Sonntagsblatt 4/2025 | Seite 6

nen deutschen Namen hatte. György Kertész, der Leiter der Deutschen Rundfunkredaktion in Budapest, der auch für die Neue Zeitung schrieb, konnte Deutsch, aber hatte eben einen ungarischen Namen und war somit ungeeignet. Dann wurde gesagt, ich soll etwas schreiben und ein paar Fotos machen und einreichen. Das wurde akzeptiert und gesagt, ich könne gleich beginnen. Das war noch vor dem Abschluss des Semesters und ich habe gesagt, dass ich noch die letzten Ferien auskosten möchte. So bin ich zum 1. September 1970 in die Redaktion eingetreten.
Tatsächlich hat mich gleich Wild Frici bácsi( Friedrich Wild, Red.), der Generalsekretär des Verbandes, mit einem Auftrag versehen: Ich soll in Paumasch / Pomáz einen Schwabenball eröffnen und das habe ich auch getan. Da war der Humorist Brachfeld Siegfried zu Gast. Siegfried Brachfeld war beim deutschen Rundfunk Budapest, dabei wurde er herausgeworfen, war verfeindet mit György Kertész und mit einem anderen Stasimann. Damals war die Jagdweltausstellung in Seksard und er hat den Witz erzählt, wonach dieser Genosse diesen Bock, ein anderer jenen Bock geschossen habe. Er hat diesen Witz auch beim Schwabenball vorgetragen, setzte aber die Namen von Kertész und des Stasi-Mannes vom Rundfunk ein. Niemand wusste außer mir, wer da gemeint ist, alle haben natürlich gelacht und das war die Rache von Brachfeld Siegfried. Also ich begann dann auch für den Verband zu arbeiten. Ich war im Kulturausschuss und im Presseausschuss tätig, war beim „ Reicht brüderlich die Hand”-Wettbewerb Jury-Mitglied – ich habe eine ziemlich vielfältige Arbeit geleistet. In diesem Jänner war ich beim Mundarttag in Tscholnok, und eine Dame sagte mir: „ Ach, ich muss mit Ihnen reden!” „ Ja, gerne, bitte, ich bin da!”, entgegnete ich. „ Sie haben vor 40 Jahren”, sagte sie, „ hier in Tscholnok meinem Sohn eine Urkunde übergeben, der war nämlich Musiker und jetzt ist er mit dem Gewandhausorchester in Japan gerade auf Tournee.” Also, er ist da ein großer Musiker geworden. Das sind ja solche Episoden, die einem Freude machen.
SB: Die Wende hat einschneidende Veränderungen gebracht, auch im Leben der Ungarndeutschen. Wir feiern dieses Jahr 30 Jahre Gründung der Landesselbstverwaltung. Welche Bilanz würdest du ziehen?
JS: Es ist schwierig, Bilanz zu ziehen. Es ist schon eine interessante Aufgabe, eine interessante Arbeit in diesen Gremien bei der Landesselbstverwaltung und bei der Budapester Selbstverwaltung. Ich war eine Zeit lang Vorsitzender der lokalen Selbstverwaltung im elften Bezirk, wo ich wohne. Ich glaube, die Gestaltungsmöglichkeiten sind wichtig geworden. Die Landesselbstverwaltung hat schon unter Otto Heinek begonnen, Institutionen zu übernehmen und das ist eine sehr wichtige Aufgabe. Mittlerweile ist ein kleines Reich an Bildungszentren und Institutionen entstanden. Und die Tatsache, dass die lokalen Selbstverwaltungen Schulen oder Kindergärten übernehmen können, ist auch sehr wichtig. Die Selbstverwaltung hat einen gewissen Einfluss auf den lokalen Lehrplan. Natürlich muss man den Nationalen Lehrplan einhalten. Die Deutsche Selbstverwaltung bestimmt, wer der Direktor oder der Leiter ist und kann auch Einfluss nehmen, dass zum Beispiel etwas mehr Deutsch geredet wird in den Schulen, in den Bildungseinrichtungen, was das Wichtigste wäre, denn sonst geht die Sprache verloren und das wäre eigentlich das Ende unserer Volksgruppe.
