manden beauftragen. Geld haben die Leute natürlich auch keins gehabt. Viele haben ihre Äckerlein und ihren Gemüsegarten natürlich per Hand mit Stechschaufel und Hacken bearbeitet- das war mühsam. Aber man kannte nichts anderes, das war eine Selbstverständlichkeit. Wenn die Frauen auf die Märkte gegangen sind- meist auf den Bonnharder Wochenmarkt-, das waren 18 km, haben sie die Stühle auf dem Kopf oder auf dem Rücken getragen und anschließend verkauft. Die Männer sind nach Hidasch in die Kohlegrube gegangen. Es war ein Kohlebergwerk dort. Ab den Sechzigern haben die Jungs in der Regel einen Beruf erlernt. Die meisten sind Maurer geworden, das war das Gängigste. Ja, das waren so die ersten, die dann rausgekommen sind. Apropos Außenwelt: Es war ein großes Erlebnis, als wir das erste Mal einen Zug gesehen haben. Mit meinem Großvater sind wir auf den Bahnhof gegangen und auf einmal war so eine Riesenlokomotive hergefahren. Wir haben nur gestaunt und geschaut. Dann hat uns mein Großvater mitgenommen nach Fünfkirchen, weil er zu seinem Kriegskameraden aus dem Ersten Weltkrieg fahren wollte. Fünfkirchen, das war die Großstadt. Das war natürlich ein Erlebnis für mich mit zehn Jahren.
SB: Deswegen war wahrscheinlich auch der Wechsel auf das Benediktinergymnasium in Martinsberg eine große Umstellung für dich gewesen …
JT: Das war für mich eine Riesenumstellung. Wir hatten in der Zeit, wo ich eingeschult wurde, unsere alte alteingesessene Lehrerin. Dann sind junge Absolventen von der Pädagogischen Hochschule von Fünfkirchen gekommen, zwei oder drei. Die waren lustig, aber haben eigentlich pädagogisch total versagt, muss ich sagen. Wir haben sehr, sehr wenig vermittelt bekommen. Wir hatten einen Lehrer, er war ein Fußballfanatiker und ließ die Jungs gerne Fußball spielen. Wir haben von 8 bis 11 Uhr drei Stunden im Schulhof Fußball gespielt. Dann ist er essen gegangen. Nach einer halben Stunde ist er wiedergekommen und dann haben wir alle Fächer durchgenommen. Wir haben Hausaufgaben bekommen und sind um eins immer heimgegangen. Also ich will damit sagen, ich bin mit sehr wenig Kenntnissen nach Martinsberg gekommen. Und Wahnsinnsangst gehabt! Wieso bin ich nach Pannonhalma gekommen? Ich bin nur nach Pannonhalma gekommen, weil wir damals Klassenfeinde waren- eine Kulakenfamilie. Ich wurde auf kein staatliches Gymnasium aufgenommen. Dann hat unser Pfarrer Kaufmann- dem verdanke ich es eigentlich- erreicht, dass ich nach Martinsberg komme.
Wir mussten eine Aufnahmeprüfung in Fünfkirchen machen. Also, es gab eine Aufgabe in ungarischer Sprache und dann zwei, drei Matheaufgaben. Mein Lehrer- als der erfuhr, dass ich nach Pannonhalma gehen möchte- hat mich in Mathematik aufgebaut und auf die Prüfung vorbereitet. Aber im Fach Ungarische Sprache und Literatur habe ich wenig gewusst. Auf dem Zettel stand eine Aufgabe mit dem Titel „ Mein Dorf”. Irgendwo muss auch der Name von Géza Gárdonyi gestanden sein, weil es ein Roman von Gárdonyi war. Aber der Name sagte mir gar nichts. Ich habe weder von ihm noch von dem Roman etwas gehört gehabt in der Schule( glatte tabula rasa), habe daher nichts gewusst. Ich habe es so interpretiert, dass ich von meinem Heimatdorf etwas schreiben soll. Ich bin praktisch da nicht durchgekommen. Ich bin im ersten Jahr nicht reingekommen. Ich war dann ein Jahr daheim. Wir hatten damals noch die Landwirtschaft, da waren wir noch nicht ganz verstaatlicht als Kulaken. Im nächsten Jahr habe ich mich noch mal selbst gebildet und da bin ich reingekommen. Im ersten Jahr musste ich vieles nachholen.
