DEUTSCHE WURZELN IM SEMPLIN-GEBIRGE
Von Vinzenz Szűcs-Cilli
Karlsdorf / Károlyfalva liegt zwischen Sárospatak und Sátoraljaújhely am Fuße des Semplin-Gebirges eingebettet zwischen Hügeln und Weinbergen. Das kleine Dorf, wo die Vergangenheit noch im Glockenlaut zu hören ist, zählt rund 300 Einwohner und gehört damit zu den kleineren Gemeinden der Region, dennoch werden seine Geschichte und kulturelle Identität immer noch gepflegt.
Die Geschichte Karlsdorfs reicht bis ins 18. Jahrhundert zurück. Dem Fürsten Trautsohn gehörte das Gebiet und nach der Erkenntnis des Bevölkerungsmangels ließ er Schwaben aus seinen Besitzungen in der Nähe der Donauquelle ansiedeln. Diese Siedler gründeten drei Gemeinschaften: Ratka( u)/ Rátka, Trautsondorf / Hercegfalva und Karlsdorf. Wie im ersten schriftlichen Zeugnis steht, hieß das Dorf Carolfalve und wurde nach dem Sohn des Fürsten benannt. Auf diesen historischen Grundlagen entwickelte sich im Laufe der Jahre ein lebendiges Dorfleben, das noch heute von der Kultur und der Gemeinschaft seiner Bewohner geprägt ist.
Bis heute spiegelt sich das Erbe der ersten Siedler im Dorfleben durch Feste, gemeinschaftliche Veranstaltungen und kulturelle Initiativen wider. Das Dorfhaus dient dabei auch als zentraler Treffpunkt für Feierlichkeiten und Versammlungen. Neben den traditionellen Festen wie Weihnachten werden auch weitere Veranstaltungen organisiert- zum Beispiel der Kindertag oder das Dorffest- die die Gemeinschaft stärken und die Dorfbewohner aller Generationen zusammenbringen. Der Frauenchor des Dorfes tritt bei lokalen und regionalen Festen regelmäßig mit deutschen Liedern auf und versucht so zur Bewahrung der Sprache und der Traditionen beizutragen. Auch der deutsche Nationalitätenkindergarten des Dorfes, der früher auch noch als Grundschule den Dorfkindern diente, spielt eine wichtige Rolle in der Gegend: Schon die Kleinsten lernen spielerisch mit Liedern und Reimen die deutsche Sprache kennen und können damit die ungarndeutsche Kultur erleben. Neben dem Frauenchor treten die Kinder des Kindergartens auch bei lokalen Ereignissen im Dorfhaus auf und am Martinstag laufen sie durch das Dorf- singend mit ihren Laternen.
Neben den bekannten schwäbischen Gerichten wie Bohnennudeln oder hausgemachtem Krepl gibt es in Karlsdorf auch besondere Rezepte, die von Generation zu Generation weitergegeben werden. Ein Beispiel dafür ist die geheime „ Speckmarinade“, deren genaue Zutaten nur den im Dorf
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verwurzelten Ungarndeutschen bekannt sind und die niemals verraten werden. Beliebt ist auch die kräftige „ Räuchfleischsuppe“, die am Samstag gegessen wird, und auch das Gericht „ Schweinskuttelsuppe“( Disznó-pacal-leves) hat in Karlsdorf eine besondere Bedeutung. Es gilt als typisches Hochzeitsgericht und wird traditionell an Freitagabenden serviert, wenn im Dorf gefeiert wird.
Die Karlsdorfer Weinkellerstraßen sind zwar nicht Teil der Welterbeliste, gehören aber zum alltäglichen Leben. Die Keller dienen heute nicht nur der Weinlagerung, sondern auch als Platz des jährlich gefeierten Kellerfestes. Früher dienten die Keller auch als Treffpunkt für die älteren Generationen, wo Menschen sich treffen und austauschen konnten- eine Gewohnheit, die heute vielleicht wieder auflebt? Da wurde im Herbst unter dem Motto „ Karlsdorfer für Karlsdorf“ ein ganztägiges Treffen organisiert. Ziel dieser neuen Initiative ist, ein ganztägiges Programm zu organisieren, zu dem alle in Karlsdorf lebenden sowie alle aus dem Dorf stammenden Menschen herzlich eingeladen waren. Die Veranstaltung fand am oberen Weinkellerweg statt und sollte die Möglichkeit bieten, dass sich alle, die sich mit Karlsdorf verbunden fühlen, wieder begegnen können. Angenehmes Wetter, gute Weine, dazu hausgemachte Speisen und Kuchen! Bei einem Glas Wein kamen Alteingesessene und Weggezogene ins Gespräch, tauschten Erinnerungen aus und stärkten damit den Zusammenhalt und die gemeinsame Identität der Gemeinschaft.
In den letzten Jahren hat sich die Bevölkerungsstruktur Karlsdorfs verändert. Während die ältere Generation langsam aus dem Dorf scheidet, ziehen gleichzeitig immer mehr junge Paare und Familien aus den umliegenden Städten zu und bringen so neues Leben in die Dorfgemeinschaft.
Gleichzeitig zeigt Karlsdorf Offenheit gegenüber der Modernisierung.
Das Dorf ist online auch präsent, teilt über seine Webseite und soziale Medien seine Geschichte, Bilder und Veranstaltungen und dokumentiert sein kulturelles Erbe. Diese digitale „ Bilderchronik” hilft dabei, die Vergangenheit für kommende Generationen festzuhalten. Die Besonderheiten des Ortes sollen über die Region hinaus bekannt gemacht werden, und die Ausgewanderten werden dabei informiert. Die digitale Präsenz ist zu einem neuen, mo-