SB: Apropos Sprache: Wo drückt der Schuh, welche Herausforderungen, Probleme siehst du?
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JS: Das ist die Sprache, das war schon immer. Ich kann mich erinnern, als’ 78 Unser Bildschirm entstanden ist und ich bei den Aufnahmen mit Elisabeth Knipf, Martha Stangl oder Johann Wolfart deutsch geredet habe. Da hat man uns vorwurfsvoll gefragt: „ Wieso redet ihr deutsch?” Wir entgegneten, dass das eine deutsche Sendung ist. Sowas muss man einfach aushalten – aber das ist auch eine Einstellungssache: Als wir in Zwickau waren bei einer Weiterbildung, meinten die Gastgeber, jetzt besichtigen wir eine Sehenswürdigkeit mit einer ungarischen Reiseleiterin. Daraufhin sagte ich: „ Danke, aber wir brauchen einen deutschsprachigen Reiseleiter! Wir sind Deutschlehrerinnen und-lehrer und wir sind da, um unsere deutschen Sprachkenntnisse zu verbessern.” Es gab natürlich Murren bei den lieben Deutschlehrerinnen und-lehrern, aber nur so kann man das Ziel erreichen.
Mittlerweile ist das einerseits besser geworden in einigen Schulen, andererseits ist das familiäre Umfeld schon ziemlich weit assimiliert. Es gibt das VUK-Familienwochenende- angeboten von einem Verein, wo die Eltern versuchen, ihren Kindern die deutsche Sprache beizubringen oder sie zweisprachig zu erziehen, was ich wichtig finde. Aber wenn ich höre, dass eine Politikerin in der Branau mir sagt: „ Wissen Sie, diese armen Kinder in Brüssel müssen drei Sprachen lernen!”, kann ich nur sagen: „ Das ist ja sehr, sehr gut!“ Sie meinte, das sei furchtbar, das Kind müsse zuerst eine Sprache lernen und dann später Fremdsprachen dazulernen! Das ist leider bei den Kindergärtnerinnen sehr stark verbreitet und das kann man schwer in bessere Bahnen lenken. Bei den Fortbildungen des Ungarndeutschen Pädagogischen Zentrums hat sich mittlerweile das Modell „ Eine Person, eine Sprache” herumgesprochen. Die Zahl der Muttersprachler bei der Volkszählung ist aber drastisch zurückgegangen. Deswegen ist die Aktion „ Ich spreche gerne deutsch” von Alfred Manz eine sehr wichtige Sache und die unterstütze ich voll und ganz. Ich kann mich erinnern, als ich seine Eltern kennen gelernt habe in Baje, habe ich die Mutter gefragt, wie es kommt, dass sie zu Hause deutsch reden. Daraufhin sagte sie: „ Als die Kinder aus der Schule nach Hause kamen und in der Küche nach „ leves” verlangten, habe ich gesagt, dass ihr jetzt schön rausgeht, anklopft und reinkommt und nach „ Suppe” verlangt.” Also das sind Methoden, die drastisch klingen, aber das ist, glaube ich, der einzige Weg. Das Beispiel der Familie Manz zeigt, dass auch die jüngsten Generationen in der Mundart aufwachsen und diese auch weitergeben können. Leider gibt es sehr, sehr wenige solche Familien. Ich bin der Meinung, dass die Sprache die Grundlage ist, und wenn die Sprache wegfällt, dann ist alles Tanzen und Singen völlig umsonst, also das bringt dann nichts.
SB: Lasst uns einen kleinen Blick in die Zukunft wagen: Wo wird das Ungarndeutschtum in 30 Jahren stehen?
JS:( lacht): Das weiß ich nicht. Wo ich stehe oder liege, das weiß ich. Ich bin immer zuversichtlich, ich war immer ein Berufsoptimist und habe immer das Gute gesehen und das gute Beispiel auch versucht zu verbreiten und publik zu machen. Deshalb hoffe ich, dass wir, wenn eine kleinere, aber doch eine bewusste Minderheit noch haben werden, auch in 30 Jahren.
SB: Johann, vielen Dank für das Gespräch. Mit Johann Schuth sprach Richard Guth.