Sonntagsblatt 5-6/2013 | Page 17

dazu gibt das Mutterland Deutschland maßgeblich Unterstützung / Hilfe . Das macht dann sogar den schwäbischen Janosch Batschi im z . B . Schildgebirge stutzig und nachdenklich .
Wie drücken sich doch besagte Diplomaten bezüglich Unterstützung / Hilfe aus ? „ Hilfe zur Selbsthilfe ” heißt es einmal . Da schüttelt dar Janosch Batschi den Kopf und meint : Selbsthilfe ? Ja können wir selber uns noch helfen ? Und ein andersmal wird verkündet : „ Unsere Hilfe für das Ungamdeutschtum soll dem ganzen ungarischen Volk zugutekommen ”. Könnte man da nicht besser sagen : Wir helfen dem ungarischen Volk , denn somit wird auch dem Ungarndeutschtum geholfen !?
Na also , das ist die Diplomatie . Man gewöhnt sich dran . Es ist schon selbstverständlich , dass der Botschafter x und der Regierungsbeauftragte y mit Rücksicht auf die Freundschaft zu Ungarn sich „ diplomatisch ” äußern , d . h . auch dann Ungarns Nationalitätenpolitik loben und mit der Lage der Deutschen Minderheit in Ungarn zufrieden sind , wenn im Leben das Gegenteil wahr ist .
Doch gibt es - wie überall - auch unter Diplomaten Ausnahmen . Einer solchen positiven Ausnahme wollen wir hier gedenken :
Vor 20 Jahren verließ Botschafter Dr . Alexander Amot Ungarn
Über die Verabschiedung des Botschafters berichtet die Neue Zeitung ( Ungarndeutsches Wochenblatt ) auf der Titelseite der Nummer vom 18 . September 1993 und bringt auf Seite 3 auch ein mit ihm geführtes Interview . Es würde sich lohnen Letzteres vollinhaltlich hier zu veröffentlichen , wir müssen jedoch aus Platzgründen davon absehen . Nur eine Frage und die darauf gegebene Antwort wollen wir diesem Interview entnehmen :
NZ Frage : Seit langen Jahren wird die Lage der Minderheiten Ungarns im Ausland , besonders von den deutschen Politikern , als beispielhaft bezeichnet . Betrachten sie diese Lage auch so ?
Antwort von Herrn Amot : Nein . Ich unterscheide mich von den Politikern . Ich glaube , dass Politiker , die die Lage so charakterisiert haben , schlicht falsch unterrichtet gewesen sind und die Verhältnisse eben wirklich nicht kennen ...
Sozusagen als Erklärung dieser Aussage von Herrn Arnot bringt dann die NZ an das eigene Interview angeschlossen ein in „ Magyar Hírlap ” ( ungarisches Tagesblatt ) ein am 6 . September 1993 mit Botschafter Arnot geführtes Interview , welches wir unseren Lesern nicht vorenthalten wollen , weil daraus die ( damalige ) wahrhaftige Lage des Ungarndeutschtums zu ersehen ist , die sich dann auch in den darauffolgenden 20 Jahren ( also bis heute ) nicht wesentlich geändert hat . Was Dr . Arnot sagte ( so schreibt die NZ ) hat nicht allseits Freude ausgelöst . Das ging auch aus einer Reaktion am nächsten Tag in derselben Zeitung hervor ... („ Jobb lenni németnek Romániában ”? = Ist es besser Deutscher zu sein in Rumänien ?). Nachstehend das Interview mit Magyar Hírlap :
MH : Noch vor dem Systemwechsel bezogen sich deutsche Politiker oft darauf , in welcher ausgezeichneten Lage die deutsche Nationalität in Ungarn sei . Als positives Beispiel nannten sie die Behandlungsweise , mit der man sie behandelte , insbesondere im Vergleich mit der rumänischen Praxis . Heutzutage hört man viele Beschwerden aus dem Kreis der deutschen Minderheit . Wie sehen Sie dies ?
Amot : Ich kann mit voller Bestimmtheit behaupten , dass diese Wertung deutscher Politiker falsch war . Die Situation der deutschen Minderheit , die die neue , demokratische Regierung als Erbschaft empfing , ist nicht gut . Sie verlor ihre Identität , sie verlor weitgehend ihre Sprache . Und sie verlor sie deshalb , weil man ihre Schulen von ihr weggenommen hat . Dagegen erhielt die deutsche Minderheit in Rumänien ihre Identität , sie hat ein reiches Kulturleben , und ihre Lage ist viel besser , als die Lage der Deutschen in Ungarn .
