„ elűzetés”(„ Vertreibenlassung”) sprechen, was dem seit 2012 offiziellen Sprachgebrauch in Ungarn entspricht. Lediglich die Germanistin Maria Erb benutzt den historisch korrekten Begriff „ elűzés”( Vertreibung), der im Vergleich zu „ elűzetés” die Verantwortung des ungarischen Staates nicht leugnet- auch wenn die politische Großwetterlage damals in Europa alles andere als deutschfreundlich war. Lobenswert ist das Bestreben, die Vertreibung als solche darzustellen, die das ganze Land erfasste: So erzählen Nachfahren der deutschen Vertriebenen aus unterschiedlichen Regionen Ungarns( Schwäbische Türkei, Region Nord und Westungarn) über das Leid der Menschen. Einen wichtigen Beitrag leistet der Film auch bezüglich der Kontakte zwischen Heimatvertriebenen und-verbliebenen- ein Aspekt, der erst allmählich erforscht wird. Hier hätte die Befragung der vertriebenen Zeitzeugen und Nachfahren in Deutschland weitere Aufschlüsse geliefert- über die Aufarbeitung der Traumata und die geglückte oder missglückte Integration( wenn schon einer der Drehorte das Donauschwäbische Zentralmuseum in Ulm war).
Einen besonderen Stellenwert genießt im Dokumentarfilm der Blick in die Zukunft: Dabei erlauben die unterschiedlichen Perspektiven die Bildung einer eigenen Position durch den Zuschauer: Ist es wohl nach 300 Jahren vorbei mit dem deutschen Leben? Gibt es starke Tendenzen der Musealisierung des Erbes nach einer Aufbruchsstimmung in den 1990er Jahren, wie einer der Interviewpartner in den Raum stellt? Bietet der Ausbau der kulturellen Autonomie mit dem Ziel des Wiederbelebens der Sprache einen Ausweg? Ob der 2024 durch das Land getragene Wanderschlüssel neuen Möglichkeiten Tür und Tor öffnet?
300 Jahre donauschwäbisch-madjarischen Zusammenlebens waren nicht nur von Schicksalsschlägen geprägt, sondern auch von Zeiten des Aufbruchs. Gerade die Ansiedlung bietet aber eine Gelegenheit, Kraft zu schöpfen. Dabei kann man auf das Erbe der Ahnen aufbauen, die Know-how mitgebracht haben. Wie der bekannte Winzer Zoltán Heimann aus Sexard in einem der Interviews betont.
GOTTVERLASSEN ODER MIT GOTT ALLEIN
Von Martin Böhm
Dass ein ungarischer- genauer ein siebenbürgischer- Autor bei Suhrkamp erscheint und das sogar mit einem Debütroman, ist keine Sache aller Tage. Dazu kommt Lob von höchster Stelle: Nobelpreisträgerin Herta Müller spricht von einem „ magischen Dokument“, der jüngst verstorbene Schriftsteller Péter Nádas rühmt das Buch auf dem Umschlag als ein Werk, wie es in einem Jahrhundert kaum ein zweites Mal geschrieben werde. Solche Sätze liest man zunächst mit Vorsicht, denn die Vertreibungs-, Deportations- und Lagerliteratur füllt inzwischen eine eigene Bibliothek. Vieles darin ist zwar erschütternd, aber deshalb noch nicht unbedingt große Literatur.“ Die Aussiedlung“ von András Visky ist allerdings beides – mehr als eine Dokumentation der Gräuel und mehr als eine Familiengeschichte. Sie ist eines der erstaunlichsten Werke, die die ungarische Literatur seit Kertész, Nádas und Krasznahorkai hervorgebracht hat.
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