„ ERST IN DEUTSCHLAND HABE ICH ERKANNT, DASS WIR BEZÜGLICH SPRACHE UND IDENTI- TÄT DIE GANZE ZEIT BETROGEN WURDEN”
Großinterview mit dem Tierarzt und langjährigen SB-Autor Dr. Johann Till anlässlich seines 85. Geburtstages
SB: Johann, du hast im August deinen 85. Geburtstag gefeiert. Wenn du jetzt auf diese 85 Jahre zurückblickst, was waren die Höhepunkte, an die du dich gerne zurückerinnerst?
JT: Oh, das ist eine umfassende Frage, auf die ich jetzt zu reflektieren hätte. Höhepunkte, hm? Also der erste Höhepunkt, der mich entscheidend geprägt hat, war bei mir, als ich aufs Gymnasium in Martinsberg / Pannonhalma kam, wo ich ein sehr gutes Abitur gemacht habe. Das bleibt für mich ein Eckpunkt, auf den ich aufbauen konnte und der mir stets eine Sicherheit gab. Höhepunkte, weil du ja im Plural gesprochen hast … Mein zweiter Höhepunkt war- es hängt ja eigentlich immer mit der schulischen oder mit der Bildungsprozedur zusammen- als ich etwa sechs, sieben Jahre danach mein Staatsexamen bestand. Eigentlich hätte es auch schlechter verlaufen können. Denn, obwohl ich ein Einserabitur hatte, habe ich zwei Jahre, nein, fast drei Jahre gebraucht, bis ich an der damaligen tierärztlichen Hochschule aufgenommen wurde. Aus ideologischen Gründen wurden damals nur wenige Absolventen des Benediktinergymnasiums von Martinsberg an staatlichen Hochschulen zugelassen. Das wäre vielleicht so eine Zwischenstation, die mich wieder aufgebaut hat, die ich aber zur Halbzeit verlagert habe von Budapest nach Deutschland. Das war dann wahrscheinlich der größte Schnitt in meinem Leben- mit viel Unsicherheiten und offenen Fragen verbunden, wie ich dann weiterkomme, ob meine in Budapest abgelegten Prüfungen anerkannt werden. Die wurden ausnahmslos anerkannt. Ich konnte aufatmen, dass ich nicht alles nacharbeiten musste. Nach fünf Semestern Gießen- also fünf Semester Budapest und fünf Semester Gießen- war ich dann endlich am Ende meines Ausbildungsweges und hatte das große Glück zugleich: Die ersten zwei besten Jahresabschlusszeugnisse waren dazu berechtigt, dass man ein einjähriges Promotionsstipendium bekommt. Ich war der Zweitbeste in meinem Jahrgang und dadurch konnte ich auch wieder ohne Schwierigkeiten meine Promotionsarbeit machen- da hatte man sonst kein Einkommen. Ich war ein gutes Jahr fast jeden Tag wie auch an den Wochenenden im Labor und habe gearbeitet. Und nachdem ich meine Dissertation erstellen konnte, war ich sicher, dass ich irgendwo auch meine Existenz hier in Deutschland aufbauen werde, ohne weitere Unterstützung. Danach verlief eigentlich alles entspannt.
SB: Dieser lange Weg begann in einem kleinen Dorf, das bis 1974 über keine befestigte Straße verfügte. Welche Erinnerungen hast du an deine Kindheit und Jugend in Ohfala / Ófalu?
JT: Ja, das kleine versteckte Dorf von Ohfala … Die frühe
Kindheit, ich hab ja noch das Kriegsende erlebt, ich bin Jahrgang’ 41. Meine frühesten Erinnerungen, die ich rezipieren kann, sind die Wirren zu Ende des Krieges oder der Nachkriegszeit. Also 1945, 46, 47, 48, diese Jahre! Wir wohnten auf einem, hier würde man sagen, Aussiedlerhof, aber auf einem Einzelhof. Es war die Zeit der Vertreibung der Ungarndeutschen. Auf unserem etwas versteckt liegenden Hof haben viele- überwiegend Frauen, ältere Frauen mit Kindern- Unterschlupf gesucht, so dass sie verschont werden von der Verschleppung nach Russland in die Zwangsarbeit. Oder dann später auch von der Vertreibung: Aus Wemend, woher meine Eltern stammten, sind viele Leute, die wussten, wo wir wohnen, bei uns untergebracht worden. Die waren alle sehr verängstigt und haben immer gezittert, dass die Gendarmerie kommt und sie abholt, so dass sie dann auch vertrieben oder verschleppt werden. Das war eigentlich keine sonnige Zeit. Das war eine, ich würde sagen, von Angst geprägte Zeit.
Dann kam ja die Schulzeit. Das war eine für mich wieder schöne Zeit, weil ich von dem Einzelhof dann eigentlich in diese Schulgemeinschaft kam. Wir waren eine rein deutschsprachige Gemeinde- auch nach dem Krieg. Ohfala gehört zu den wenigen Gemeinden, in denen keine Vertreibung stattgefunden hat. Wir hatten auch noch bis 1948- also als ich dann in die Schule kam- Religionsunterricht. Wir hatten einen Pfarrer, einen schwäbischstämmigen, den Kaufmann Franz. Er hat mit uns Deutsch gesprochen, der hat auch Deutsch unterrichtet. Wir haben auch deutsch gebetet, sind auf Deutsch zur Erstkommunion gegangen, haben deutsch gebeichtet- das ging alles noch in der Muttersprache. Das war damals nicht mehr so ganz selbstverständlich. Aber in Ófalu war das selbstverständlich. Wir kannten das gar nicht anders.
Die anderen Ohfalaer haben von dieser Vertreibungsgeschichte gar nicht so viel mitgekriegt. Ich habe es auch nur mitgekriegt über die Frauen und Kinder aus den Nachbargemeinden, die sich in Sicherheit bringen wollten und bei uns versteckt haben. Da war ein Bild, das ich nie vergessen werde: Es waren ja meistens 4-5 Frauen, mit ihren 5, 6, 7, 8 Kindern- die mussten ja auch ernährt werden. Diese Frauen, wo schliefen sie? Ich und meine Schwester schliefen in der Wohnküche- in einem kleinen Bett. Das war ein größeres Kinderbett. Dort schliefen wir zusammen. Ich bin einmal nachts aufgewacht und sehe, dass am Tisch ringsum auf den Stühlen vier oder fünf Personen- Frauen, in ihren Kleidern- sitzen und auf dem Tisch gebeugt schlafen. Von Hexen habe ich ja schon was gehört und gewusst. Ich war der festen Überzeugung, da sitzen jetzt fünf Hexen bei uns in der Küche. Ich habe eine derartige Angst gehabt und konnte nimmer einschlafen, das werde ich nie verges-
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