SB: Der Unterhalt der Kirchenburgen und sonstiger Liegenschaften stellt sicherlich eine immer größere Bürde dar- wie versuchen Sie dem zu begegnen?
RG: Die Kirchenburgen sind ein Identitätsmerkmal und monumentales Erbe unserer Kirche und der Siebenbürger Sachsen. Sie zu restaurieren, zu erhalten und zu nutzen, sehen wir als eine selbstverständliche Aufgabe. Gewiss überfordert diese unsere nach der Wende auf 10 % geschrumpfte Kirche. Nichtsdestotrotz gehen wir diese Aufgabe nach wie vor auf verschiedenen Ebenen an: Über EU-Projekte haben wir in den letzten 15 Jahren einmal 18, dann 16 Kirchenburgen restauriert und nun sind weitere drei in der Renovierungsphase. Über die 2015 von unserer Kirche gegründete „ Stiftung Kirchenburgen“- unter der Schirmherrschaft des rumänischen Staatspräsidenten und des deutschen Bundespräsidenten- werden jährlich weitere Maßnahmen durchgeführt, hauptsächlich zur Sicherung von Kirchendächern und gefährdeten Kirchenmauern. Weitere Partner wie insbesondere die Heimatortsgemeinschaften in Deutschland, aber auch Vereine, Stiftungen und Bürgermeisterämter unterstützen uns, indem sie Verantwortung für eine Vielzahl von Kirchenburgen durch Renovierungsmaßnahmen und Pflege übernehmen. So konnten wir von den rund 160 Kirchenburgen mit allen Partnern und Helfern gemeinsam mehr als die Hälfte herrichten, sodass sie Besucher empfangen und in einigen sogar unterbringen und verpflegen können. Wir wissen, es gibt noch viel zu tun. Wir bleiben dran, so viele wie möglich für uns und die Nachwelt zu retten. Wir weisen auch immer wieder darauf hin, dass dieses z. T. UNESCO-Weltkulturerbe und Nationale Kulturerbe gänzlich nur mit Hilfe auch von rumänischen staatlichen sowie internationalen kompetenten Institutionen für die Zukunft als Kirchenburgenlandschaft erhalten werden kann.
SB: Bereits in den 1990er Jahren führte Ihr Weg erneut nach Mediasch- inwiefern hat sich Ihre Heimatstadt seit Ihrer Jugend verändert? Welche Herausforderungen mussten bewältigt werden?
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RG: Tatsächlich stark zurückgegangen an Zahl und Kräften war auch die Mediascher Kirchengemeinde nach der Wende. Tragende Strukturen waren weggefallen. Aber es waren immerhin rund 1000 Mitglieder damals noch vor Ort. Gemeinsam mit den Ehrenamtlichen und den Hauptamtlichen haben wir da ein Modell einer großen Diasporagemeinde geschaffen, die Vorbildcharakter für unsere Kirche haben sollte. Die Verwaltung der kleingewordenen Landgemeinden um Mediasch wurde vom Bezirk übernommen. Als Dechant des Kirchenbezirks war es mir wichtig in allen Gemeinden für geordnete und gute Verhältnisse zu sorgen. Die Pfarrer im Bezirk wohnten zentral im Mediascher Kirchenkastell, wobei jeder seine Zuständigkeit an Gemeinden im Bezirk sowie am Seelsorgebezirk in der Stadt hatte. Auch in der Stadt Mediasch hatten wir unsere Zuständigkeiten im geistlichen und religionspädagogischen Bereich. Trotzdem war es mir auch wichtig, dass wir uns auch abwechselten in den Diensten, um die Vielfalt kennen zu lernen und zu einer Gemeinschaft zusammenzuwachsen. Über den neugegründeten Diakonieverein unter dem Bezirk konnten wir die Alleinstehenden und Kranken in Mediasch mit einem warmen Mittagessen- genannt „ Essen auf Rädern“ – versorgen, die Kranken und Alten über den Samariterinnendienst in Stadt und Land besuchen und begleiten sowie mit dem Altenheim in Hetzeldorf / Ațel Menschen eine Heimstätte in der gewohnten ländlichen Umgebung ermöglichen. Durch den Gemeindebrief „ Schritte“ und die schon erwähnten Bezirksgemeindefeste konnten wir die Gemeinden und Gemeindeglieder zu einer Gemeinschaft über Grenzen hinaus zusammenführen. Und das versuchen wir heute nach dem gleichen Modell landeskirchlich über die Gemeindeverbände. So sind inzwischen in neun Gemeindeverbänden ein Drittel der Gemeinden strukturiert, wobei sie zusammen ein funktionierendes Pfarramt, Diakonie und Verwaltung haben und regional zusammenwachsen. Das Schöne: Weitere bereiten sich darauf vor. Die Gemeindeverbände werden in Zukunft die lebensfähige Struktur in der Kirche sein.
