ständnis. Manche kauften das Buch aufgrund des Titels, obwohl sie sonst keine zeitgenössische Literatur lesen. In einer Buchhandlung erzählte mir die Verkäuferin, dass ein älterer Herr es gekauft, aber ein paar Tage später zurückgebracht habe, weil ihm einige Details zu intensiv gewesen seien. Wenige Tage später kam der Sohn des Onkels in den Laden und sagte, er wolle das Buch doch haben, weil es ihm gefalle. Am Anfang stand jemand, der mich verprügeln wollte – basierend auf den Informationen, die ich erhalten hatte. Er verstand die Erzählung des Textes nicht oder verstand nicht, wer der Erzähler der Geschichte war. Aber es waren eigentlich nur einzelne Episoden. Meistens war man überrascht, wie jung ich damals war und woher ich so viel über das Leben wusste. Ich wurde in viele Dörfer eingeladen. Meine Mutter oder auch ältere Tanten drückten minutenlang meine Hand und dankten mir dafür, dass ich etwas über ihr Leben verstand. Und ich stand da und überlegte, was ich darauf antworten sollte.
SB: Der erste Band- das „ Schvab evangilion”- wurde auch in kroatischer Sprache veröffentlicht, unter dem Titel „ Švapsko Evanđelje” – das erscheint etwas ungewöhnlich, aber es gab sicher einen Grund dafür? Was war die Idee dahinter?
RB: Der Erfolg des Buches führte auch dazu. Man musste es auch auf Ungarisch neu drucken lassen, weil es vergriffen war. Die kroatische Übersetzung wurde teilweise durch ein Stipendium finanziert und erschien in einer repräsentativen Reihe nach einem Band von Péter Esterházy. In der Reihe wurde die zeitgenössische ungarische Literatur exemplarisch vorgestellt. Ein ungewöhnliches Unterfangen? Deutsche Siedler zogen in kroatische Gebiete- genauso wie ins Banat oder in die Ukraine. Auch dort könnte es interessant sein. Ich wurde sogar zu einer Präsentation eingeladen, nach Agram / Zagreb.
SB: Die Leser des Sonntagsblatts kennen dich vielleicht auch in einem anderen Zusammenhang: Du hast vor einigen Jahren einen längeren Artikel über die Branauer Schwaben, das Arbeiten im Ausland und die Identität geschrieben – was hat dich bei der Durchführung der Interviews und in Bezug auf deren Inhalt am meisten überrascht?
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RB: Es gibt einen natürlichen Prozess, dass sich Dörfer entvölkern und die Menschen in die Städte ziehen. Dort ist das Leben einfacher und leichter- es gibt mehr Unterhaltungsmöglichkeiten und Arbeit. Das gilt auch für Deutsche in Ungarn. Das Bild ist jedoch differenzierter: Diejenigen, die zu Hause Deutsch gelernt haben, sind mutiger, nach Deutschland zu gehen, wo das Gehalt um ein Vielfaches höher ist. Das Material entstand in Zusammenarbeit mit „ Partizán”( einem Youtube-Kanal für Politik und Gesellschaft, Red.). Dazu drehte man ein kurzes Video. Es überrascht mich nicht wirklich, dass es Dörfer gibt, in denen fast nur noch ältere Menschen leben, aber das zu erleben! Ein Fünfzigjähriger erzählte, dass seine Altersgenossen ihn für verrückt hielten, weil er nicht nach Deutschland ging um zu arbeiten. Als Autor habe ich mich auch mit dem Schicksal der Pflegekräfte auseinandergesetzt. Zehntausende, die kurz vor der Pensionierung arbeitslos wurden- auch viele Rentner- pendelten nach Österreich und Deutschland. Das Interessanteste an dieser Geschichte war, dass Menschen in diesem Alter eher verschlossen sind. Aber einige meiner Informanten öffneten sich tatsächlich, erwarben neues Wissen und nahmen neue Gewohnheiten an. Um genau zu sein: Frauen übernahmen sogar die Rolle des Familienoberhaupts, weil sie mehr verdienten, während ihre Männer kochten, einkauften und sich um die Kinder kümmerten. Das hat mich am meisten überrascht.
