Sonntagsblatt 4/2025 | Page 26

Die Verbindung zur alten Heimat sei nie abgerissen: Die Urgroßeltern und die Mutter hätten stets Mundart gesprochen und über das Leben im Dorf erzählt. Aber wo waren die Großeltern, die Eltern von Mutter Elisabeth? Der Vater starb 1943 in Lemberg, die Mutter 1945 in Warschad. Knapp zwanzig Jahre später sei sie zum ersten Mal in Warschad gewesen und seitdem besuche sie Ungarn jedes Jahr: „ Das erste Mal war ich 1964 mit sechs Jahren in
Warschad. Wir wurden herzlich empfangen, obwohl keine direkten Familienmitglieder mehr dort lebten. Es waren wunderbare Zeiten dort. Wir konnten uns frei im Dorf bewegen, spielten mit Kindern, die auch deutsch sprachen und lernten erste ungarische Wörter. Wir gehörten im Urlaub immer dazu. Der Urgroßvater war leider nur noch einmal in seiner Heimat, er wollte es nicht mehr sehen.”

ATTRAKTIV SEIN FÜR DIE MADJARISCHE GEMEINSCHAFT

Lehrer, Bildungspolitiker und Schulgründer László A. Szabó über Herausforderungen und Chancen im slowakeimadjarischen Schulwesen
SB: Herr Szabó, das slowakeimadjarische Portal parameter. sk hat Anfang September 2024 über zwei Neuerungen am Privatgymnasium mit ungarischer Unterrichtssprache Niedermarkt / Dunajská Streda / Dunaszerdahely berichtet: über die 72-Minuten-Unterrichtsstunden( neben 13-Minuten-Pausen) und die Schuleröffnungsfeier, die als Sommerabschluss gefeiert wurde – fangen wir vielleicht mit den 72-minütigen Unterrichtsstunden an: warum gerade 72 Minuten?
LASZ: Wenn man so in medias res beginnt, dann lautet meine kurze Antwort, dass wir die Veränderungen im Interesse der Schüler eingeführt haben, damit sie sich jeden Tag nur auf vier Unterrichtsstunden vorbereiten müssen und da das Landeskerncurriculum für die vier Gymnasialjahre für alle Fächer die Pflichtstundenzahl festlegt, mussten wir lediglich hin- und herrechnen und so die früheren 45 Minuteneinheiten in 72-minütige umrechnen. Das Ganze hat natürlich auch andere Gründe, denn so endet in jedem Jahrgang der Unterricht zur gleichen Zeit, so dass es leichter ist gemeinsame Programme anzubieten, aber nicht zuletzt bereiten wir unsere Schüler auch auf das Unistudium vor, wo sie längere Vorlesungen und Veranstaltungen erwarten. Die Rückmeldungen zeigen, dass die überwältigende Mehrheit die neue Zeiteinteilung akzeptiert und liebgewonnen hat.
SB: Die Sommerschluss-Schuljahreseröffnungsfeier könnte als PR-Gag( Aktion) aufgefasst werden – ich vermute dennoch, dass auch eine gewisse Philosophie dahinter steckt, oder irre ich mich?
LASZ: Da wir davon ausgehen, dass jede Tradition einst eine Innovation war, versuchten wir in den anderthalb Jahrzehnten Bestehen unseres Gymnasiums stets neue Dinge einzuführen um so Traditionen zu schaffen. Dazu gehörte auch die Einführung des Seminarsystems: Die Schüler haken die Pflichtfächer in den ersten zwei Schuljahren ab und ab dem dritten Schuljahr haben sie nur die Fächer, die wichtig für das Abitur und das Studium sein könnten.
Die Veränderungen beim Charakter der Schuljahreseröffnung haben andere Wurzeln. Das war meine Idee und ich
26 ging davon aus, dass die Schuljahreseröffnung mit zahlreichen seelischen Herausforderungen und Belastungen einhergeht- allen voran wegen dem Wechsel aus der Grundschule in eine weiterführende Schule: Man kommt in eine neue Gemeinschaft. Weder die Integration noch die Rückkehr sind einfach. Deswegen haben wir uns dafür entschieden, dass die ersten Tage in der Schule etwas lockerer, besinnlicher und inniger sein sollen. Wir sollten nicht maßregelnd beginnen, uns nicht sofort auf das Lernen stürzen, sondern den Sommer verabschieden, einander begrüßen, indem wir uns auf den Boden setzen, picknicken, uns unterhalten und die Neulinge kennen lernen. Das Ganze hat so gut funktioniert, dass wir den Schuljahresanfang auch in diesem Jahr 2025 genauso begangen haben.
2024 haben wir zusammen mit der Schülervertretung( SV) bereits zum zweiten Mal das Schuljahr eröffnet und zahlreiche Schüler haben sich bereit erklärt, den kulturellen Teil mit Gedichten, Gesang oder Tanz zu bereichern. Aus den Mitgliedern des letzten Abiturjahrganges samt Klassenlehrer ist eine Band entstanden, sie kehrten mit Freude in ihre alte Wirkungsstätte zurück. Und nebenbei bemerkt haben über 70 Schüler Kuchen und Gebäck mitgebracht, was wir gemeinsam verzehrten. Danach begaben wir uns mit den Erstklässlern in ein Lager, wo sie zwecks Herausbildung einer Gruppenidentität Unterhaltungsaufgaben und Stehgreifvorträge erwarteten. Wir halten es für wichtig, dass der Zusammenhalt innerhalb der Klassen stark ist und die Schüler eine positive, starke Bindung zu ihrer Schule entwickeln.
SB: Was unterscheidet noch das 2007 gegründete Privatgymnasium von staatlichen Einrichtungen? Nehmen Sie Schulgeld? Wer besucht die Schule? Was hat Sie damals bewogen, dieses Gymnasium zu gründen?
LASZ: Aus den vorherigen Antworten geht teilweise hervor, dass wir bei der Gründung an eine Einrichtung neuen Typs mit einer familiären, partnerschaftlichen Atmosphäre gedacht haben. Ich selbst habe früher im Hochschulwesen gearbeitet, danach habe ich sechs Jahre lang die Hauptabteilung für Nationalitäten des Schulministeriums geleitet.