Sonntagsblatt 3/2026 | Page 4

verwalter „ Biatorbágyi Értéktár” federführend organisiert und durchgeführt. Aber auch die Stadt Wiehall-Kleinturwall und die Deutsche Nationalitätenselbstverwaltung hätten einen maßgeblichen Anteil am Erfolg der Gedenkveranstaltung gehabt, so Zoltán Bihari, Vorsitzender des „ Értéktár”. Der Name von Bihari dürfte vielen von uns bekannt vorkommen: Er ist Autor und Herausgeber des Monumentalwerks „ Wir Donauschwaben”( ungarische Version: Mi, svábok). Er lebt mit seiner Familie in der Gemeinde, die im Budapester Speckgürtel liegt.
„ Zum 80. Jahrestag gründeten wir Anfang 2025 auf Initiative des Erbenverwalters eine Arbeitsgruppe. Damals erarbeiteten wir verschiedene Projekte und Pläne, um sicherzustellen, dass es nicht nur eine einmalige Gedenkveranstaltung Ende Februar( Ende Februar nahm die Vertreibung ihren Lauf, Red.) gibt, sondern dass im Gedenkjahr mehrere Veranstaltungen stattfinden. Ein fester Bestandteil ist der historische Stadtrundgang geworden. Zum 80. Jahrestag der Vertreibung der Schwaben erstellten wir am Beispiel von 15 bereits erschienenen ortshistorischen Heften im DIN-A6-Format die Broschüren der beiden Stadtteile- bezogen auf die donauschwäbische Vergangenheit der bis 1966 eigenständigen Dörfer. Titel der Broschüren sind « Auf den Spuren der Schwaben von Kleinturwall »( hrsg. von Katalin Wéber) und « Auf den Spuren der Schwaben von Wiehall »( hrsg. von Judit Tótpál). Darauf aufbauend organisierten wir Spaziergänge, die an die einst schwäbische Identität der beiden Ortsteile und ihre bedeutenden und sehenswerten Stätten erinnerten”, erzählt Zoltán Bihari. Im Rahmen des Stadtrundgangs erfuhren die Teilnehmer über den Hintergrund einzelner Häuser und deren Bewohner. In Turwall begutachtete man die neuen Straßenschilder mit den ursprünglichen deutschen und mundartlichen Namen, so Bihari. Die Hefte seien bewusst zweisprachig, so Bihari, denn dies sei zum einen als Geste der deutschen Gemeinschaft gegenüber zu verstehen, zum anderen wolle man damit auch die Besucher aus der Partnerstadt Herbrechtingen ansprechen.
Apropos Partnerschaft: Diese sei durch die vertriebenen Wiehaller und Kleinturwaller entstanden. Die Zusammenarbeit sei bis heute lebendig, dank einer „ aktiven schwäbischen Bevölkerung”. Dreh- und Angelpunkt der Aktivitäten sei die Paul-Ritsmann-Nationalitätenschule, die von der örtlichen deutschen Selbstverwaltung getragen wird. Die Deutschen stellen heute eine kleine Minderheit dar- nicht zuletzt aufgrund der Urbanisierungstendenzen der letzten 35 Jahre. „ Da Wiehall-Kleinturwall eine dynamisch wachsende Stadt in der Agglomeration ist, deren Einwohnerzahl sich seit 1990 verdoppelt hat, ist es sehr wichtig, die Geschichte des Ortes immer wieder in Erinnerung zu rufen, da die meisten Einwohner sie nicht kennen. Daher haben sie keine Verbindung zum schwäbischen Erbe. Einzig diejenigen, die ihre Kinder an der renommierten Ritsmann-Schule anmelden, kommen damit in Berührung – sie ist der wichtigste Anknüpfungspunkt”, gibt der „ Értéktár”- Vorsitzende zu bedenken.
Einen wichtigen Platz bei der Veranstaltungsreihe nahm die Benennung von Straßen und Plätzen nach berühmten Söhnen der Stadt ein: In Wiehall entschied man sich für den Künstler Simon Hantaï( Handl)( 1922-2008), der aus einer donauschwäbischen Familie stammte. Hantaï gehört zu den bedeutendsten französischen Malern. Seine Pliage- Technik, die die Mangerkittel seiner Mutter als Quelle hat, war revolutionär. Seine Werke stehen heute in namhaften Museen der Welt- ein Bild von ihm schmückt auch heute noch das Arbeitszimmer des französischen Präsidenten. Hantaïs Elternhaus steht auch heute noch. Geplant ist der Aufkauf durch die Stadt und das Einrichten eines Künstlerhauses.
Der andere berühmte Sohn und Ehrenbürger der Stadt ist der 2013 verstorbene Franz Bruckner. In Kleinturwall geboren kehrte er 1948 aus der Kriegsgefangenschaft heim und folgte den vertriebenen Familienangehörigen in die westlichen Besatzungszonen. Er blieb bis zu seinem Tode mit Kleinturwall verbunden, gründete 1959 das Turwaller Heimatkomitee, brachte 1984 das Turwaller Heimatbuch und 1990 das Turwaller Volksliederbuch heraus. Auch an der Städtepartnerschaft mit Herbrechtingen hatte er maßgeblichen Anteil. Sein Geburtshaus, wo die heimatverbliebene Verwandtschaft bis heute lebt, liegt unweit der Pfarrkirche. So hat es sich angeboten, dass die Treppen, die zum Gotteshaus führen und deren Renovierung er tatkräftig unterstützte, nun seinen Namen tragen.