Wir hatten auch Russisch und ich war einer von dreien, die kein Russisch hatten in der Elementarschule. Aber letztendlich habe ich ein Einserabitur geschafft( obwohl ich wirklich keine Intellingenzbombe bin).
SB: Allerhand, herzlichen Glückwunsch, auch nachträglich.
JT: Danke! Nun, von da an habe ich gedacht, ich kann eigentlich auch alles, was ich will( lacht). Man muss nur wollen, das hängt vielleicht ein bisschen mit meiner schwäbischen Herkunft zusammen. Man darf nicht faul sein, muss fleißig sein und, man muss dranbleiben. Dann geht es schon irgendwie immer vorwärts.
SB: Ich vermute, du warst nicht der einzige „ Klassenfeind” am Gymnasium.
JT: Ja, guter Einwurf! Es war so, die ganze Klasse war mehr oder weniger- aus ganz Ungarn- aus so genannten Klassenfeinden zusammengesetzt. Wir hatten einige Söhne von hohen Offizieren oder Militärangehörigen der Vorkriegszeit. Wir hatten welche, deren Familien größere Betriebe hatten, die auch wieder als Ausbeuter dargestellt wurden. Wir hatten natürlich noch die Budapester Aristokraten oder bürgerliche Schicht. Die waren für uns natürlich die typisch Arroganten. Es war trotzdem eine verschworene Gemeinschaft. Dennoch waren wir die Unterschicht, die Budapester waren natürlich ganz anders geschliffen. Es lag an den Bildungsmöglichkeiten, am sozialen Hintergrund.
SB: Du warst zur Zeit der Revolution von 1956 in Martinsberg – gab es irgendwelche Auswirkungen auf das Leben dort?
JT: Ja, wir waren in dieser Enklave auf dem Klosterberg. Die Russen sind mit einer Panzer- und Mannschaftswagenkolonne angerückt und haben alle Gebäude umstellt. Alle Schüler mussten auf die Gänge und mit dem Gesicht zur Wand in einer Reihe unbewegt verharren. Hinter uns stand eine Reihe von Soldaten mit ihren Kalaschnikovs. Dann wurde alles durchsucht- in allen Räumen und Schränken in Gymnasium, Kollegium, Altenheim, Basilika und Mönchstrakt. Den damaligen Erzabt Sárközy haben sie ja fast totgeschlagen, der war dann im Krankenhaus. Was die ideologische Einstellung betraf, waren wir alle natürlich nicht auf der russisch-roten Linie, sondern auf der anderen Seite. Wir waren tatsächlich die reaktionäre Truppe. Deshalb wollten die auch nicht, dass wir mit unseren Zeugnissen studieren gehen, die haben gar nichts genutzt. Ich bin auch nicht aufgenommen worden, weil wir Kulaken waren. Ich habe ja dann noch ein, zwei Jahre kämpfen müssen, dass ich an der Uni reingekommen bin. Deshalb habe ich zwei, drei Jahre verloren.
SB: Du hast also in Budapest studiert an der Hochschule für Veterinärmedizin. Was hat dich dann dazu bewogen, Ungarn in den 60er Jahren zu verlassen? 1964, wenn ich mich nicht täusche …
JT: Das war’ 65- am 15. Januar. Das weiß ich noch ganz genau. Das war ja eigentlich der tiefste Einschnitt in meinem Werdegang. Mich hat es immer gestört, auch in Pannonhalma habe ich das schon gespürt- nein, viel früher, bereits in der siebten Klasse … In Ohfala waren wir eigentlich eine intakte schwäbische Blase. Wir sind nur ganz selten rausgekommen in rein madjarische Gemeinden oder Gesellschaften. Wenn das der Fall war, dann habe ich sehr
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