SB: Sie waren der erste Präsident des Gustav-Adolf- Werks( GAW) Rumänien- auf welche Erfolge können Sie zurückblicken?
RG: 1860 in Mediasch gegründet und bis 1948 gab es das GAW in unserer Kirche, bis die kommunistische Regierung alle Vereine verbot. Auf Anregung der Diasporawerke GAW und MLB in Deutschland und um unseren Blick zu weiten, haben wir gemeinsam mit den anderen protestantischen Minderheitskirchen- der evangelischlutherischen, der reformierten siebenbürgischen und der reformierten westlichen Kirche in Siebenbürgen- 2001 den Gustav-Adolf-Verein in Rumänien gegründet. Als Mitbegründer und 1. Präsident habe ich zunächst danach getrachtet, eine einfache Struktur dafür aufzubauen: als Arbeitsgemeinschaft mit je zwei Vertretern jeder Kirche. In den zwei Mandaten, die ich innehatte, konnten wir eine nahe Beziehung zum GAW in Deutschland aufbauen und eine gute Zusammenarbeitsweise implementieren. Um die Gemeinschaft der vier Kirchen zu stärken und einen innerprotestantischen Hilfsfond zu gründen wird seither eine jährliche Kollekte der vier Kirchen eingenommen, die zur Hälfte in der jeweiligen Kirche verbleibt und zur anderen Hälfte im Turnus an eine der anderen Kirchen weitergegeben wird, um Gemeinden in Not zu unterstützen. Ich freue mich sehr, dass diese, uns international und national verbindenden Elemente als GAW auch heute tragen und diese wertvolle Gemeinschaft, auch nach meiner Wahl ins Bischofsamt und Weitergabe der Vertretung, gepflegt wird.
SB: Die Mitgliedschaft der Evangelischen Landeskirche A. B. ist von Überalterung gekennzeichnet- inwiefern ist der Erhalt kirchlicher Strukturen vor deren Hintergrund möglich und bestehen Unterschiede zwischen den einzelnen Gemeinden?
RG: 2025 schreiben wir das erste Jahr nach 1940 mit einer größeren Gemeindegliederzahl als das Jahr davor. Schon seit Jahren merken wir eine Stabilisierungstendenz. Jeweils 10 % Zuzüge schreiben wir seitens der evangelischen Siebenbürger Sachsen und Freunde aus Deutschland, die nach Siebenbürgen zeitweise oder ganz zurückkehren, sowie von- aus rumänischen und ethnisch gemischten Familien stammenden- Jugendlichen, welche die deutsche Schule besucht und über den evangelischen Religionsunterricht und die Angebote unserer Kirche für junge Menschen den Weg zu unserer Kirche gefunden haben. Auch Weiteres macht uns Hoffnung auf Zukunft: Neben den zunehmenden Gemeindeverbänden sind das
- die sehr aktive Frauenarbeit, anerkannte diakonische und soziale Arbeit,- eine vernetzte Kultur- und Bildungsarbeit,- ein bewährtes Zentrum Evangelische Theologie
Ost und- verstärkte gesellschaftliche Implikation im Demokratie- und Werteprozess in Rumänien,