Sonntagsblatt 4/2025 | Page 29

MIT HEIMATPFLEGE IN DIE STRATOSPHÄRE

Erlebnisse eines ungarndeutschen Volksmusikanten in Bayern
Von Franzl Mohl
„ Hops hodarei duljo, Grüß Gott beinand!“- erklang der Begrüßungs-Jodler aus mehr als 100 Kehlen. Was für ein Start-Klang! Schon in den ersten 10 Minuten bekam ich Gänsehaut, Wahnsinn!
Sonntagnachmittag, Haus der bayerischen Landwirtschaft in Herrsching am Ammersee: Mehr als 100 Teilnehmer und Referenten aus ganz Bayern und zwei Kuckuckseier- der eine kommt aus Norddeutschland von der Küste, der andere bin ich aus Ungarn. Alle Teilnehmer brennen für das Eine: Volksmusik. Und jetzt werden sie eine Woche gemeinsam verbringen.
Im Jahre 2022 nahm unsere Kapelle Klani Hupf beim Drumherum-Festival in Regen teil. Ich bin mit dem Ziel nach Deutschland gefahren, meine ungarndeutsche Musikkultur nach Deutschland zu bringen und etwas aus Deutschland mit nach Hause zu nehmen. An dem einen Nachmittag nahmen wir an einer Singstunde teil und haben einige Volkslieder von bayerischen Fachleuten kennen gelernt. Und genau hier habe ich ein Volkslied in meinen musikalischen Rucksack eingepackt. Das Lied hat uns Dagmar Held( Referentin, Forschungsstelle für Volksmusik in Schwaben) beigebracht. Ich habe den Kontakt mit ihr sofort aufgenommen. Auf dem Festival haben wir noch sehr schöne Momente mit Dagmar gehabt, seitdem pflegen wir fleißig Kontakt.
Nach knapp zwei Jahren, 2024, war Dagmar als Gast bei uns in Ungarn und hat sehr viele Eindrücke aus unserer Kultur bekommen. Sie hat an einem Tanzabend von Klani Hupf teilgenommen und hat mehrere Ortschaften besucht, um Lieder aufzuzeichnen. Ein Volkslied aus unserem Repertoire war der Zündpunkt für eine Einladung, nämlich: „ Das wäre was für Herrsching!» Die offizielle Einladung mit einem Wunsch ist dann Anfang 2025 in meiner Inbox( E-Mail-Postfach, Red.) gelandet.
Aber was bedeutet eigentlich Herrsching? In dieser Perspektive bedeutet es nicht die Stadt. Es ist schwer zu erklären, aber ich versuche es: Das ist eine Volksmusikwoche, bei der die Teilnehmer Volkslieder, Tänze und Musik von den besten Volksmusik-Fachleuten Bayerns erlernen können- eine Gemeinschaft, wo man sich wirklich zu Hause fühlt, wo jeder füreinander einsteht. Eine Referentin hat mal gesagt: Die Leute kämen nicht zu der Volksmusikwoche des bayerischen Dreiklanges. Sie kämen nach Herrsching. Das habe ich auch sofort gespürt: „ Herrsching“ ist ein Begriff, eine Kommune, eine Erlebnisbombe, eine( Auf-) Ladestation.
Die ganze Woche war von Anfang an ordentlich durchgeplant und terminiert. Im Wochenplan gab es Angebote für Gruppenarbeiten, Erholung und gemeinsame Angelegenheiten. Was mir aufgefallen ist: Es gab keinen Zeitdruck und Stress, keinen Zwang, an den verschiedenen Programmen teilzunehmen, aber wenn ich an diesen Programmen- wie z. B. Grundtanzkurs, geistliches Singen in der Kirche, Workshops, Serenade, Tanzen im Plenum, Scharade, Nachtgesänge usw.- nicht teilgenommen hätte, wäre ich viel ärmer geblieben. Genau so sollten die anderen auch gedacht haben, da der Teilnehmeranteil bei diesen Angeboten zwischen 95 und 100 Prozent lag.
Der Prozentsatz im Bierstüberl war schon niedriger, so sollte man ihn mit höherem Alkoholgrad kompensieren. Ein guter ungarischer Schnaps konnte natürlich auch nicht fehlen. Das offizielle Tagesprogramm endete jeden Tag um 22 Uhr mit einem Gute-Nacht-Lied. Nach dem gemeinsamen Singen sind einige schlafen gegangen, für die anderen begann die Nachtschicht im Bierstüberl. „ Bis
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