habe am öffentlich-politischen Leben. Dem Leser wird suggeriert, in Ungarn würden weder weltliche Honoratioren( wie Arzt, Schultheiß oder Notar) noch Kirchengemeinde, Dorfpfarrer oder Glauben oder gar politische Öffentlichkeit im Leben der deutschen Bäuerin eine Rolle spielen. Steinsch behauptet nämlich, dass deren einziger nennenswerter Umgang die dörfliche „ Weiberkameradschaft“ sei. Außerhalb ihres Hauses und Hofes würde sie ja kaum in Erscheinung treten. Die „ Schwabenbäuerin“ würde sich dem „ Dischkorsch“, dem Politisieren der Männer vorbildlich enthalten – fährt Steinsch fort. Zwar würde sie ihren Mann dazu bringen, in den Deutschen Verein zu gehen, sie würde allerdings nur verständnisvoll zuhören, wenn die Männer über die Geschehnisse der Welt sprächen. Es muss an dieser Stelle bemerkt werden: Der dörfliche mit dem Monopol des Politisierens versehene „ Deutsche Männerverein“ war genauso eine skurrile Erfindung von Irma Steinsch wie die „ Kameradschaft Deutscher Weiber“. Sie bediente sich hier einer Umdeutung der in den meisten deutschen Gemeinden Ungarns damals aktuellen, oft heftigen politischen Auseinandersetzungen unter anderen zwischen den deutsch- und den ungarischbewussten Bewohnern. Die überaus reale Spaltung der politisch engagierten Deutschen Ungarns in Bezug auf das tradierte jedoch mittlerweile umstrittene innenpolitische Prinzip „ der einen, einzigen, unteilbaren politischen Nation“ war ja mit dem logischen Aufbau von Steinschs NS-Propagandaartikels nicht vereinbar. Dem hätte nur eine einhellige, entschlossene und aktive Ablehnungshaltung seitens des Gesamt-Ungarndeutschtums entsprochen und diese organisierte Ganzheitlichkeit war grundsätzlich nicht gegeben.
Der NS-Doktrin nach verdient die Leistung einer Frau nur dann Anerkennung, wenn diese mit einem außerordentlichen Kampfdienst verbunden ist. Dementsprechend, betont Steinsch, dass die „ Schwabenbäuerin“ eine ganz besondere Aufgabe habe und sie mit viel Arbeit auch erfülle, nämlich ihre Kinder deutsch zu erziehen. Steinsch versteht im Artikel unter „ deutscher Erziehung“ zwei verschiedene Komponenten: Erstens werde das, was an deutschem Volksgut vorhanden sei, von der „ Schwabenbäuerin“ bewahrt und den Enkelkindern auf ihrer schwäbischen Mundart weitergegeben. Zweitens – so schreibt Steinsch – sei sich die „ Schwabenbäuerin“ bewusst, dass es an ihr liege, ob die Kinder einst zu deutschbewussten Burschen und Mädels heranwachsen und erzogen werden. Das zweite Element ist daher die Indoktrinierung, sprich die Bewusstseinserziehung der Kinder.
Die „ Schwabenbäuerin“ sei durch zwei Außenfaktoren zur Bewusstseinserziehung genötigt- das heißt hier auf einen Kampfdienst zum Erhalt des sogenannten deutschen Volkstums: Zum einen verlange der Dorflehrer, dass die Schulkinder miteinander auf Ungarisch reden; er selbst
sei der deutschen Sprache kaum mächtig. Zum anderen würden weder der Lehrer noch die ungarische Schulverordnung anstreben, dass die Kinder die deutsche Schriftsprache erlernen. Und noch mehr: In der Schule solle sich all das nicht entfalten, was die Kinder von Haus aus an deutschem Volkstumsgut mitbrächten.
Irma Steinsch berichtete also in der N. S. Frauen-Warte von einem scheinbar abgeschlossenen Willensbildungsprozess bei den ungarndeutschen Frauen: Die Bäuerinnen, die auf dem sogenannten deutschen Volksund Kulturboden Ungarns leben, seien wahre NS-Vorbilder. Sie befänden sich en bloc im Kampfdienst. Sie seien von feindlichen( sprich ungarischen) Außenfaktoren dazu genötigt worden, sich zum Erhalt des ureigenen deutschen Volkstums ihrer Kinder zu mobilisieren und einzusetzen. Somit kreierte Irma Steinsch aus Dorfschullehrern und einer mythisch bösen Schulverordnung etwas, wogegen die deutschen Frauen als Mütter und Großmütter einen Kampf zu führen hätten. Die obigen frauenverachtenden, rassistisch-nationalsozialistischen Ausführungen mögen zwar heute wegen ihrer Heroisierungen und Dämonisierungen nebulös klingen, ihre zeitgenössische Wirksamkeit als Agitations- und Propagandamaterial im Deutschen Reich darf allerdings keineswegs unterschätzt werden.
Zum realen Kontext muss hier angemerkt werden: Die tatsächliche nationalitäten- und bildungspolitische Realität in Ungarn war um 1937 verhängnisvoll und von traditionellen, schweren Repressalien geprägt: Die ungarischen Regierungen der Zwischenkriegszeit betrachteten die Wiedergewinnung der durch den Ersten Weltkrieg verlorenen Gebiete und Bevölkerungsteile als ihr primäres, absolut übergeordnetes Ziel(„ Revisionsgedanke“). Sie waren grundsätzlich und ausschließlich an der vollständigen Assimilierung der nationalen Minderheiten Ungarns interessiert. Dies hielten sie für eine unabdingbare Grundvoraussetzung der Revision des Trianoner Friedensvertrages. Beispielweise wurde 1935 in der von Steinsch genannten Schulverordnung der Gyula-Gömbös-Regierung die gemischtsprachige Nationalitätenschule(„ Typ B“) zwar formell einheitlich vorgeschrieben, es war allerdings überhaupt keine aufrichtige Regierungsabsicht vorhanden, sie auch durchzusetzen. Die Volksdeutsche Kameradschaft, damals angeführt von Franz Basch und Richard Huss, lehnte diesen Schultypus ihrerseits sowieso ab. Sie verlangte Schulen für die deutsche Minderheit, in denen die Unterrichtssprache ausschließlich deutsch sein sollte(„ Typ A“). Gustav Gratz und seine Mitarbeiter strebten damals hingegen danach, dass die Verordnung endlich durchgeführt und in den Volksschulen( sechs- plus zweijährigen Elementarschulen) flächendeckend ein zumindest gemischtsprachiger Schulunterricht für die Deutschen realisiert werde – allerdings( wie bereits erwähnt) grundsätzlich erfolglos.
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