- Gutn Morgn! Konntest du nicht schlafen?
- Ich mache heute den Weckruf mit der Steirischen und habe mein Stück geübt...
- Du? Nein... wir machen heute den Weckruf.- Nein, bestimmt nicht....
Inzwischen sind meine Musikkollegen angekommen und wir haben die Situation in Sekunden geklärt und haben die Steirische sofort integriert. Die Weckruf-Band war von zwei auf vier Musiker gewachsen. Was für eine Flexibilität und Gemischtheit!
Die Tempi von den Musikstücken waren zum größten Teil bequem und ruhig- ich würde lieber nicht den Begriff langsam benutzen, weil die Tänze in Bayern und Ungarn trotz gemeinsamer Wurzeln oft anders sind- und werden viel strenger an die verschiedenen Tanzarten angepasst. Die Auswahl an Tanzarten war reich: Rheinländer, Schottisch, Zwiefach, Boarisch, Dreher, Walzer, Galopp. Der Nachschlag( musikalische Begleitung) spielt eine deutlich markante Rolle. Bei geringer Musikerzahl ist er viel wichtiger als z. B. die zweite Stimme. Der Nachschlag ist immer wichtig, gut hör- und spürbar.
Ich hatte das Gefühl, Volksmusik in Bayern sollte nach Regeln und Formeln unterrichtet werden. Das Prinzip ermöglicht den leichten Wechsel zwischen den Instrumenten. Auch die Liebe zur Musik war immer spürbar. Was ich damit meine? Unsere Referentin hat bei der musikalischen Gruppenarbeit mehrere Beispiele für uns gezeigt, wie Musik geformt werden soll. Für sie waren die technischen Fähigkeiten des einzelnen Musikers nicht das Wichtigste, sondern sie hat uns die Fröhlichkeit, den Sonnenschein, das Fliegen und die Freude am Zusammenspiel beigebracht. Viele Tonaufnahmen hat sie uns abgespielt, wo die Wirtshausmusikanten einfache Landsleute waren, keine Profis. Aber sie haben so fetzig, so geschmackvoll aufgespielt, dass man sofort Lust zum Tanzen und Singen bekam. Und wir sind wieder bei der Dreifaltigkeit.
Die Organisation war sehr aufwendig. Es wurde darauf geachtet, dass der ganze Programmablauf reibungslos abgewickelt werden kann. Wichtige und nützliche Kleinigkeiten waren überall zu finden wie z. B. Programmheft der Woche in Hosentaschengröße, kleine Holzscheiben- Namensschilder, Wand für gelernte Lieder, allgemeine Informationen und Rückmeldungen bezüglich der Volksmusikwoche. Wein und Bier waren einfach aus der Küche zu nehmen, in der Tabelle zu dem entsprechenden Namen einzutragen und erst am letzten Tag sollte man alles bezahlen.
Am letzten Tag war der Abschiedsabend mit vielen schönen Tänzen und Musik. Nach dem offiziellen Abendprogramm blieben wir auf dem Flur. Einige haben Tracht angezogen, einige saßen in lockerer Kleidung, eine stützte sich am runden Bartisch, einer saß auf dem Boden. Weingläser in den Händen- es wurde stundenlang gesungen. Was für ein Lebensgefühl! Ein Lied erklang nach dem anderen. Was für ein Zufall, glaubte ich bei der ersten Strophe eines Liedes. Wir singen in Ungarn auch ein Volkslied über einen Nussbaum mit der gleichen Frage im Text, aber die Melodie ist anders und die nachfolgenden Strophen sind völlig fremd für mich. Es soll ein anderes Lied sein, dachte ich. Dann kamen die 6. und 7. Strophe und mir ist es sofort klar geworden: Das ist das gleiche Lied mit der kompletten Geschichte- mit einer anderen Melodie. In Ungarn sind nur die letzten zwei Strophen geblieben, deren Text ich zwar immer verstanden habe, obwohl die Logik mir immer fehlte... Hier fand ich die Vorgeschichte dazu. So ist es mir bewusst geworden, worum es im Lied eigentlich geht.
Ein anderes Beispiel gab es auch. Zu Hause in Ungarn habe ich mehrmals einen ungarischen Text zu einem Walzer gehört: „ Mit ér a rózsafa, ha rózsa nincs rajta? Mit ér a szerelem, ha szeretőm nincsen?“ Und hier wurde gesungen: „ Und was nützet mir die Rose, wenn die Blätter fallen ab? Und was nützet mir mein jungfrisch‘ s Leben, ja wenn ich keine Liebe hab?“ Volkslieder sind ‚ was Besonderes: Immer ein bisschen anders, etwas Ähnliches, manchmal mit der gleichen Melodie, manchmal mit einer völlig anderen Melodie, in jedem Dorf, jedem Land anders, aber trotzdem ist es das Gleiche! Das ist das Schöne. Ich glaube, dass die Wurzeln unserer ungarndeutschen Volkslieder zwar in Deutschland liegen, aber die Geschichte der Ungarndeutschen nach dem Zweiten Weltkrieg hat diese Wurzeln zum größten Teil getötet.
Ich könnte noch stundenlang über meine Erlebnisse und Erfahrungen berichten. Worte, Tonaufnahmen, Bilder und Videos können die richtige Atmosphäre von Herrsching leider nicht wiedergeben. Eines ist doch auf jeden Fall in mir klar geworden: Für die Bewahrung unseres Erbes müssen wir in Ungarn unser Bestes geben. Jede einzelne Person soll ihre Arbeit tun, so kann sich eine starke Gemeinschaft weiterentwickeln. Ich persönlich habe eine Menge Motivation erhalten, um meine Forschungsarbeit von Volksliedern in der 25. Stunde fortzuführen und mein Projekt „ Mus-I-Zua“( Treffen der ungarndeutschen Musikanten) weiter zu organisieren und zu entwickeln.
Auch bei dieser Deutschlandreise setzte ich mir ein fachliches Ziel. In diesem Fall wollte ich nicht nur der Einladung folgen, nicht nur neues Wissen erwerben oder mich richtig wohlfühlen. Das war ohne Zweifel auch sehr wichtig, nützlich für mich und hat auch- Gott sei Dank- schön geklappt. Mein Hauptziel ist, talentierte ungarndeutsche Sänger, Musiker und Tänzer zu fördern, damit sie auch ihr fachliches Wissen und die kulturelle Sichtweise erweitern können. Aber in Herrsching war ich nicht die erste Schwalbe. Jahrzehntelang funktionierte eine Partnerschaft zwischen Herrsching und Ungarn. Im Rahmen dieser Partnerschaft durften jedes Jahr Teilnehmer aus Ungarn zur Volksmusikwoche fahren. Ich persönlich kenne viele Leute, die damals in Herrsching mit dabei waren. Die meisten sind bis zum heutigen Tag Flaggschiffe der ungarndeutschen Tanz-, Musik- und Gesangskultur.
Ja, in Herrsching haben wir nicht nur Theorie, sondern überwiegend alltägliches Wissen vermittelt bekommen, das unsere Kunst fördert. Wir wissen ganz genau, dass Praxis mehr als tausend Worte sagt. Ich bin auf jeden Fall glücklich, diese Wahnsinnswoche erlebt haben zu dürfen.
Am letzten Vormittag verabschiedeten sich alle Teilnehmer und Referenten: „ Hops hodarei duljo, Pfiat Gott beinand!“- erklang der Abschieds-Jodler nicht nur aus 100 Kehlen, sondern auch aus 100 Herzen.
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