Sonntagsblatt 3/2026 | Page 26

lautbarungen zuwider unser Weg nach unten vorgezeichnet ist. Ich sehe das sehr realistisch. Das ist unübersehbar in meiner Heimatgemeinde Ohfala, wo ich jedes Jahr zwei-, dreimal mehrere Wochen, manchmal Monate anwesend bin- wie der Sprachverlust bei den Ungarndeutschen bei seiner Neige angelangt ist. Das erlebt man bei allen Begegnungen. Das sehe ich im Gasthaus meiner Heimatgemeinde. Das sehe ich in der Kirche, die ich jedes Wochenende besuche- wie die Substanz katastrophal zusammengeschrumpft ist in den letzten Jahren. Wenn ich nur die kirchliche Kommunität anschaue: Vor zehn oder 20 Jahren haben wir noch Fronleichnamsprozessionen gehalten, wo alles deutsch erklang, deutsch gesungen wurde, auch die ganze Liturgie war deutsch. Das gibt es praktisch jetzt nicht mehr- selbst in Ohfala nicht mehr. Jetzt sind wir soweit, dass bei unserer kleinen Gesangstruppe, die in der Messe singt, die Organistin vor paar Wochen gestorben ist. Männer gibt es überhaupt keine, Kinder gibt es überhaupt keine in der Kirche. Der Pfarrer bemüht sich zwar, aber er spricht nur mäßig Deutsch. Nur die Lesung und die Fürbitten werden noch deutsch gesprochen.
Ich fürchte, unser Schiff wird immer tiefer sinken. Es klingt vielleicht brutal, aber ich denke, dass wir nur noch ein Instrument für die ungarische Schaufensterpolitik sind. Man sieht es ja jetzt auch aktuell, obwohl es demokratische Verhältnisse gibt und kaum ethnische Marginalisierung. Die letzten Wahlen haben es deutlich gezeigt, wo wir hingekommen sind.
Vielleicht gibt es doch einen schwachen Lichtblick: Viele Frauen sind im karitativen oder pflegerischen Bereich im deutschsprachigen Raum tätig und werden dadurch auch selbst- was ihre ethnische Identität betrifft- selbstsicherer und treten mutiger auf. Das könnte( beim Sinkprozess, Red.) eine verzögernde Wirkung haben.
SB: Ich denke, man kann ja auch die jüngeren Generationen mit einbeziehen, aus deren Reihen viele in Österreich und Deutschland arbeiten ….
TJ: Ja, das ist ein positiver Aspekt, eine Stabilisierungsmöglichkeit, auch wenn wir an die vielen Männer im mittlerem Alter denken, die im Westen arbeiten.
SB: Was bleibt von diesem ungarndeutschen Hintergrund, Familienerbe in deiner eigenen Familie?
JT: Wenn ich ehrlich bin: Mit dem biologischen Ableben meinerseits und meiner Frau wird es wohl zu Ende gehen. Die unmittelbare, nächste Generation, also meine Kinder sind jedes Jahr ein- oder zweimal in Ungarn. Die Enkelkinder kommen in den Sommerferien jetzt auch. Dennoch zweifle ich, weil sie die ungarische Landesprache leider nicht erworben haben. Daran sei ich Schuld, sagt meine Frau und ich kann fast nicht widersprechen. Ich habe diese Kraft nicht aufgebracht. Was bleibt, wird die Geschichte sein, die bekanntlich so beginnt wie viele Märchen: „ Es war einmal”. Für die heutigen jungen Ungarndeutschen wird es nur mehr Geschichte sein, was bleibt.
SB: Johann, ich danke für das Gespräch! Das Gespräch führte Richard Guth.

SICH ALS FREMDER WIE ZU HAUSE ZU FÜHLEN

Schriftsteller und Journalist Robert Balogh über das Wemender Familienerbe, die Veränderungen in der Branau und sein literarisches Schaffen
SB: Robert, nach eigener Definition warst du bereits „ Regieassistent, Aufsichtsassistent, Schauspielassistent, arbeitslos, Student, Journalist, Kritiker, Fernsehreporter, Zeitungsredakteur, zweimal Chefredakteur, Radioreporter, Moderator …“ – welche dieser Tätigkeiten hat dich bisher am meisten inspiriert?
RB: Seitdem hat sich mein Tätigkeitsfeld erweitert, aber ich bin von Natur aus neugierig. Selbst die schulische Bildung konnte mir diese Neugier nicht nehmen. Schon als Kind fragte ich oft nach, wenn ich etwas nicht verstand. Ich las auch sehr viel. Fragen zu stellen bedeutet heute Mut. Früher war das im Journalismus kein Problem, heute ist das nicht mehr unbedingt der Fall. Früher war es auch kein Problem, belesen zu sein, sondern galt als Tugend. Ich habe meine Arbeit als Reporter beim Ungarischen Rundfunk sehr genossen. Wenn man das so sagen kann, hatte ich einen guten Job als Kulturjournalist, der mir aber auch ermöglichte, die gesamte Bandbreite der Gesellschaft kennen zu lernen. Ich fand eine gemeinsame Ebene sowohl im Kreise von Obdachlosen und Geldwechslern auf der Straße als auch bei Péter Esterházy, Éva Vári oder Miklós Jancsó. Ich arbeitete auch viel als Moderator- meist mit Erfolg. Es war eine interessante Erfahrung, Chefredakteur
26 des Online-Magazins terasz. hu zu sein, das sich mit kulturellen und sozialen Themen befasst. Ich lernte schnell, wie es ist, nur virtuell mit Kollegen auf der ganzen Welt in Kontakt zu bleiben. Doch heute ist der „ Mikrofonständer“ anstelle eines Journalisten völlig ausreichend. Und es gibt noch einen weiteren Grund, warum ich einen Ausweg aus der Welt der Medien suche: die immer stärkere Rolle der künstlichen Intelligenz. Ich bedauere, dass man als Schriftsteller heutzutage nicht mehr von Romanen, Theaterstücken und Gedichten leben kann, denn das ist mein vertrautestes Milieu.
SB: Du bist sehr eng mit Fünfkirchen verbunden. Du bist hier zur Schule und zur Universität gegangen und doch stammst du mütterlicherseits aus Wemend und bist schwäbischer Abstammung – könntest du uns etwas über diesen Teil der Familiengeschichte erzählen?
RB: Mütterlicherseits bin ich Ungarndeutscher, väterlicherseits ein mitteleuropäisches Mix. Wir leben in Fünfkirchen, seit ich sieben Jahre alt bin. Ich war lediglich immer mal zu Besuch bei meinen Großeltern, wir wohnten nicht im selben Haushalt. Als Kind war Wemend der Rahmen, das Dorf, in dem ich mich als Fremder zu Hau-