Sonntagsblatt 4/2025 | Page 7

JEDER UNGARNDEUTSCHE EIN MUSIKANT

Zu Besuch beim diesjährigen Landestreffen der Familienmusikanten
Von Martin Böhm
Am 22. November fällt der erste Schnee auf Waschludt / Városlőd, ein stilles Dorf, verborgen in den Tälern des Bakonyer Waldes. Bekannt ist es vor allem für sein außerordentlich gut erhaltenes ungarndeutsches Heimatmuseum, das regelmäßig von Schulgruppen aus Budapest und Touristen aus Deutschland angesteuert wird. Dort empfängt Onkel Toni, Tóni bácsi, ein alteingesessener Waschludter, die Besucher. Seine Familie wurde 1948 – anders als viele andere ungarndeutsche Familien – nicht vertrieben, weil sie zu wenig Land besaßen, wie er berichtet. Das Heimatmuseum zeugt von dieser wechselhaften Geschichte des Dorfes, das überdies für seine Musikalität berühmt ist. Onkel Toni zeigt Bilder aus dem Jahre 1937, als Waschludt über eine Musikgruppe mit mehr als zwanzig Mitgliedern verfügte, die im ganzen Land bekannt war. Zwischen den Exponaten sticht sodann auch ein prächtiges Instrument besonders hervor: das Zimbal( ung. Cimbalom) des letzten Dorfzimbalspielers, Josef Staub.
Musik ist hier aber kein bloßes Museumsexponat, und das Dorf gar nicht so still, wie es dem ersten Anschein nach wirkt. Das wird an diesem Abend besonders spürbar, als allmählich vereinzeltes Hundegebell von den vollmundigen Klängen der Tubas abgelöst wird: Waschludt ist nämlich dieses Jahr Gastgeber des 16. Treffens der Familienmusikanten, das vom Landesrat der Ungarndeutschen jährlich an wechselnden Orten organisiert wird. Ladislaus( László) Kreisz, Vorsitzender des Landesrates, beschreibt das Treffen poetisch: „ Das ist wie ein kleiner Tempel, in den wir hineinschauen dürfen“- ein intimes und familiäres Ereignis. Vier bis fünf Familien seien ideal, sagt Kreisz, sonst wäre das Programm zu lang, da jede Familie spielt drei bis vier Lieder. Man sitzt am Tisch, ohne Bühne, wie zu Hause. Die zwei Gründungsväter des Treffens – Josef Baling und Johann Fódi – hatten einst genau diese Idee: die lebendige Volksmusik der Ungarndeutschen sichtbar zu machen, insbesondere dort, wo sie zu Hause war, in den Familien, in denen sie von Generation an Generation weitergegeben wird. Denn die ungarndeutsche Musiktradition sei keine Angelegenheit einzelner Virtuosen oder professioneller Orchester. Vielmehr sei Musik auch Familiensache. Wenn Großeltern mit ihren Kindern und Kindeskindern gemeinsam musizieren, sei das der Ausdruck der musikalischen Identität, der musikalischen Muttersprache der Ungarndeutschen, so Kreisz. Und die Musik sei sowieso „ die Grundlage“ unserer Identität, fügt er hinzu. An diesem Abend treten zwar „ nur“ vier Familien auf, doch die Spannbreite ist groß: Ältere und jüngere Musiker, Profis und Liebhaber, Akkordeonspieler und Bläser. Vereint sind sie durch die Liebe zur traditionellen schwäbischen Musik.
Den Anfang macht das Wehring-Duo aus Deutschbohl / Bóly, Vater Gabriel( Gábor) und Sohn Matthias( Mátyás). Sie spielen „ Heimat o Heimat“, und sofort murmeln und schunkeln einige im Publikum mit. „ Frohe Jugend“ folgt, die Stimmung steigt, der Applaus ist groß, wie nach jeder Darbietung an diesem Abend. Der junge Germanistikstudent Matthias erzählt, dass ihn das Akkordeon schon als Kind fasziniert habe. In Bohl konnte er die Musikschule besuchen, wo er nach eigenem Bekunden auch schwäbische Lieder kennen lernen konnte. Die Familie seines Vaters ist ungarndeutsch, schwäbisch habe er als Kind noch mit Urgroßvater und Großmutter gesprochen, heute nicht mehr; dafür lernt( e) er Hochdeutsch in Schule und Universität. „ Unsere schwäbische Identität wird eher durch Musik und Kultur ausgefüllt, statt durch Sprache.“ Das gehe auch relativ leicht, wie er beteuert, denn eine Eigenheit der ungarndeutschen Musik sei, dass sie nicht schwer zu erlernen sei. Inzwischen musiziere er seit zwölf Jahren, seinen Vater Gabriel habe er vor sechs Jahren mit an Bord ziehen können. „ Vater hat angefangen, weil ein ungenutztes Akkordeon zu Hause rumstand“, sagt Matthias schmunzelnd. „ So wurde das Musizieren unser gemeinsames Programm.“ Drei- bis viermal pro Woche üben Vater und Sohn zusammen, mittlerweile treten sie auch in der Gegend um Bohl etwa im Rahmen von Familienfesten auf, so die beiden.
Es folgen die Familien Hermann und Galambosi aus Seetsche / Dunaszekcső. Schon die Urgroßväter hätten musiziert. Großvater Josef( József) Hermann erzählt, wie sein eigener Vater perfekt Deutsch gesprochen habe – und zwar nicht nur Mundart, sondern auch Hochdeutsch, das er in der Kriegsgefangenschaft erlernt habe. Die Sprache sei
7