WEIT MEHR ALS EIN MEDIUM

Neue Schriftleiterin an der Spitze von „ Unsere Post“ / Kristina Szeiberling-Pánovics über Kontinuität und Wandel bei der Heimatzeitung der Deutschen aus Ungarn
SB: Du bist vor anderthalb Jahr die neue Schriftleiterin von „ Unsere Post“- dem Blatt der Deutschen aus Ungarn in Deutschland- geworden – was hat dich dazu bewogen, dich dieser neuen Aufgabe zu stellen?
KSZP: Die Anfrage erreichte mich völlig unerwartet – natürlich empfand ich sie als große Ehre. Nach der Landesgala der Landesselbstverwaltung der Ungarndeutschen( LdU) 2025 sprach mich Herr Joschi Ament- Bundesvorsitzender der Landsmannschaft der Deutschen aus Ungarn( LDU)- während einer kurzen gemeinsamen Autofahrt darauf an, dass die Schriftleitung von „ Unsere Post“ vakant geworden sei und man eine fachlich geeignete Person suche. Danach ging alles ruckzuck. Entscheidend war für mich zunächst die Bekanntschaft mit Herrn Ament und das Vertrauen, das er mir mit seiner Anfrage entgegenbrachte.
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Ebenso wichtig war die Tatsache, dass sich die Landesselbstverwaltung der Ungarndeutschen( LdU) – für die ich seit vielen Jahren tätig bin – und die LDU in den vergangenen Jahren spürbar angenähert haben. Diese wachsende Zusammenarbeit hat eine solide Grundlage geschaffen, auf der ich mir ein Engagement gut vorstellen konnte. Hinzu kamen sehr persönliche Beweggründe: meine schönen Kindheitserinnerungen an meine heimatvertriebenen Verwandten, die Zeit, die ich bei ihnen in der Stadt Wangen im Allgäu verbringen durfte und die vielen Geschichten, die sie mir anvertrauten. Schließlich reizte mich selbstverständlich auch die berufliche Herausforderung. Eine Zeitung hatte ich zuvor noch nie geleitet. Doch ich spürte in mir die innere Bereitschaft, die notwendige Erfahrung, den Mut und das Engagement, diese ehrenvolle Aufgabe zu übernehmen.