Das Spiel mit dem Begriff » Identität »
Es ist noch nicht lange her , dass der Begriff Identität Einzug in den Alltag gefunden hat . Heute gebraucht man das Wort laufend , ohne mit dessen Bedeutung im Klaren zu sein . Obwohl Identität auf vielen verschiedenen Gebieten von Wirtschaft , Wissenschaft , Kultur , Religion und ... Verwendung findet als Ausdruck der Gleichheit , des Gleichseins , so meinen wir Ungarndeutsche damit doch allgemein immer unsere „ nemzetiség - nemzeti hovatartozás ”, also unsere Nationalität - unsere Volkszugehörigkeit . Anno ( zur Zeit unserer Großeltern und früher ) hat man diesen Begriff nicht gekannt , richtiger gesagt , nicht gebraucht . Man war eben Deutscher oder Madjare oder Bunjewatze oder ... Auch in Mischehen . Kinder aus Mischehen sind dann zu dem oder zu jenem geworden , beeinflusst durch das Umfeld und die Schule . Dies kann ich an Beispielen aus meinem Dorf nachweisen . Da gab es in der Verwandtschaft eine Mischehe , der Mann war madjarischer Abstammung . Die Familie hat sich aber vollends zum Deutschtum bekannt . Ich kenne die Geschichte einer bunjewatzischen Familie . Der einzige Sohn hatte nur Schwabenburschen zu Freunden . Als die Freunde zum deutschen Militär einrückten , hat auch er sich freiwillig dahin gemeldet und hat später eine deutsche Familie gegründet . Ich kenne aber auch Schwaben , die ihren Namen madjarisieren ließen und nachher ihr Deutschtum endgültig leugneten . ( Heute sind sie wahrscheinlich wieder Deutsche mit einer „ Doppelidentität ”). Dann ist hier die Volkszählung von 1941 , als neben Muttersprache auch nach Nationalität gefragt wurde . Da hat es die nationalistische Politik Ungarns erreicht , dass in die Köpfe der Nationalitäten-Zugehörigen Verwirrung kam . Man kann doch als Schwabe oder Raitze oder ... ein magyar ( Madjare ) sein ; - also magyar nemzetiség ( ungarische Nationalität ) ist sogar auch dann richtig - so hieß es - wenn man kein Ungarisch kann und keine ungarische ( madjarische !) Vorfahren hat . So kam es , dass es in den 1940er Jahren dann Deutsche und „ a Deitsche ” ( auch Deutsche , die bei der Völkzählung 1941 überwiegend Deutsch als Muttersprache und Ungarisch - was eigentlich Madjarisch bedeuten soll - als Nationalität angegeben haben ) gegeben hat , wobei Letztere mit ihrer magyar nemzetiség ( ungarischen Volkszugehörigkeit ) doch auch ihr Deutschtum nicht völlig verleugnen wollten , sich aber doch als „ andere Deutsche ” betrachteten ( Völksbund und Anti-Völksbund , vielleicht Treuebewegung ).
Der Begriff „ Doppelidentität ” ist dann nach dem Zweiten Weltkrieg zum Modebegriff geworden . Es gab da eben die Angst vor dem Deutschsein und es gab ( und gibt ) viele Mischehen , weshalb man ein klares Bekenntnis scheute bzw . es war ( und ist ) der Zustand des „ ich weiß nicht , was ich wahrhaftig bin ”. Und man suchte einen Ausweg zu einem „ diplomatischen Bekenntnis ”. Der ungarische Staat hat dieses Bestreben freudig aufgegriffen und bot und bietet bei den Volkszählungen im Zeichen der „ freien Wahl der nemzeti hovatartozás = nationalen Zugehörigkeit ” die Möglichkeit , dass sich eine Personen zu zwei oder gar drei „ nemzetiség ” = Nationalitäten ( also Volkszugehörigkeit !) bekennen kann .
