Lehrerin, Lektorin, Übersetzerin und Chefredakteurin empfängt
uns in einem traditionellen sächsischen Haus in der Altstadt, das
als Redaktionssitz der Hermannstädter Zeitung dient, einer un-
abhängigen Zeitung, die es seit 1861 gibt. In der kommunisti-
schen Zeit erschien diese als Parteizeitung und trug zeitweise
den Namen „Die Woche”, bis diese durch eine mutige Aktion am
26. Dezember 1989 wieder in „Hermannstädter Zeitung” umbe-
nannt wurde.
„Trotz allem hatte man als deutsche Zeitung mehr Spielraum ge-
habt als rumänische Zeitungen”, so Ungar. Seit 1995 wird die
unabhängige Wochenzeitschrift, die in 2000 Exemplaren, im
Sommer mehr, verkauft wird, von einer Stiftung herausgegeben.
„Zu 50 % wird die Zeitung vom Forum finanziert”, was auch den
günstigen Preis von 1 Lei (70 Forint, 22 Cent) erklärt. Auch on-
line ist die Hermannstädter Zeitung aktiv - mit 10.000 Lesern. Vor
1989 hatte die Zeitschrift nach Angaben von Beatrice Ungar 20
Mitarbeiter, heute hingegen nur noch vier. „Und einen 84-jährigen
Fotografen, denn wir machen alles selber, so auch die Fotos”, er-
klärte die Schriftleiterin. Unter den vier findet man auch junge
Leute, Sachsen und Rumänen gleichermaßen.
Denn, wie ich eingangs beschrieben habe, scheint Deutschspra-
chigkeit eine Selbstverständlichkeit zu sein, wie auch unser Be-
such im nahe gelegenen Bergdorf Michelsberg - bis 1989 mit
sächsischer Bevölkerungsmehrheit - zeigt: Am Eingang zum
Bergpfad, der zur Bergkirche - der ältesten sächsischen Kirche in
Siebenbürgen - führt, sitzt eine Kartenverkäuferin - deutschspra-
chig. Wie ich erfahre, besuchte die Mittvierzigerin die deutsche
Schule in Michelsberg, die es lange nicht mehr gibt, mit säch-
sischen Grundschullehrerinnen. Aber auch heute noch bestehe
die Möglichkeit eine deutsche bzw. deutschsprachige Schule in
Heltau oder Hermannstadt zu besuchen, was viele in Anspruch
nähmen, aber nunmehr meist Rumänen.
Es war eine Besitzung des ungarischen Adelsgeschlechts Apafi,
danach der Grafen von Bethlen, woran das vom Mihai-Emine-
scu-Trust aufwendig restaurierte Schloss erinnert, das heute als
Gästehaus dient.
Die ältere Dame, die wir im Dorf treffen, hat viel zu erzählen,
insbesondere was die Vergangenheit anbelangt: So ist ihr die
Nachkriegszeit mit Evakuierung, Kriegsdienst und Verschlep-
pung nach Russland noch in heller Erinnerung, zumal auch ihr
Vater unter den Verschleppten war. „Das Dorf war damals nach
dem Krieg ohne Männer. Sie wurden erst vier-fünf Jahre später
entlassen, aber eben nicht nach Hause, sondern nach Deutsch-
land. Mein Vater kam nach Oschersleben bei Magdeburg – er
schaffte die Heimkehr, aber viele nicht, so bestand bereits da-
mals der Wunsch nach Familienwiedervereinigung”, erzählt die
79-Jährige. Auch die Zwangskollektivierung habe viel Unheil an-
gerichtet, auch wenn sich ab den Sechzigern die Lage allmählich
gebessert habe. Die Wendezeit bedeutete die Abwanderung der
meisten Sachsen, dennoch gibt es sie noch: 130 Seelen zählt die
Evangelische Kirchengemeinde, die jede Woche Gottesdienst
feiert. Auch Konfirmanden gebe es noch, denn rund 30 Jugend-
liche habe die Gemeinde. Die Schule nebenan (allerdings ohne
deutschsprachige Beschilderung) hat nach Angaben der sächsi-
schen Dame in der Primarstufe noch eine deutsche Abteilung mit
insgesamt 13 Kindern in den vier Jahrgängen, unterrichtet von
einer sächsischen Grundschullehrerin, was auch vom Diakon
der Gemeinde, Joachim Lorenz, selber Familienvater von drei
Kindern, bestätigt wird.
