Sonntagsblatt 3/2026 | Page 31

Erzählt wird das Schicksal von Viskys eigener Familie im Rumänien der fünfziger Jahre. Der Autor wehrt sich gegen die autobiografische Lesart- und das mit Grund: Er war erst zwei Jahre alt, als alles begann. Der Vater, ein reformiert-calvinistischer Pfarrer, wird wegen seiner mutigen Predigten zu zweiundzwanzig Jahren Zwangsarbeit verurteilt, bestialisch gefoltert und in die berüchtigten Gefängnisse der Securitate gesteckt. Ob er noch lebt, erfährt die Familie lange nicht. Die Zurückgebliebenen trifft die Sippenhaft: Mutter Júlia wird mit ihren sieben Kindern in die Bărăgan-Steppe jenseits der Karpaten deportiert. Vier Jahre dauert die Verbannung, und nicht einmal einen festen Ort gewährt sie. Immer wieder wird die Familie in andere Lager weiterverschleppt, an der Gara Obor in Viehwaggons verladen, deren Schiebetür hinter ihnen zufällt wie eine „ horizontale Guillotine“. Unter den Gefangenen kursiert ein Satz: „ Dacă vrei să te afli singur cu dumnezeul tău, atunci du-te pe Bărăgan“— wer mit seinem Gott allein sein will, der gehe in den Bărăgan. Eine gottverlassene Gegend? Oder ein Ort, an dem zwischen dem Menschen und seinem Gott nichts mehr steht? Von dieser hiobsartigen Spannung und religionsphilosophischen Schwebe lebt der ganze Roman.
Im Zentrum steht die Leerstelle, die der Vater ist und die der jüngste Sohn- der Erzähler- nicht einmal mit Erinnerung füllen kann: „ ein konturloser Hohlraum, eine dunkle, stumme Vertiefung, das ist mein Vater“- dafür aber mit Hoffnung. Gewartet wird auf den Messias und den Vater in einem, damit die Hölle auf Erden überstanden werde. Die Familie haust in Erdhöhlen, die vor ihr die deportierten Banater Schwaben in den Lehm gegraben haben. Von den Schwaben sind Möbel zurückgeblieben, deren deutsche Namen sich die Kinder zu Decknamen machen – so etwa „ Lüster“, „ Sekretär“ und „ Kredenz“. Die Flucht wird nämlich konspirativ geplant, über die Donau, auf dass sie sich auftue wie das Meer beim Auszug der Juden aus Ägypten. Bis dahin kriecht sie aber „ wie ein urzeitliches Reptil“ durch die Steppe. Zu Dutzenden ertränken sich Menschen in ihr, unweit ihrer Ufer gehen tollwütige Hunde auf Menschenjagd. Nicht weniger gnadenlos ist der harte Winter. So werden nicht nur die altdeutschen Möbel der Schwaben verbrannt, sondern alles, was brennt. In der Verzweiflung sind das selbst Maisstängel, nach denen die Kinder unter dem Schnee graben und die im Ofen „ kurz auflodern, ohne auch nur ein bisschen Wärme zu spenden“. Angesichts solcher Bilder folgert der Bruder Ferenc, nicht der liebe Gott habe den Menschen geschaffen, „ sondern der Satan oder irre ich mich?“. Und doch ist kaum ein Buch denkbar, das dichter vom Glauben durchdrungen wäre. Die Heilige Schrift ist allgegenwärtig, Júlia liest den Kindern täglich aus der Bibel vor. Als der Geheimdienstmann die Familie unablässig „ Bosgoren“ nennt( das Schimpfwort für die „ heimatlosen“ Madjaren) und ihre Verschleppung als „ Migration“ abtut, antworten sie mit einem einzigen Satz: „ Dieses Buch ist unser einziges Zuhause.“ Glaube und Hoffnung sind hier keine fromme Innerlichkeit, sondern die letzte Form von Widerstand, die der Familie geblieben ist. Diese bringt den Leser mitunter ganz unbeabsichtigt zum Schmunzeln, so abstrus es ist, etwa wenn Júlia völlig entkräftet- schon auf die Totenbahre gelegt- sich besinnt: „ Wir leben in einer Republik, sogar in einer Volksrepublik, ich habe ganz vergessen, dass das unsere Republik ist“.
Auch das Schicksal der Donauschwaben ist in dem Buch gegenwärtig. Da ist etwa der alte Simpf, der den Ural überlebt hat. Selbst seine Frau ruft Simpf nur noch bei seiner Lagernummer- auf Russisch: tristaschestdesjatpjat, „ 365“. Der Mensch als Ziffer, von dem nicht viel mehr übrig ist! Visky setzt so auch den verschleppten Deutschen ein Denkmal, ohne es explizit auszusprechen. Die Form für all das sind 822 durchnummerierte Verse, die eher Atemzügen gleichen als Kapiteln. Das ganze Buch ist ein einziger, von Kommata getragener Satz ohne Punkt- biblische Prosa könnte man sagen.
Jahrzehntelang hat Visky für das Ungarische Nationaltheater Klausenburg als Dramaturg geschrieben. Auf einmal überrumpelt er die Literaturszene mit diesem Roman, der in Ungarn einhellig Zuspruch fand. Das Folgebuch Illegalisták reicht an das Debüt allerdings nicht heran. Dass wir das Buch in deutscher Übersetzung lesen dürfen, ist Tímea Tankó zu danken. Sie erhielt 2021 für ihre Szentkuthy-Übersetzung den Preis der Leipziger Buchmesse und war mit der Aussiedlung dort in diesem Frühjahr erneut nominiert. Dem Buch hört man die Herkunft aus einer anderen Sprache nicht an. Wer das Original kennt, staunt, dass die Übersetzung an Sprachgewalt nichts eingebüßt hat. Péter Nádas‘ Jahrhundert-Satz, dem man anfangs vielleicht noch nicht ganz Glauben schenken möchte, ist sicherlich keine Übertreibung und könnte auch für die Leistung der Übersetzerin gelten.
András Visky: Die Aussiedlung – Roman- aus dem Ungarischen von Tímea Tankó, Suhrkamp Verlag, Berlin 2025- 456 Seiten- 30 Euro( gebunden).

WENN MAN MENSCHEN AUS FLEISCH UND BLUT SPRECHEN LÄSST

Rezension zu Andreas Krisch: Elvett Otthonok, Megőrzött emlékek. Interjúk, visszaemlékezések a soproni németek kitelepítéséről, Sopron, 2026
Von Ágoston Frank
Heuer jährt sich zum 80. Mal die Vertreibung der Ungarndeutschen- eine Tatsache, die höchstwahrscheinlich allen Leserinnen und Lesern dieser Zeitschrift bekannt ist. Wenn man nicht aufpasst, droht hier ein Ereignis zu einer kargen Jahreszahl in den Geschichtsbüchern zu werden- infolge der schrumpfenden Zahl der Ungarndeutschen und ihres abnehmenden Selbstverständnisses. Um dem entgegenzuwirken, braucht es Menschen, die die Ereignisse dieser schrecklichen Tage weitergeben. Aus kargen Tatsachen sollen Geschichten und Erzählungen werden, die die Geschehnisse uns allen näherbringen können. Dazu eignet sich besonders gut die Methode der Oral History. Das ist
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