SB: Du bewegst dich im Branauer Milieu – wie siehst du Gegenwart und Zukunft der Schwaben?
RB: Der Wandel ist stetig. Ich weiß nicht, wie viel Zukunft das hat, was wir Schwabentum nennen. Wegen der sinkenden Kinderzahlen werden in kleineren Siedlungen Grundschulen geschlossen oder es werden weniger Deutschklassen angeboten. In Fünfkirchen ist die Lage noch relativ gut, meine Kinder lernen auch Deutsch. Aber wenn ich daran denke, dass meine Großeltern Ungarisch in der Schule erlernten und meine Mutter die Sprache auf der Straße erlernte, beim Spielen- von den seklerischen „ telepes”-Kindern … Heute ist die Situation völlig anders. Mit der Generation meiner Großeltern verschwanden diejenigen, die die gesamte Kultur kannten. Oder sie kannten sie nicht, sondern lebten sie. Was wir heute bei Festen, Volkstänzen oder in Museumsausstellungen sehen, das ist die Kleidung, die meine Großmutter trug. Sie erlebte den Aberglauben und die Feiertage nicht als Volksbräuche, sondern es war ihr Leben, es war selbstverständlich. Als ich meine Großmutter fragte, ob sie Volksgebete wie die in Zsuzsa Erdélyis Buch „ Hegyet hágék, lőtöt lépék“ kenne, las ich sie ihr vor. Sie lächelte und erzählte mir, wie ihre Großmutter und viele andere in der Familie in früheren Generationen „ Brauchfras“, gute Frauen und gute Hexen gewesen seien. Sie erzählte mir von den Heilmitteln, mit denen sie sich als Kinder selbst geheilt hatten. Auch sie lächelte, aber sie sagte bestimmt, dass sie als Kinder daran geglaubt und sich tatsächlich selbst geheilt hätten! Ihre Stimme hallt mir noch heute in den Ohren: „ Es ist wahr, mein Sohn! Es war so!“
Die Kultur, in der sie lebte, existiert nicht mehr. Der Dialekt, der ihre Muttersprache war, wird heute nur noch von wenigen gesprochen. Was jedoch fortbesteht, ist beispielsweise der Schwabenball, also der Volkstanz und die Blasmusik, die einst Teil dieser Welt waren. Heute stellen sie aber eher ein festliches, fröhliches Detail dar, bei dem bayerische Lederhosen und Dirndl genauso akzeptiert sind wie die wenigen Kleidungsstücke, die von den Großmüttern übrig geblieben sind. Schwäbisches Essen und Musik haben vielleicht eine Chance zu überleben( obwohl es keine einheitliche Stifolder-Wurst gibt, sondern so viele verschiedene Arten), aber die dörfliche Kultur, die das Leben meiner Großeltern prägte, ist – ob zum Glück oder Unglück – mit ihnen gestorben. Die Zukunft des Schwäbischen hängt zum Teil davon ab, wie viele Menschen den Wert darin erkennen, ihre eigene Vergangenheit kennen zu lernen und ihre Identität neu zu definieren. Ich habe das Gefühl, meinen Teil beigetragen zu haben. Ich arbeite jetzt wieder an der Trilogie, weil in den letzten Jahrzehnten neue Handlungsstränge entdeckt wurden. Ich plane, die Bücher neu zu veröffentlichen, aber es ist auch möglich, dass die Trilogie in den kommenden Jahren um einen Band erweitert wird, woran ich derzeit arbeite.
SB: Robert, vielen Dank für das Gespräch! Mit dem Autor Robert Balogh sprach Richard Guth.