Tag 2
Der Ausflugstag - auch dieser Tag verspricht vieles. Unser Weg
führt im Dreieck Hermannstadt-Mediasch-Kronstadt über sie-
benbürgisch-sächsische Dörfer. Die Bezeichnung siebenbür-
gisch-sächsisch ist eigentlich nicht präzise genug, denn es geht
dabei um Dörfer siebenbürgisch-sächsischen Ursprungs. Unter
ihnen sind sogar welche, die bereits 1850 über einen multieth-
nischen Charakter verfügten wie zum Beispiel Reichesdorf, das
vor 170 Jahren zu je 40 % von Sachsen und Rumänen und zu
20 % von Roma bewohnt war. Aber zweifelsohne dominieren
die sächsischen Höfe das Ortsbild der Gemeinden, die sich in
verhältnismäßig gutem Zustand befinden, was aber von Ort zu
Ort variiert. Dennoch ist der Jagdinstinkt der Reisegruppe da
und als wir durch ein Dorf fahren und eine alte Dame erblicken,
springen einige regelrecht aus dem Bus auf der Suche nach der
sächsischen „Oma” - aber in diesen Dörfern Fehlanzeige, denn
alle ältere Damen, die vor ihren Höfen den Vorbeifahrenden zu-
schauen, sind Rumäninnen. Die sächsische „Oma” werden wir
noch finden, aber dazu später mehr.
Selbst im einstigen Bischofssitz Birthälm/Biertan blieben von
einst 2000 Sachsen nur noch 80, so die sächsische Dame in der
Buchhandlung und Kartenverkaufsstelle in der Kirchenburg
- Unesco-Weltkulturerbe, was sich am regen Betrieb an diesem
Oktobersamstag zeigt -. Die Kirche gehört zu Recht zu den be-
kanntesten, allein aufgrund ihrer Größe und historischen Bedeu-
tung.
Die vorhin erwähnte Oma finden wir doch, nebst Jugendlicher
und junger Erwachsener, was eigentlich – gerade in den ehe-
mals sächsischen Dörfern – eine Ausnahme darstellt. Wir sind
in Malmkrog/Mălâncrav, einer 1000-Seelen-Gemeinde südwest-
lich von Schässburg, das ja bereits zum Landkreis Mieresch ge-
hört. Malmkrog war nie Teil des sächsischen Autonomiegebiets:
6
Zu Besuch in Birthälm
Der Geistliche stammt übrigens aus Thüringen und ließ sich
1992 im Dorf nieder, „gerade in einer Umbruchszeit, wo aufgrund
der Auswanderung der Sachsen vieles weggebrochen war”. Er
habe schnell Anschluss gefunden, auch wenn gerade die Älte-
ren gewisse Vorbehalte gegenüber Neuerungen gehabt hätten.
„Es gibt im Dorf immer noch fünf Nachbarschaften”, auch wenn
es zunehmend schwieriger sei, die Aufgaben zu stemmen - auf-
grund der doch geringen Zahl der Sachsen. Diakon Lorenz, den
ich vor Jahren virtuell kennen gelernt habe, als ich eine DVD mit
alten Kirchenliedern bestellt habe, betreut noch zahlreiche ande-
re Gemeinden der Umgebung, die aber wesentlich weniger See-
len hätten als Malmkrog. „Die Gottesdienste würden von 100 –
120 % der Gemeindemitglieder besucht”, schmunzelt er: 100 %,
wo es vier Gemeindemitglieder gibt, und 120 %, wo auch noch
Ortsfremde den Gottesdienst besuchten. „Heute braucht man in
der Regel keinen Kleinbus mehr, der die Menschen zu den Got-
tesdiensten transportiert, sondern es reicht ein Pkw”, erzählt er.
Beide Gesprächspartner berichten von den bescheidenen Mög-
lichkeiten des Geldverdienens, was viele dazu bewege, ihr Glück
im Ausland zu suchen.
Aber dass das keine einseitige Migration bedeutet, zeigt das Bei-
spiel zweier Damen aus Deutschland, die sich mit ihren Familien
im Unesco-Welterbendorf Deutsch-Weißkirch/Viscri niedergelas-
sen haben: die eine Dame namens Annette Schorb, die sogar
SoNNTAGSBLATT