Sonntagsblatt 3/2026 | Page 27

se fühlen konnte. Ich kannte zwar nur meine Verwandten, musste aber trotzdem jeden grüßen. Lange Zeit war nicht das Dorf der Mittelpunkt meines Tuns, sondern der Garten meiner Großeltern, wo ich unbeschwert durch die Maisfelder streifen konnte. Meine Großeltern waren ruhige, zurückhaltende Menschen; alles, was anderen widerfuhr, widerfuhr ihnen auch. Als Kind verstand ich nicht, warum sie weniger lächelten als andere. Warum sie über manche Dinge schwiegen. Oder warum sie nur in einfachen Sätzen erzählten, worüber andere Familien gern sprachen. Erst als junger Erwachsener begriff ich, dass meine Großeltern nicht nur aufgrund der unausgesprochenen Spannungen in der Familie so waren, wie sie waren, sondern dass sie traumatisiert waren. Dieses Trauma umfasste nicht nur die Vertreibung, sondern den gesamten historischen Prozess, den sie durchleben mussten: den Zweiten Weltkrieg, die Malenkij Robot, die Vertreibung und die natürlichen Prozesse, die die deutsche Gemeinschaft und Kultur in Ungarn dahinsiechen ließen. Die Identität wurde über Jahrzehnte verändert. Nach dem Tod meines Großvaters war meine Großmutter allein. Wenn ich mich recht erinnere, war ich 28 Jahre alt und wir führten zum ersten Mal ein Gespräch, das mir vieles verständlich machte. Diese halbe Stunde oder so war vielleicht der Grund, warum ich die „ Schvab”- Trilogie schrieb. Damals begriff ich, warum wir so sind, wie wir sind. Dass ich über das, worüber sie geschwiegen hatten, sprechen, schreiben muss! Die Tatsache, dass ich mich meinen Verwandten, die vor Generationen lebten, näher fühle als vielen, die heute leben, oder die Tatsache, dass meine Großmutter nie ihre Tracht, ihr Kopftuch weggegeben hat, dass sie mir auch einen „ Patschkert“ gestrickt hat, war keine Laune, keine seltsame Vorliebe für etwas, sondern für sie ganz natürlich.
SB: Du hast von der „ Schvab Trilógia” erzählt, die in den 2000er Jahren entstanden ist: das „ Schvab evangiliom” 2001, das „ Schvab legendariom” 2004 und das
„ Schvab diariom” 2007. Was hat dich dabei motiviert und wie wurde die Trilogie aufgenommen?
RB: Motivation? Niemand hat mich dazu gedrängt oder mir etwas versprochen, wenn ich meine Romane schreiben würde. Ich hatte das Gefühl, dass sich in meinem Kopf etwas zusammengefügt hatte, das ich vorher nicht verstanden hatte. Fast all das Schweigen und die Geheimnisse wurden enthüllt und zu einem System geformt. Und ich fand keine Texte, die dieses Thema wirklich aufgriffen. Ich kannte Martin Kalász‘ ergreifend schönen Roman „ Das Winterlamm“, aber er war in einer anderen Zeit geschrieben und suchte daher Antworten auf andere Fragen. In der Literatur über Deutsche in Ungarn fand ich keine Traditionslinie, mit der ich mich verbinden oder von der ich mich abgrenzen konnte, also ging ich meinen eigenen Weg. Denn im Grunde fragte ich meine Großmutter nach ihrem Leben. Ich plante einen viel persönlicheren und lyrischeren Text als das veröffentlichte Material. Aber während ich daran arbeitete, spürte ich das Bedürfnis nach immer neuen Ebenen. In immer mehr Fällen entwickelte sich das Ganze anders als geplant. Ich schrieb, überarbeitete und schrieb dieselbe Geschichte immer wieder in einer anderen Form. Die Struktur des Buches stand erst nach drei Jahren. So habe ich beispielsweise die Figuren nicht mit Namen versehen, sondern nannte sie Opa, Oma, Vater, Mutter, Kind …
Ich hatte mir im Vorfeld keine Gedanken über die Resonanz gemacht. Mit dreißig Jahren dachte ich noch nicht an den Buchmarkt. Es war eine Überraschung, dass man den frisch erschienenen Roman auf der „ Könyvhét”( Bücherfest im Juni jeden Jahres in Budapest, Red.) gleich jeweils in sechs Exemplaren kaufte. Ebenso überraschend war es, dass Martin Kalász( Krisztmann)- der zur Signierstunde kam- mir freundlich und herzlich gratulierte. Das Buch wurde von der Kritik gut aufgenommen. Ich erfuhr viel Zuspruch von den Lesern. Es gab aber auch Unver-
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