Die Labilität hinsichtlich Volkstum / Volkszugehörigkeit war auch früher - in der Zwischenkriegszeit - sehr gut bekannt , nur sprach man damals nicht über Doppelidentität , sondern über
„ Schwebendes Volkstum ”
Darüber schreibt Harold Steinacker in „ Südostdeutsches Archiv ” ( 2 . Band - erschienen 1959 im Verlag R . Oldenburg , München :
„ Um Bleyer zu verstehen und ihm gerecht zu werden , muss man mit der Erscheinung des » Schwebenden Volkstums « vertraut sein , das uns Ausländsdeutschen geläufig ist , aber in Binnendeutschland und in Westeuropa schwer verstanden wird . In gemischtsprachigen Ländern gibt es Familien und Individuen , die zweisprachig und national zwieschlächtig sind . Sie sprechen ihre Muttersprache * und die Staatssprache bzw . die Sprache der sie umgebenden fremdvölkischen Mehrheit nahezu gleich gut . Im Hause wird überwiegend noch die eigene Sprache bzw . Mundart gesprochen ; mit dem Gesinde , im Geschäftsleben , mit den Behörden dagegen die Staatssprache oder andere Fremdsprachen . Das Wesen solcher Menschen wurzelt in zwei verschiedenen Gefühls- und Vorstellungswelten , sie haben Anteil an der seelischen Welt zweier Volkstümer . Und diese Anteile verhalten sich verschieden zueinander , je nach der sozialen Schicht und Bildungswelt , der man angehört . In Ungarn etwa hatte das ländliche , dörfliche , kleinstädtische Leben vielfach eine deutsche , rumänische , slowakische , serbische Atmosphäre . Die Welt der Schule , des Akademikertums , der gehobenen Gesellschaft , der wenigen größeren Städte , namentlich aber der Hauptstadt war dagegen überwiegend madjarisch . Der gebildete Deutschungar ** bäuerlichen USprungs lebte in einem Schwebezustand , einem höchst labilen Gleichgewicht zwischen den beiden Welten , an denen er seelischen Anteil hatte . Erfühlte sich seinem Dorf wurzelverbunden , aber zugleich fühlte ersieh darüber hinausgehoben in die Oberschicht , die Herrenschicht des Landes , die ihn trotz seiner Herkunft vorurteilslos aufnahm unter der einzigen Voraussetzung , dass er madjarisch sprach und die Ideologie des Staatsvolkes von der einheitlichen „ politischen ” ungarischen Nation annahm , der auch die Nichtmadjaren zugerechnet wurden in der stillschweigenden oder ausdrücklichen Annahme ***, dass sie allmählich im Madjarentum aufgehen würden . Besonders gerne gesehen war der Deutsche , wenn er auch seinen Namen madjarisierte oder wenigstens seine Söhne Géza oder Árpád taufte .
Schwebendes Volkstum kann natürlich kein Dauerzustand sein . Die Familien entscheiden sich meist in der zweiten Generation für das eine oder das andere Volkstum . Oft fällt die Entscheidung auch innerhalb eines individuellen Lebens zwischen Kindheit und Alter .
Nehmen wir Jakob Bleyer und seinen Gegenspieler , den ( gewesenen ) ungarischen Außenminister Gustav Gratz Auch Gratz war deutscher Abstammung . Diese legitimierte ihn ja angeblich zur Führung im Ungarländischen Deutschen Volksbildungsverein , die ihm die ungarische Regierung nach Bleyers Ausscheiden ( Tod ) zuschob **** Aber wenn er auch bis zuletzt als „ Kulturdeutscher ” gelten wollte , bei den Volkszählungen gab er doch Madjarisch als Muttersprache an *****. Damit trat er aus dem labilen Zustand des Schwebenden Volkstums auf den festen Boden der Assimilation an das Madjarentum . Bleyer dagegen vollzog in seinen allerletzten Lebensjahren die radikale Wandlung zum deutschen Volkstum , ohne freilich seine Gefühlsbindung an das Staatsvolk ganz aufzugeben . ”
1 ) Dies gilt für die Zwischenkriegszeit . Heute sprechen die Ungamdeutschen auch in der Familie überwiegend ungarisch 2 ) Nach dem Ersten Weltkrieg gebräuchlich . Heute Ungamdeutscher 3 ) Der Zustand der heutigen Ungarndeutschen mit „ Doppelidentität ”, - der
Übergang ins andere Volkstum , wie heute vom Staat auch gewollt
4 ) Schon bei Vereinsgründung ( UDV ) durch J . Bleyer hat die Regierung G . Gratz als Vorsitzenden an die Vereinsspitze gestellt . Dies war die Bedingung für die Vereinsgenehmigung .
5 ) Laut Dokumentation der Vertreibung der Deutschen aus Ostmitteleuropa . - Das Schicksal der Deutschen in Ungarn ( S . 13 E . Anm . 1 )
Das Problem mit den Generationen der Vorkriegszeit
Ja gibt es diese noch ? Von der Generation der Vorkriegszeit sind wahrscheinlich nur mehr wenige Auslaufexemplare vorhanden . Herr Guth meint , deren Drängen auf ein Entweder-oder hinsichtlich Volkszugehörigkeit kann er nachvollziehen . Nun , auch
( Fortsetzung auf Seite 20 )
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