Sonntagsblatt
Während die rumänischen , slowakischen Ungarn und die Ungarn der Woiwodina auch weiterhin ungarisch sprechen , konnten in Ungarn nicht nur die deutsche , sondern auch die anderen Minderheiten ihre Identität nicht bewahren . 1944-1945 hat man in Ungarn die Schulen der Deutschen , 1960 die der Slowaken , Serben und Kroaten geschlossen .
Es ist wahr , dass man später Nationalitäten-Klassen aufgestellt hat , wo man ein wenig auch in der Muttersprache unterrichtete . Die Zusammenarbeit der ungarischen Regierung mit der deutschen Regierung ist beispielhaft . Die wirklich wichtigen Sachen müssen noch geschehen , und das kann nur dann geschehen , wenn man das Minderheitengesetz auch in der Praxis anwendet . Ungarn hat mit diesem fortschrittlichen Gesetz ein Lob verdient , jetzt hängt alles davon ab , wie man dieses Gesetz in den kommenden Jahren anwendet .
MH : Warum haben sich dann die deutschen Politiker über die ungarische Minderheitenpraxis so positiv geäußert ? Sind sie vielleicht von der allgemeinen positiven Lage ausgegangen ?
Amot : Ich habe das Grundmotiv nie genau verstanden . Ich glaube , auf viele hat es einen starken Eindruck gemacht , dass die Bundesrepublik als erstes mit Ungarn 1987 ein Abkommen über die Förderung der deutschen Sprache und über die Unterstützung der deutschen Minderheit abschloss .
MH : Halten Sie die Zahl der deutschen Schulen , Klassen , den
Sprachunterricht für entsprechend ? Arnot : Leider nicht . MH : Meinen Sie , dass das finanzielle Gründe hat ? Amot : Es hängt von vielen Sachen ab . Von der Bildung der Lehrer , von den Unterricht-Hilfsmaterialien . Die Versorgung der Minderheiten mit Lehrbüchern für den Sprachunterricht ist katastrophal . Das ist eine weitere Ursache , dass der Unterricht in der Muttersprache , der Sprachunterricht selbst und der deutschsprachige Unterricht in den unterschiedlichsten Fächern zu wenig ist . Muster für die deutsche Minderheit hier , aber auch für die anderen Nationalitäten sollte die Zahl der ungarischen Schulen in den Nachbarländern sein . Aber wenn das ungarische Minderheitengesetz durchgeführt wird , dann werden die hiesigen Nationalitäten über mehr Schulen als die Ungarn , die außerhalb der Grenzen Ungarns leben , zur Zeit haben , verfügen .
MH : Als Sie davon sprachen , dass die Ungarndeutschen sehr glücklich wären , wenn sie soviele Schulen hätten , wie die Ungarn außerhalb der Grenzen Ungarns , denken Sie dabei an die allgemeine Lage der ungarischen Minderheit in den Nachbarländern ?
Amot : Nein , nur an die Schulen und daran , wieviele Stunden Programme in ungarischer Sprache im Radio und im Fernsehen gesendet werden . Merkwürdig ! So war es . - Merkwürdig ! So ist es .
Ja , auch heute noch gilt Ungarn für deutsche Politiker als Musterknabe , wobei die deutsche Muttersprache bei den Ungarndeutschen fast völlig verlorengegangen ist . Verloren aus Gründen , wie sie Botschafter Arnot vor 20 Jahren ausgesprochen hat . Und weil Ungarn seine deutsche Minderheit so sehr unterstützt , weil die deutsche Volksgruppe in Ungarn so lebendig ist ( nach Meinung deutscher Diplomaten ), so - kann man folgern - braucht sie doch von Deutschland keine große Hilfe . Richtig , die bekommt sie auch nicht .
Dies beweist ein in Spiegel ONLINE Politik am 17 . 11 . 2013
erschienener Artikel mit der Überschrift
„ Verantwortungfiir 19,14Euro ”( von Bertolt Hunger
und Christine Eimer ). Zitate aus dem Artikel : „ Auch 67 Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg sind sie nicht vergessen : » Deutsche Minderheiten « in Osteuropa werden vom
( Fortsetzung auf Seite 18 )
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