schrieben hat, deshalb verweise ich immer auf Arcanum, denn dort kann man nach Namen, nach Gemeinden und nach Fotos suchen.
SB: Du hast ja erwähnt, dass du in Willand aufgegewachsen bist- in einer Familie, die man als bürgerlich bezeichnen kann-, was doch einen Unterschied darstellt zu der Mehrzahl der Ungarndeutschen, die einen bäuerlichen Hintergrund haben. Ich beziehe mich jetzt nicht nur auf Willand, sondern auch auf das Umland: Wie hast du diese kleine( deutsche) Welt der Fünfzigerund Sechzigerjahre erlebt?
JS: Es war ein sehr schöner Ort, ein Weinort. Mein Vater war Arzt, jeder kannte ihn. Und er war nicht nur Hausarzt, sondern auch Zahnarzt, so dass aus der ganzen Umgebung Leute zu ihm gekommen sind. Er war Schulzahnarzt noch dazu: Er hat an 16 Schulen die Zähne der Schüler gepflegt, zusammen mit meiner Mutter. Zum Beispiel Otto Heineks Zähne hat er in Ordnung gebracht. Mein Neffe, Dr. Gábor Schuth, war bei einem internationalen Kongress irgendwo und jemand aus Amerika kam auf ihn zu und hat gefragt, ob Heinrich Schuth mit ihm verwandt sei. Mein Vater hat ihm nämlich einen Zahn repariert. Also seine „ Produkte“ sind heute noch weltweit zu sehen. Er war ein ausgezeichneter Arzt, der mit seinen deutschen Patienten deutsch, mit den Ungarn ungarisch sprach. Ich hatte in der Schule Deutschunterricht, in der Kirche wurden deutsche Messen gehalten und deutsch gepredigt, das gehörte dazu. Sebastian Elm war der Pfarrer, die große Messe um 10 Uhr war die deutsche Messe, die wir allerdings nicht besucht haben, denn wir waren immer bei der Frühmesse um 8:00 Uhr, das war dann ungarisch. An Festtagen war alles zweisprachig, zweisprachige Predigt, Evangelium, Lesung, und der Chor hat natürlich deutsch gesungen. Man hörte die Leute nach der Messe sich in der Mundart unterhalten, das war einfach selbstverständlich.
Wir hatten eine Parlamentsabgeordnete, irgendein LPG- Mitglied, eine Frau, deren Namen weiß ich nicht mehr – früher war ja Jakob Bleyer der Parlamentsabgeordnete von Willand. Und hier war auch der Volksbund ziemlich stark. Aus diesem Grunde war auch die Retorsion entsprechend, viele flüchteten eben und viele wurden vertrieben. Im Ort
4 stand auch eine serbische Kirche, die serbische Schule funktionierte aber da nicht mehr. Die Kirche auch selten, da es in Willand nur fünf Familien gab. Fast alle haben nach dem Ersten Weltkrieg optiert und sich nach Jugoslawien übersiedelt. Und da waren die Ruinen der jüdischen Schule und eine Synagoge, die war noch intakt, aber sie wurde dann verkauft an einen Ungarndeutschen, der das Haus dann wieder errichtet hat. Und wir haben dort noch in den Ruinen geraucht und gespielt. Also das war ein ziemlich interessantes Miteinander und Zusammenleben, das mich geprägt hat.
SB: Du hast ja vorhin erwähnt, dass ein Großteil der deutschen Bevölkerung geflohen beziehungsweise vertrieben worden sei und an ihre Stelle Jugoslawiendeutsche gekommen seien …
JS: Ja, trotzdem blieb der Ort zur Hälfte deutsch, weil viele Deutsche aus Kroatien geflohen sind, aus der Unteren Branau. Die waren auch selbstbewusster als die Ungarndeutschen, das muss man wohl sagen. Dann zogen auch aus den kleinen, umliegenden Dörfern wie Jakfall / Kisjakabfa oder Gowisch / Villánykövesd Ungarndeutsche nach Willand, die sowieso ihre Kinder in die Schule schicken mussten – die wurde so eine zentrale Schule, die kleinen Dörfer hatten dann keine Schule mehr. Also deswegen ist in Willand doch ein ziemlich starkes Ungarndeutschtum entstanden, mit Kulturverein und zweisprachigem Unterricht: Josef Michaelis aus Schomberg / Somberek unterrichtete dort Deutsch und Geschichte und war stellvertretender Schuldirektor. Elisabeth Troszt war auch Deutschlehrerin dort, die heute noch Vorsitzende der Deutschen Selbstverwaltung ist und sehr viel tut. Zum Beispiel hat sie nun die ehemaligen deutschen Gassennamen offiziell anbringen lassen. Unsere Straße hieß im Volksmund früher Schuth- Gasse, weil mein Urgroßvater zwei Häuser dort gehabt hat.
SB: Du hast dann studienbedingt Willand verlassen und warst mit großstädtischen Milieus konfrontiert. Das war für viele Schwabenkinder vom Lande durchaus eine Zäsur. War das auch für dich eine Zeitenwende?
JS: Eigentlich nicht, denn eine Zäsur gab es schon vorher: