit erfoahre will , muss mr awr nit nar die Antworte , sondern die Frage aa näher aaschaawe . Vor 10 Joahre hot mr kenne uf die Frog zu welichti Nationalität du k ’ hersch un was deini Muttrsproch isch , nar a anzigi Antwort kewe . S letschti Moul woar awr aa a doppelti Antwort meglich . Tes haaßt , wenn jemand an erschti Stell ungarische Nationalität aakewe hot , hodr kenne noch an zweiti Stell aa die daitschi aakewe , wenn ‘ r durch die Éltre odr Großeltre was mit ’ m Daitsche zu tun hot odr zu tun khat hot . Tes haaßt awr far mich , dass mr die damaligi un jetzigi Ergebnisse miteinandr nit richtig vrgleiche kann .
Noch komischer schaat ’ s bei tr Mutrsproch aus . Die Zahl isch vun 33 774 uf 38 248 g ’ stiege . Vun ' tr aldi Generation sin in tr letschti Zeit viel k ’ starwe und ich hab Angschte , dass sie aa ' s Schwowischi mit ins Grab knumme hen .
185 696 Persone k ’ here zu tr Schwowe - zeigt die Statistik . Odr haaßt es richtig 185 696 Persone k ’ here aa zu dr Schwowe odr k ’ here aa a bissli zu tr Schwowe . Kenne die awr aa Daitsch ? Welle sie aa daitsch rede ? Gehn sie in den daitsche Verein und in die Daitschmess ? Nehme sie an daitschi Vranstaltunge teil und schikke sie ihri Kindr in die Nationalitätenschule ? Ware sie sich bei tr Wahle als Nationalitätenangehörige registriere ? Odr is tes bei ihne nar Modeerscheinung odr hoffe sie nar , dass so ihri Kindr leichtr a Kindrgarteplatz kriege ? Odr hot m ’ r wenigschtens 30 Persone im Darf trzu iwerrede kenne , dass sie Daitsch aagewe solle , nou kann mr nämlich 2014 die Wähl zu dr Nationalitätenselbstvrwaltunge ausschreiwe un wenn ’ s nou a Selbstvrwaltung gibt , nou kriegt ’ s Daft aa staatliche Untrstützung .
Ich waaß nit , wenn mr zum Wein zu viel Wassr gibt , nou schmeckt ‘ r nimmi sou richtich ...” Und Stephavettr antwortet seinem „ Freind Mischke ” „... Ich waas net , heb ich mich schun geprahlt , in ten letschti 40 . Jahr heb ich bei alli Völkszählunge teilgnumma ! Ta heb ich soviel Erlebnisse g ’ hat , mit so viel intressanti Leit un Familie heb ich mich getraffa . Also , ich khann saaga , ich pin in tem Thema an Fachmann . Tie Volkszählung von 2011 - maan ich halt - war fehlg ’ lunga , un wege ’ ter Anonimität a pissl nutzlos . Sich ’ r erinnerscht du dich noch , ohni Name hat mr ‘ s Platt ausfilla messa , un so hat mr tie Antworta aa net kontrolliera khenna . Tie Antwort uf tie Frage ter Nationalität Zuhörichkeit war gar net pflichtig . Pei mir hen so 15-20 % gar kha Antwort kewa ... Tie paar , tie sich als Teitscher aagewa hen , hen niemehr schwawisch g ’ redt , ( ploss aani hat hochteitsch , - un khaanr geht zu teitschi Veranstaltunga ’!) Also , tas in Ungarn noch 38 000 Leit lewa , tie sozusaaga im Alltag Schwawisch reta , tes bezweifl ich . Sichr erinn ’ rscht du dich noch , im Januar pei ter grossi Landesgala , wu schunball alli teitschi Abgeordnete vum ganza Land erschiene sin , heert rnr net aamal schwawisches Geschwätz ... Pei ten Schwaawa kha m ’ r sich vorstella , tass sie erkhenna hen , wenn sie a schun tie Sprach ’ vrgessa hen , - trotztem khan mr stolz sei ’ uf tie Ahne , un mir muss tes niemehr ableugne ’! V ’ leicht wella sie so tie Ahnen ehren , odr hen sie Gewisse ’ biss , tass sie tie Modrsprach vrgessa hen ? Na sickscht , ich pin aa net gscheidr ! Awr wenn tes so weidrgeht , ten sich tie Schwaawa pis zur nächschti Volkszählung ( 2021 ) wiedrum vrdoppla ...”
Unsere zwei Schwaben unterhalten sich über Ungereimtheiten der Volkszählung und begeben sich auf die Suche nach ( deutscher ) Identität , wobei sie aber diesen Begriff Identität nicht erwähnen , weil er eben „ unterm Volk ” nicht zuhause ist . Sie berühren ganz deutlich das Phänomen Doppelidentität , doch gebrauchen diesen Begriff nicht . Dass wahrscheinlich viele unserer un-
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