Sonntagsblatt 4/2024 | Page 33

SONNTAGSBLATT UND WIRTSCHAFT

FREI UND SELBSTBESTIMMT WIRTSCHAFTEN

Deutsches Ehepaar wagt vor 25 Jahren einen Neuanfang in der Südbranau
Von Richard Guth
„ Es war 1997 , ich war gerade mit meinem Jura-Studium fertig , die Suche nach einem juristischen Job gestaltete sich damals als schwierig , ich war daher auf der Suche nach einer neuen Perspektive . Ich arbeitete dann in einem Weinhandel , der eine Bibliothek hatte , wo ein Weinführer stand . Beim Durchblättern fiel mir ein Satz auf : Der beste Portugieser wachse in Willand ”, erinnert sich Susann Hanauer an die Anfänge des „ Projekts Ungarn ”.
Im November 1997 besuchte Susann Hanauer mit ihrem Mann Ralf Waßmann das erste Mal Südungarn und traf nach eigenem Bekunden auf offene Leute , die alle deutschsprachig gewesen seien . Auf den Besuch folgte der Erwerb eines Hauses in Dewetsch / Pécsdevecser , in dem das Ehepaar bis heute wohnt . Zum Besitz gehörte noch ein Keller in Willand , der später verkauft worden sei . Der Umzug erfolgte im März 1998 , worauf eine Totalsanierung folgte („ das Haus war eine Ruine ”), vieles sei in Eigenleistung erbracht worden .
In Dewetsch lebten damals nach Erinnerungen von Hanauer 130 Einwohner , bis auf fünf-sechs Familien alle Donauschwaben über 50 und deutschsprachig . Ende der 90er habe man noch den Alten beim Dorftratsch auf Hessisch zuhören können , auch habe es noch regelmäßig Gottesdienste gegeben , als wichtiges
SoNNTAGSBLATT regelmäßiges Ereignis im Leben der Dorfbewohner . Nach der Schließung des Dorfladens werde die Bevölkerung heute durch Lieferdienste versorgt . Heute gebe es nur noch zwei Donauschwäbinnen im Ort , viele seien aus Fünfkirchen beispielsweise zugezogen , aber auch aus dem Ausland : So wohnen in Dewetsch vier deutsche Paare , aber auch ein Franzose , was neue Kontaktmöglichkeiten eröffnet und „ spannende Erfahrungen ermöglicht ” habe . Dabei zeigen sich die Hanauer-Waßmanns als weltoffene Menschen , bereits meine Kontaktaufnahme gestaltete sich unkompliziert .
Auch beim Ehemann Ralf Waßmann habe der Wunsch nach beruflicher Veränderung den Ausschlag gegeben , nach Ungarn umzuziehen : „ Ralf , von Geburt Niedersachse aus der Harzregion , hat Getränketechnologie studiert . Motivierend wirkte auf ihn die Sendung „ Hobbythek ” von Jean Pütz , die bei ihm früh den Wunsch geweckt hat , Obstwein herzustellen - womit er bereits als Teenager angefangen hat . Nach einem Jahrespraktikum auf einem Rheingauer Weingut und dem Studium fing er bei Wild in Heidelberg an , wo man als Weltmarktführer Grundstoffe für alkoholfreie Getränke herstellt . Mein Mann hatte große Pläne und tolle Innovationen , aber nach einem Sparkurs und innerbetrieblichen Problemen entschied er sich für einen Neubeginn als Winzer .”
33