sen. Das war eine Horrorgeschichte fast.
SB: Wie muss man sich eigentlich Mobilität, Arbeit im Ohfala von damals vorstellen? Also ihr hattet ja keine befestigte Straße, aber es gab wohl Waldwege …
JT: Ja, es gab nur Feldwege- durch den Wald oder entlang der Ackerfelder. Im Sommer war es sehr staubig. Wenn es viel geregnet hat, sind wir alle in Gummistiefeln in die Schule gegangen. Die Gummistiefel- die hat man dann draußen alle ausziehen müssen. Jeder hat irgendwelche Schlappen oder sowas gehabt- viele hatten Holzschlappen. In denen sind wir dann reingegangen in die Räumlichkeiten. Wir hatten eine sehr gute- auch deutschstämmige- Lehrerin, die hieß Klaak, aber der Vater hat madjarisiert auf Kardos. Ihr verdanken wir, dass sie uns allen das Ungarische letztlich beigebracht hat. Wir haben ja sonst Schwäbisch gesprochen. Wir gehörten zu den wenigen- meine Schwester und ich-, die schon Ungarisch konnten. Wir hatten Verwandte und Kontakte in die Stadt- nach Fünfkirchen oder auch nach Kollotschau / Kalocsa. Sie sind bei uns viel verkehrt und sprachen ungarisch. Die anderen Schüler mussten ganz von vorne anfangen. Diese mangelnden Ungarischkenntnisse haben auch dazu geführt, dass wir auf dem Schulhof und in den Pausen untereinander natürlich schwäbisch gesprochen haben. Schwäbisch, das ist eigentlich ein fränkisch-schwäbischer Mischdialekt. Wir von Wemend gehören zu der Stifoller Gruppe. Also wir haben dieses Stifoller Schwäbisch gesprochen.
Die jungen Lehrer, die von der Hochschule kamen, die waren schon so getrimmt, dass wir relativ brutal dann auf die ungarische Schiene sprachlich gezwungen wurden. Wenn
22 man ertappt wurde, dass man deutsch oder schwäbisch miteinander sprach, dann hat man Strafarbeiten schreiben müssen- immer und das war sehr unangenehm und für uns unverständlich, warum das jetzt so sein muss. Je öfter man ertappt wurde, umso mehr- immer um 50 Schritte erhöht- musste man den Satz niederschreiben: In der Schule spricht man ungarisch, az iskolában magyarul beszélünk … Jeder hatte so ein Strafheft. Am nächsten Tag musste man das vorlegen und vorzeigen, dass man zu Hause 50-mal diesen Satz abgeschrieben hat. Beim nächsten Mal wurden es dann 100. Bei 500 fing es wieder von vorne an. Also wir waren praktisch jeden Tag damit beschäftigt.
SB: Womit haben sich die Leute in Ohfala damals beschäftigt?
JT: Die Leute waren sehr arm. Es ist eine sehr gebirgige Landschaft dort im östlichen Metschek-Gebirge. Handwerklich waren sie sehr geschickt. Holzarbeiten, Drechslerarbeiten, Stühle haben sie gefertigt und auch verkauft. In den Anfangszeiten-in den Vierziger-, Fünfzigerjahren- haben die Leute manchmal 5-6 Stühle auf den Rücken geschnallt und sind dann nach Bonnhard / Bonyhád oder in die näheren größeren Ortschaften gegangen, wo es Märkte gab. Die Leute liefen die Straße entlang und haben dann geschrien: „ Stiehleinflechte“! Also Stühle flechten!
SB: So gerufen, in der Mundart? Oder auf Ungarisch?
JT: Nein, in der Mundart! Die Frauen sind da auch mitgegangen. Die haben auch Stühle getragen. Es gab ja damals noch gar keinen Traktor oder sowas. Alle Arbeiten mussten mit Pferden erledigt werden oder von Hand. Es gab viele, die keine Pferde hatten. Sie mussten dann je-