Sonntagsblatt 4/2025 | Página 5

Mein Vater wollte eigentlich, dass ich am Leőwey-Gymnasium in Fünfkirchen weiterlerne, aber meine Mutter ging ins Lajos-Nagy-Gymnasium und ließ mich in die Lateinklasse einschreiben. Also, ich habe Latein gelernt, bei der Frau von Béla Szende. Das habe ich auch nicht bereut, aber als ich meinem Vater erzählt habe, dass ich Geschichte studieren möchte – wir hatten einen ausgezeichneten Geschichtslehrer –, da hat er gesagt, dass ich auch etwas Vernünftiges studieren soll: Deutsch. Bloß, ich habe am Gymnasium nicht Deutsch gelernt, also musste ich alle Klassenprüfungen nachholen und auch die Matura dann in Deutsch ablegen. So schaffte ich die Aufnahmeprüfung an der ELTE und studierte Germanistik und Geschichte. Ich habe mich in Budapest ganz wohl gefühlt, ehrlich gesagt, ich war im Eötvös-Collegium. Damals begann man den alten Ruhm wieder aufzubauen als Fachkollegium. Da durften wir uns im zweiten Studienjahr bewerben, wenn man gute Noten hatte, dann konnte man dort Mitglied werden. Das ging damit einher, dass man eine zusätzliche Fremdsprache lernen und ein Fachseminar zusätzlich besuchen musste. Man durfte in diese herrliche Bibliothek in der Ménesi út einfach hineingehen- also zu den Büchern direkt und dort arbeiten. Das war eine wunderbare Atmosphäre- sehr inspirierend. Wir waren zu dritt in einem Zimmer. Der eine Zimmergenosse war János Szabó, der Germanist, der leider verstorben und ein sehr guter Freund geworden ist, mit dem ich viel zusammengearbeitet habe- auch bei VUdAK. Ich hab mich in der Stadt ziemlich schnell zurechtgefunden. Ich hatte zwei Freundinnen gehabt, mit denen wir die Nächte durchgezecht haben. In den sechziger Jahren war so eine Art Aufbruchzeit- in der Zeit des Prager Frühlings’ 68. In Budapest gab es die so genannten „ Stripkilenc-Lokale“. Die waren keine richtigen Striptease-Lokale, es blieb immer ein Stück an den Damen hängen. Deshalb nannten wir sie StripKilenc und nicht Striptíz( ein Wortspiel: „ kilenc” steht für die Zahl 9, „ tíz” für 10- aufgrund der klanglichen Nähe zum englischen „ tease”, Red.). Das waren oft ziemlich furchtbare Vorstellungen: Wir mussten manchmal sehr laut lachen, so dass wir fast rausgeworfen wurden.
Am Fachkollegium war es eine sehr gute Gesellschaft. Es waren fast 100 Germanisten und Geschichtsstudenten und es war sehr interessant mit den unterschiedlichen Professoren: Am Germanistischen Institut waren Prof. Anton Madl, Prof. Claus-Jürgen Hutterer, Prof. Georg Kramer, Prof. Karl Mollay, János Juhász- also lauter großartige Namen, mit denen wir natürlich deutsch reden mussten, nicht nur während der Vorlesungen und Seminare, sondern auch in den Pausen und sonst. Das war selbstverständlich- heute leider nicht mehr. Also das war eine sehr gute Zeit und ich fand mich in der Hauptstadt gut zurecht, auch wenn ich heute noch sage, dass ich ein Willander bin. Ich bin zwar seit’ 65 praktisch ein Budapester, aber die Hauptstadt ist mir immer noch ein bisschen fremd.
SB: Es war also die Zeit nicht nur des Beginns der Arbeit für die Neue Zeitung, sondern auch der Beginn des Engagements für den Deutschen Verband …
JS. Ich habe Wendelin Hambuch zu verdanken, dass ich hier bin. Wir waren nämlich als Studenten eingeladen zur Synchronisierung von Filmen: Das war irgendein SS-Propagandafilm und der Wendelin war dort vom Rundfunk, er hat ja auch ein bisschen zusätzliches Geld verdient und hat mich gefragt- das war schon im letzten Studienjahr-, ob ich’ was vorhabe. Ich habe gesagt, dass ich noch keinen Plan habe. Damals gab es diesen Pflichtunterricht: Ein halbes Jahr musste man Geschichte, ein halbes Jahr Deutsch unterrichten- das hat mir eigentlich Spaß gemacht. Dann hat er sich meine Adresse notiert und einige Wochen später wurde mein Name per Lautsprecher ausgerufen mit der Bitte, dass ich ins Direktorenbüro kommen soll. Géza Hambuch war am Apparat, der gefragt hat, ob ich Lust hätte, bei der Neuen Zeitung zu arbeiten. Ich hatte keine Ahnung, dass es eine Neue Zeitung gibt, aber wir haben einen Termin vereinbart und ich bin dann hingegangen. Genosse Graber war der Chefredakteur, ein ehemaliger Offizier, der entlassen wurde, weil er’ 56 als Kommandant von Stuhlweißenburg nicht auf die Aufständischen schießen wollte. Also das ist ihm zugute zu halten. Ja, aber sonst konnte er nicht Deutsch, aber wurde ernannt, weil er diesen schö-
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