RUNDTISCH-DISKUSSION ANLÄSSLICH DES 80. JAHRESTA- GES DER DEPORTATION UNGARNDEUTSCHER KALTENSTEINER
in der Familie nicht nachhaltig weitergegeben worden, aber die Musik schon, über Jahrzehnte hinweg. Mitte der 2000er gründeten Vater und Sohn schließlich zu zweit eine kleine Kammermusikgruppe, dann kam die Idee, dass auch die Kinder und Enkelkinder mitmachen sollten, so die Gesprächspartner. Die hätten zunächst nur zugehört – bis sie irgendwann selbst mitspielten: „ Unsere Vorfahren haben es uns vorgemacht. Wir wollen diese Tradition fortführen, in vierter Generation“, sagt Josefs Enkelin stolz. Vor zwei Jahren kam schließlich noch die Familie Galambosi hinzu. Beim damaligen Familienmusikertreffen des Landesrates wollten sie zeigen, „ dass wir in Seetsche nicht allein sind, dass mehrere Familien in unserem Ort diese Tradition weitergeben“. So sind sie heute zu fünft hier.
Der dritte Auftritt des Abends gehört der Familie Bauernhuber aus dem benachbarten Herend, die wiederum eine ganz andere Facette einbringt. Die Bauernhubers musizieren schon seit 25 Jahren, treten an vielen Orten auf, sind durch und durch professionelle Musiker. Und nicht nur das, denn Vater Josef( József) und seine Söhne Andreas( Andor) und Ákos sind auch noch nebenbei leidenschaftliche Hobby-Ethnographen. Sie sammeln schwäbische Lieder, bevor diese für immer vergessen und verschollen sind. Einige spielen sie auch heute vor. Angefangen habe ihre Musikerkarriere dabei eigentlich ganz unspektakulär – in der Familie: „ Unser Vater hat schon seine eigene Musikgruppe gehabt, wir sind sozusagen einfach direkt hineingewachsen.“ Auf der Musikschule in Herend konnten sie dann die Vielzahl von Instrumenten kennen lernen, die sie zu Hause in der Familie dann auf Schwäbisch zum Erklingen gebracht hätten. „ Unsere schwäbische Identität besteht zu einem großen Teil aus der Musik. Davon haben wir einfach am meisten mitbekommen“, meint Ákos.
Zum Schluss treten Gabriel( Gábor) Pappert und seine zwölfjährige Tochter Anna auf. Die Familie stammt aus Salka / Szálka, „ Donauschwaben seit 250 Jahren“ wie Gabriel feststellt. In Gabriels Kindheit sei im Auto seines Vaters immer schwäbische Musik gelaufen, die deutsche Sprache habe er dagegen nur schwer erlernt. Mit zwölf begann er nach eigenen Angaben zu musizieren, zwar spät, wie er meint, aber dafür umso leidenschaftlicher. Er habe es auch mit madjarischer Musik versucht, aber Freunde hätten immer gemeint, dass er sich lieber auf die schwäbische Musik konzentrieren solle, die liege ihm eher im Blut. Er tanzte und sang, nun begleitet er die professionelle Chor- und Tanzgruppe in Salka, seit nunmehr 30 Jahren, so Pappert. Doch die instrumentelle Musik ließ er nach eigenem Bekunden dabei schleifen. Das habe sich erst durch seine Tochter Anna geändert. Sie wollte wohl mit sechs Jahren ein Instrument lernen – und zwar das Akkordeon. „ Warum denn gerade Akkordeon? Das ist teuer!“, habe er sie gefragt. „ Damit du nicht allein auf der Bühne bist, Papa.“ Seitdem spiele auch Gabriel wieder regelmäßig Akkordeon, was er damit Anna zu verdanken habe. Anna liebe klassische Musik, besonders Bach, und lerne die Stücke mit Leichtigkeit. Gleichzeitig liebe sie die schwäbische Musik. Kein Wunder, sagt ihr Vater, dass sie in der Schule Deutsch viel leichter lerne als Englisch. Schon mit acht Jahren sei sie bei der ungarndeutschen Gala in Fünfkirchen auf der Bühne vor einem riesigen Publikum gestanden. „ Hab‘ keine Angst!“, soll sie ihr Vater beruhigt haben. Und sie habe großartig gespielt – „ Papa, das Publikum war doch gar nicht so riesig!“, habe sie bescheiden im Nachhinein gesagt. Wie stolz Gabriel auf seine Tochter ist, kann er gar nicht genug betonen: „ In ihrem Licht bade ich, und verberge mich in ihrem Schatten“.
Ein Satz, der nicht nur etwas über ihre Auftritte, sondern auch etwas über das Verhältnis zwischen den Generationen der ungarndeutschen Musiker verrät: Während die Jüngeren weitertragen, was die Älteren ihnen mitgeben, finden die Älteren neuen Glanz in der Begeisterung der Kinder. Auf ihren nächsten Auftritt freuen sich beide bereits: auf das „ Landestreffen der Musiker mit traditionellen Instrumenten“ am 15. Mai 2026. „ Das müssen Sie unbedingt erwähnen!“, rief Gabriel mir zum Abschied noch nach.
Als der Abend endet, der Schnee in Waschludt immer noch rieselt und der Bus nach Wesprim kaum von der Stelle kommt, fällt mir der tschechische Spruch „ Co Čech, to muzikant“ ein. Auf die Unsrigen angewendet: „ Jeder Ungarndeutsche ein Musikant“. Da ist mehr als eine Prise Wahrheit drin. Und dazu zählen natürlich auch die Zuhörer, die mit ihrer Begeisterung ihren kleinen Beitrag liefern, die Familienmusik lebendig zu halten.
RUNDTISCH-DISKUSSION ANLÄSSLICH DES 80. JAHRESTA- GES DER DEPORTATION UNGARNDEUTSCHER KALTENSTEINER
Interview mit der Hauptorganisatorin Eva Burda, Koordinatorin für Auslandsbeziehungen der Deutschen Nationalitätenselbstverwaltung Kaltenstein / Levél
SB: Frau Burda, wie kam es zu der Idee, eine solche Gesprächrunde durchzuführen?
EB: In den letzten 15 Jahren habe ich mit zahlreichen Vertriebenen und ihren Angehörigen Kontakt aufgenommen und ihre Geschichten erfahren. Ihre Schicksale ähneln sich zwar weitgehend, doch jede Geschichte ist einzigartig. Da sich in diesem Jahr 2025 der 80. Jahrestag der Vertreibung dieser Menschen jährt, dachte ich, es wäre gut, ihr Trauma in einem Gespräch zu teilen.
SB: 80 Jahre? Fuhr der erste Zug nicht erst im Jahr 1946 Richtung Deutschland los?
EB: In den ungarischen Geschichtsbüchern steht zwar: „ Der erste Zug voller Deportierter fuhr im Frühjahr 1946 nach Deutschland ab …“( am 19. Januar 1946 aus Wudersch, heute Gedenktag der Verschleppung und Vertreibung der Ungarndeutschen, Red.). Die Menschen in Kaltenstein mussten jedoch am 28. August 1945 ihre Häuser verlassen und wurden in die Schulhalle oder Scheunen zusammengetrieben. Von dort wurden sie am 7. September ins hermetisch abgeriegelte Zanegg / Mosonszolnok getrieben. Deshalb reden wir in Kaltenstein vom Tag der Deportation von 1945 und gedenken jedes Jahr am letzten Samstag im August der Vertriebenen.
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