schnell wahrgenommen oder erfahren, dass wir ethnisch als zweite Klasse eingestuft oder angesehen werden. Diese Erlebnisse haben bei mir eine bleibende Narbe gebildet. 1964 konnte ich zum ersten Mal- damals mit meiner Mutter- unsere vertriebenen Verwandten besuchen, die nach Deutschland gekommen sind. Da konnte man einander schon besuchen. Wenn ich auf meine vorgymnasiale Zeit zurückgreife, da gab es noch ein anderes prägendes Erlebnis: Also, ich war vielleicht in der siebten oder achten Klasse. Aus Ohfala konnte ein Schüler auf den Dreihotter, also nach Csillebérc ins internationale Pionierlager. Aus der Schülerschaft hat sich keiner getraut zu gehen. Dann ist der Lehrer auf mich zugekommen. Ich war kein Pionier. Mein Vater war ein überzeugter Antikommunist und wollte es nicht erlauben- mit der Begründung, dass man mit denen nichts zu tun haben sollte. Ich kam trotzdem doch auf den Dreihotter in das Lager. Da waren aus allen europäischen Ländern Gleichaltrige. Wir haben auf der Donau eine Schifffahrt gemacht und ich saß mit meiner Gruppe auf dem Schiff. Neben uns saßen Schüler und sie sprachen eine Sprache, die ich verstand. Sie sprachen deutsch. Ich habe ja nur Schwäbisch gesprochen. Ich habe sie aber verstanden und bin hin zu diesen und habe mich angedockt. Sie waren verwundert: Wieso kann ein Ungar Deutsch? Von da an war ich stutzig, ob die pejorativen Ansätze unsinnig waren, wonach wir unsere Sprache nicht sprechen sollen, da es keine schöne Sprache sei- eigentlich gar kein richtiges Deutsch und wir nur noch madjarisch sprechen sollen.
Als ich dann nach Deutschland kam und auch da alles verstand, dachte ich mir, dass wir doch in Ungarn richtig beschissen werden. Als dumm verkauft, weil man uns sagte: Was wollt ihr mit dieser Sprache, sie hat doch keinen Wert?! Diese minderwertige Einstufung unserer Sprache- die eine Sprache ist wie jede andere- hat mich zu dem Gedanken gebracht, dass ich mich selbst befreie von dieser minderwertigen, zweitklassigen Einstufung. Es war ja paradox: An der Uni in Gießen habe ich nach dem fünften Semester- praktisch nach dem Physikum- alles gepackt und habe keinen Deutschkurs gebraucht. Ich bin praktisch ganz unauffällig mit den anderen mitgelaufen.
Und dann habe ich noch so ein niederschmetterndes Erlebnis gehabt, was in diesen Kontext gehört: In Stuttgart im Ungarischen Kulturinstitut des Konsulats war eine Tagung, an der ich teilnahm- das war schon in den neunziger Jahren. Da gab es einen Referenten, der darüber erzählte, dass man in Ungarn eigentlich kaum davon reden könne, dass die Ungarndeutschen infolge von Verschleppung und Vertreibung ein traumatisches Schicksal gehabt hätten. Ich habe mich auch zu Wort gemeldet und berichtet, dass ich das ja miterlebt habe. Das hat natürlich großen Ärger und Unruhe hervorgerufen- beim Publikum. In der Pause kam eine hohe Konsulatsbeamtin auf mich zu und fragte in drohendem Ton, warum wir immer über den Sprachverlust klagen und jammern- und was für eine Sprache wir denn gesprochen hätten?! Und dass wir mit unserer schwäbischen Sprache in Deutschland nichts anfangen könnten! Zum Schluss sagte sie mir noch- aufgebaut in hoheitlicher Pose- ich solle aufpassen, was ich in diesem Haus sage.
SB: Ihr seid keine besten Freunde geworden.
JT: Nein! Ich war eher geschockt und froh, als ich das Konsulat heil verlassen hatte.
24
SB: Kehren wir zurück zu deiner Ankunftszeit in der Bundesrepublik: Wie hast du das westliche Deutschland der 60er und 70er Jahre wahrgenommen?
