Sonntagsblatt 4/2025 | Page 22

Heiraten und die Erbschaft
Die Leute heirateten ziemlich früh, die Männer mit 20, die Frauen mit 18 Jahren. Die meisten Hochzeiten fanden in der Faschingszeit statt. Im Jahre 1786 wurden sämtliche Ehen zwischen dem 10. Januar und 14. Februar geschlossen. Der andere mögliche Termin war der Spätherbst, wenn die landwirtschaftlichen Arbeiten schon vorbei waren. Die Ehepartner schlossen einen Ehecontract( Ehevertrag), in dem die Mitgift der Braut angeführt wurde. Die junge Frau bekam von ihren Eltern außer der Kleidung ein Bett, Bettzeug und etwas Bargeld. Die Kosten der Hochzeit bestritten die Eltern.
Wilhelm Weller brachte zur Hochzeit seines Stiefsohnes drei Eimer( 150 l) Wein, 25 Pfund Rind- und 25 Pfund Schweinefleisch auf. Das junge Ehepaar lebte meist bei den Eltern und arbeitete in der väterlichen Wirtschaft. In einer Bauernwirtschaft arbeiteten durchschnittlich drei erwachsene Männer- Vater, Söhne, Schwiegersöhne. Im Familienhaus blieb von den verheirateten Kindern meistens nur eins, welches zum Erben der Wirtschaft ausersehen wurde. Ein Jahrzehnt arbeiteten sie als Knecht und Dienstmagd für ihren Lebensunterhalt. In der nächsten Periode erwirtschafteten Vater und Sohn / Schwiegersohn gemeinsam den Ertrag ihrer Arbeit und teilten sie auf. Wenn der Vater schon alt wurde, überließ er die ganze Wirtschaft seinen Erben, für sich behielt er nur ein paar Stück Rindvieh.
Die anderen Söhne und Töchter wurden vom Erben ausgeschlossen. Als Gutmachung bekamen sie ein Stück Weingarten und etwas Bargeld. Sie bildeten den Nachschub der armen, mittellosen Kleinhäuslerschicht in der Gemeinde. Das Verfahren der Eltern scheint unbarmherzig zu sein, drückte aber eine wirtschaftliche Notwendigkeit aus: Hätte man die halbe oder 1 / 4 Session in 2-5 Stücke geteilt, wären 2-5 lebensunfähige Wirtschaften zu Stande gekommen. Die Geschwister hätten nicht nur das Erbe, sondern auch die Not untereinander teilen müssen. Die vom Erben ausgeschlossenen Geschwister konnten sich die Tatsache meistens nicht gefallen lassen. Es kam oft zu erbitterten Prozessen zwischen den Familienmitgliedern.
Somit endet mein Beitrag über Sagetal. In dem nächsten Beitrag erfahren der Leser und die Leserin die Geschichte des Dorfes in den Folgejahrzehnten.

VON GOTT NEUES LEBEN GESCHENKT

Weihnachtsgespräch mit Sachsenbischof Reinhart Guib über 15 Jahre Bischofsamt, die Herausforderungen rund um eine sich stabilisierende Landeskirche und die Zeichen der Hoffnung auf eine lange Zukunft der evangelisch-lutherischen Kirche in Siebenbürgen
SB: Herr Bischof Guib, Sie wurden vor 15 Jahren Ende 2010 nach drei Jahren als Bischofsvikar zum Sachsenbischof gewählt- wie blicken Sie auf diese 15 resp. 18 Jahre Dienst zurück?
RG: Mein Blick ist von Dankbarkeit geprägt: Dankbar zu Gott, der mich in all den Jahren mit Mut, Kraft und Hoffnung beschenkt hat für den Dienst als Bischof; dankbar zu meiner Kirche, der Evangelischen Kirche A. B. in Rumänien und ihren Seelen, die mich über viele Begegnungen, Ereignisse, Täler und Höhen hindurch begleitet und gestärkt haben; dankbar für die große Familie der Kinder Gottes, die ich in vielen Begegnungen, ökumenischen Treffen und Veranstaltungen habe kennen und schätzen gelernt; dankbar meiner Familie für uneingeschränktes Verständnis und Beistand- auch und besonders in meiner akuten Krankheitsphase( Bischof Guib erlitt Ende 2024 einen schweren Herzinfarkt, stellte sich aber bereitwillig den Fragen des Sonntagsblattes, Red.).
SB: Sie sind Anfang der 1960er Jahre im multiethnischen Mediasch geboren- welche Erinnerungen haben Sie an die Stadt Ihrer Jugend? Wie lebte es sich als( sächsischer) Evangelischer damals? Welche Möglichkeiten und Grenzen hatte die Religionsausübung damals?
RG: Mediasch war in den Jahren zwischen dem Zweiten Weltkrieg und der Wende eine Arbeiterstadt. Ich komme aus einer Arbeiterfamilie. Ich habe früh gelernt, die Viel-
22 falt der Ethnien zu kosten. Wir spielten gemeinsam ganz gleich ob Sachsen, Ungarn oder Rumänen auf der Straße, im Wald und manchmal in unseren Stuben. Das war selbstverständlich. Die Schule war ebenso spannend und vielfältig. Ganz verschiedene Menschen, Schüler und Lehrer lernte ich kennen. Einige interessante Fächer und viele, wo wir uns fragten, was das soll, waren dabei. Da habe ich auch meine sportliche Seite entdeckt, die ich bis zum Studiumsabschluss besonders durch Mannschaftssportarten pflegte. Die Stadt selbst war grau. Selbst die Evangelische Kirche, in die ich gerne am Sonntag mit der Familie ging, sah erbärmlich aus, da stets Baustelle. Der Konfirmandenunterricht und später die Jugendstunde zogen mich an. Ich war froh, dass trotz der Behinderungen durch die staatlichen kommunistischen Organe diese Aktivitäten bei der Kirche möglich waren. Die Kirche wurde immer mehr zum Ort der Geborgenheit und Heimat für mich. Da noch sehr viele evangelische Siebenbürger Sachsen da lebten, bewegte ich mich bis auf die Nachbarspielkameraden, Schule und Sport in diesen sächsischen und evangelischen Kreisen. Erst als ich in der Zeit meiner armeepflichtigen Zeit mich entschloss, Theologie zu studieren, wurde mir von der Armeeleitung verboten, an den Prüfungen dafür teilzunehmen. So lernte ich danach als Mechaniker die praktische handwerkliche Arbeitswelt kennen.
SB: In den 1980er Jahren haben Sie evangelische Theologie in Hermannstadt studiert- wie haben Sie diese Umbruchszeit mit der Auswanderung von immer mehr Sachsen erlebt?