RG: Der Wunsch, Theologie zu studieren und Pfarrer zu werden, nahm stets zu. 1984 konnte mich niemand mehr daran hindern, auch meine Eltern nicht, die nach Deutschland auswandern wollten. Einige belächelten meinen Entschluss, da sie den im Angesicht der zunehmenden Auswanderung als inopportun hielten. Ich blieb aber dabei, weil ich gewiss war, dass nicht alle auswandern würden und hier ein jeder gebraucht würde nach dem Fall des kommunistischen Regimes.
SB: In dieser Zeit war die Überwachung durch die Securitate allgegenwärtig- haben Sie davon Notiz genommen / nehmen müssen als junger Mann?
RG: Eher am Rande. Es wurde vieles gemunkelt, auch über meine Freiheitspredigten gerade im Herbst und Dezember 1989, aber dann kam, Gott sei Dank, die Wende und dieses Schreckgespenst verschwand.
SB: Im Jahr 1990 erhielten Sie Ihr erstes Pfarramt in Deutsch-Tekes / Ticușu Vechi- in diesem Jahr verließen 111.000 Rumäniendeutsche das Land. Was bedeutete das für Ihren ersten Dienstort? Inwiefern veränderte der Exodus das Selbstverständnis der evangelisch-lutherischen Geistlichen?
RG: Ich kam Dezember 1990 in eine Gemeinde, die von ehemals 1200 auf 410 Gemeindeglieder schon geschrumpft war. Es war eine seelisch sehr schwere Zeit. Ständig wurde Abschied genommen, obwohl ich zum Dableiben ermunterte. Ich hatte in den fast vier Jahren da keine Taufen und Trauungen- allein Konfirmationen und Beerdigungen. Als ich dann Oktober 1994 nach Mediasch wechselte, waren noch rund 30 Gemeindeglieder in Deutsch-Tekes. Und trotzdem würde ich die Zeit nicht missen wollen. Wir haben da mit meiner Frau unsere ersten Jahre verbracht, uns gemeinsam in Kirche und Schule eingebracht, Freundschaften geschlossen, eine Gemeinschaft erlebt, die `was bewegte, z. B. die Kirche renovierte und dann auch verschiedene Wege ging. Nicht anders war es in den anderen Gemeinden, die ich mitbetreute, in Galt / Ungra, Schirkanyen / Șercaia und dann Streitfort / Mercheașa. Gerade weil ich der Kirche und den Menschen hier dienen wollte, bin ich dann nach Mediasch weitergezogen, dorthin, wo ich gerufen und gebraucht wurde.
SB: Die Wende brachte die Möglichkeit der Restitution- welchen Erfolg konnte die Landeskirche erzielen bzw. musste sie Misserfolge einstecken?
RG: Mit der Übernahme des Mediascher Bezirkes im Sommer 1995 hatten wir tatsächlich auch viel mit den Rückgaben zu tun. Die Rückgabeanträge wurden schon 1991 bei den zuständigen staatlichen Stellen hinterlegt. Nun kamen die positiven wie negativen Bescheide. Gegen die negativen gingen wir auch gerichtlich in Rumänien wie beim Europäischen Gerichtshof in Straßburg vor- leider mit wenig Erfolg. Besonders enttäuschend und ernüchternd waren die negativen Urteile aus Straßburg. Doch wir versuchten, die Gebäude, Grundstücke und Waldflächen, die wir zurückbekamen, als Ressource voll zu nutzen: zum einen für die Gemeindearbeit, zum anderen um sie zu vermieten und zu verpachten und im Ausnahmefall- wenn kein anderer Weg mehr möglich war- zu verkaufen. So wurden die Finanzen saniert und wir konnten die Kirchenburgen renovieren und die Gemeinden unterstützen, die es nötig hatten bzw. die Bezirksgemeindefeste als gemeinschaftsverbindende Treffen zweimal jährlich durchführen. Auch bauten wir ein Netzwerk von Partnern und Freunden auf, die uns in verschiedenen Projekten zum Gemeindeaufbau und zur Nächstenhilfe dienlich waren.
Landeskirchlich sind uns von den rund 1000 Rückgabeanträgen erst etwa die Hälfte wieder restituiert worden. Auch hier trachten wir danach, sie für unsere Gemeinschaft zu nutzen oder für Bildung, soziale und touristische Einrichtungen zur Verfügung zu stellen, die der Gesellschaft dienen- nach dem biblischen Prinzip: „ Suchet der Stadt Bestes, denn wenn`s ihr wohlgeht, so geht`s auch euch wohl.“ Wo kein Bedarf besteht, werden sie, wie in Mediasch und andernorts, vermietet, verpachtet und im allerletzten Fall veräußert, um doch erhalten zu bleiben. Über den Abgeordneten der Deutschen Minderheit im Rumänischen Parlament sowie die Rumänisch-Deutsche Regierungskommission, die jährlich tagt, versuchen wir, die staatlichen Stellen zu bewegen, schneller und effektiver zu arbeiten- was sich in dem einen und anderen Fall auch als erfolgreich erweist. Wir bleiben jedenfalls weiter dran, denn unser väterliches Erbe wollen wir würdevoll erhalten, nutzen und der Gesellschaft, in der wir leben, einen Mehrwert zurückgeben.
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