JT: Als Befreiung! Es war die Zeit der 68er Studentenbewegung in der Bundesrepublik. In der hessischen Universitätsstadt Gießen wohnte ich in einem zentralen Studentenwohnheim. Hier war zugleich auch die Uni-Mensa. Ich habe zum Glück da ein günstiges Zimmer bekommen und war mit einem Iraner zusammen. Unten waren dauernd Sitzstreiks und Demonstrationen der Studenten. Ja, das war für mich eine neue Welt. Vor allem das studentische Leben war ganz anders als in Ungarn. Ich hatte das Glück, dass ich rechtlich als „ Volksdeutscher” sofort mit den Deutschen gleichgesetzt war( was heute nicht mehr geht). Volksdeutsche, die damals nach Deutschland gekommen sind, haben sofort einen deutschen Personalausweis bekommen- aber nicht die Staatsbürgerschaft. Das habe ich nicht gleich gewusst, ich war ja schon froh, als ich den Personalausweis hatte. Da war ich beruhigt, weil ich ja kein Geld hatte- nichts. Ich habe dann das übliche Stipendium bekommen. Es waren damals so 300 Mark. Mit denen konnte man auskommen. Im Studentenheim habe ich 50 DM Wohngeld bezahlt. In den Ferien habe ich Ferienarbeit gemacht. Manchmal bin ich nach Schwäbisch Gmünd in Württemberg zu meinem Onkel gefahren. Da habe ich in einer Metallwarenfabrik geschafft, wo mein Onkel Meister war. Ich hatte nie Heimweh, war immer beschäftigt. Ich habe aber ein bisschen Angst gehabt, da ich keine Ahnung hatte, wie die Anforderungen an der Universität sind. Ich habe mich sprachlich autodidaktisch intensiv weitergebildet. Aber ich wusste nicht, wie die Prüfungen ablaufen. In Ungarn war es ja so, dass wir nach jedem Semester Prüfungen hatten. In Gießen habe ich vom sechsten bis zum zehnten Semester- bis zum Staatsexamen- keine einzige Prüfung machen müssen. Ich habe folglich nicht gewusst, auf welche Art und welches Niveau das am Ende hinausläuft. Das hat mich ziemlich beunruhigt. Diese Angst hat mich angetrieben. Ich war in jeder Vorlesung anwesend, was damals keine Plicht war und habe immer mitgeschrieben, was mir bei den Abschlussprüfungen zugutekam.
SB: Wie bist du eigentlich nach Wemding gekommen?
JT: Nach Wemding gekommen bin ich durch beruflichen Zufall. Ich habe mein Examen in Gießen gemacht, meine anschließende Dissertation dann in einem großen Forschungslabor einer staatlichen Einrichtung. Ich wollte aber nach Süddeutschland, wollte nicht im Norden bleiben. Ich wollte nach Bayern oder Baden-Württemberg, deren Mentalität mochte ich mehr. Meinen Beruf begann ich dann mit einem sechsmonatigen Pflichtpraktikum bei einem praktischen Tierarzt im herrlichen allgäuischen Oberschwaben. Danach habe ich vier Jahre lang selbstständig Urlaubsvertretungen von praktischen Tierärzten in ganz Süddeutschland übernommen. Urlaubsvertretung war ein harter Gang, aber finanziell der beste, weil man eine sehr gute Tagespauschale erhielt. Die Kollegen haben immer Urlaubsvertreter gebraucht- Urlaubsvertretung von zwei Wochen oder gar bis zu zwei Monaten. Einer der Praxisinhaber hatte eine sehr hübsche Tochter, die später meine Ehefrau wurde. Es war mein Glücksmoment!
SB: Wann bist du mit landsmannschaftlichen und sonstigen Heimatvertriebenen-Organisationen in Berührung gekommen?
JT: Das ist auch eine Geschichte, die merkwürdig ist, weil ich von den Heimatvertriebenen gar nicht viel wusste. Ich war die ersten drei-vier Jahre ganz auf das Studium und die berufliche Existenzgründung konzentriert. Meine