Sonntagsblatt 3/2026 | Page 20

die Deutschen in Ostbelgien, die alle verfassungsmäßig anerkannt und völlig gleichberechtigt sind. Sie verfügen jeweils über ein eigenes Parlament mit entsprechender Beschlussfähigkeit. Das ist im Bereich des deutschen Minderheitenwesens in Europa optimal und einmalig! In der ostbelgischen Landschaft Eupen-Malmedy-St. Vith leben inmitten der Wallonie mit ca 1 % der Gesamtbevölkerung die Deutschen. Hier geschieht alles in Deutsch: Parlament, Regierung, Straßennamen, Gewerbebezeichnungen, usw. Das gesamte Schulsystem ist Deutsch. Vom Kindergarten über die Grundschule, über die Fach- und Berufsschulen bis zum Gymnasium wird alles in deutscher Muttersprache unterrichtet. Zeitungen und Radio sind in deutscher Sprache, deutsches Fernsehen wird vom Nachbarland übernommen. Insgesamt eine beispielhafte Situation, wie sie für deutsche Volksgruppen überall wünschenswert ist.
In Rumänien haben wir die Konstellation, dass es viele verschiedene Minderheiten gibt. Die größten sind die Magyaren, Roma, Ukrainer und Deutschen, sowie mehrere kleinere. Insgesamt sind 18 Minderheiten verfassungsmäßig anerkannt, sie haben zusammen 19 Parlamentssitze von 331 inne. Die deutsche Volksgruppe stellt einen Abgeordneten. Durch die verfassungsmäßige Anerkennung ist auch eine- entsprechend der Größe- gesicherte staatliche Finanzunterstützung gegeben. Zu den seit Jahrhunderten dort siedelnden, damals von den magyarischen Arpaden-Königen ins Land gerufenen deutschen Siebenbürger Sachsen kamen im Lauf der Zeit andere deutsche Gruppierungen wie z. B. die Sathmarer Schwaben, Banater Schwaben, Landler, Berglanddeutsche, Zipser, Buchenland( Bukowina)-Deutsche. In das nach dem nach dem 1. Weltkrieg entstandene Großrumänien kamen Dobrutscha- Deutsche und Bessarabien-Deutsche. Diese, zum Teil aus verschiedensten Herrschaftsgebieten( Russland, Donau- Monarchie, etc.) kommenden Deutschen mussten sich erst mühsam nach dem 1. Weltkrieg sammeln und organisieren. Heute sind sie als deutsche Minderheit im sog. Demokratischen Forum organisiert, das sowohl eine politische als auch eine kulturelle Dachorganisation darstellt. Die größte Stärke der Rumäniendeutschen ist das deutsche Schulsystem. Dieses hat alle Schwierigkeiten der Zeit und auch den diktatorischen Kommunismus überstanden. Das seit dem Reformator Hunterus evangelisch geprägte Schulsystem hat einen gewaltig hohen Stellenwert. In den über 60 Schulen und Lyzeen( Gymnasien) von Transsilvanien(„ Siebenbürgen“) wird in allen Fächern in deutscher Muttersprache unterrichtet. Die Lehrer-Ausbildung erfolgt im Lande selbst. Manchmal kommen Lehrer aus deutschen Landen. In technischen Fächern muss oft auf Rumänen zurückgegriffen werden. Die deutschen dörflichen Grundschulen, auch solche in den Städten und die Gymnasien sind sehr gefragt. Das berühmte Brukenthal-Gymnasium in Hermannstadt platzt von so vielen Schülern aus allen Nähten. Es wird überwiegend von Rumänen besucht, weil eine bestens bewährte Ausbildung gewährleistet ist. Wie hoch das Ansehen der Deutschen in Rumänien ist, zeigt u. a., dass der Siebenbürger Sachse Klaus Johannis dreimal Bürgermeister von Hermannstadt( bei 1 % Deutschen dort!) und zweimal Staatspräsident war.
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Erwähnt soll auf jeden Fall werden, dass es im Banater Temeschwar ein deutsches Theater gibt, regelmäßige Literaturzirkel, deutsche Zeitung und deutsches Radio. Ein überaus reichhaltiges Kulturprogramm mit Gesangs-, Tanz-, Trachten- und Musikgruppen im ganzen Siedlungsgebiet der Deutschen in Rumänien hält die Wurzeln und Traditionen hoch. Ein überaus vielseitiges Kulturleben entfalten auch die „ steirischen“ Berglanddeutschen: deutsche Literaturtage, deutsche Trachtenfeste, deutsche Kulturdekade- alles mit entsprechender Medien-Präsentation. Das sind hervorragende Zeichen deutschen Lebens- unterstützt vom Österreichs Bundesland Steiermark und dem Grazer Alpenländischen Kulturverband sowie den Grazer akademischen Verbindungen. Insgesamt ist das – bis auf den leider erfolgten massiven Exodus der Deutschen zu Kommunismus-Ende- eine ziemlich gute Situation.
Eine gänzlich andere, besondere Lage sieht man im Staat Italien: Das ursprünglich rein deutsche Süd-Tirol ist uraltes deutsches Siedlungsgebiet, das erst nach dem 1. Weltkrieg in St. Germain Italien zugesprochen wurde. Dadurch ist die deutsche Mehrheit im Lande zu einer Minderheit im italienischen Staat geworden. Massive Italienisierung mit Aufzwingen der italienischen Sprache, von Geographie-Bezeichnungen und Deutschverbot usw. sind auch nach Faschismus-Ende bis heute spürbar. Vom Hitler- Mussolini-Abkommen( Option entweder Italienisierung oder Umsiedlung ins Reich) und dem 1946er Gruber- de Gasperi-Abkommen mit Identitätsverlustgefahr über die Gegenwehr bei der 1961er Bombennacht bis zum daraus erfolgenden Autonomie-Paket( 1972 bis 1992) führt der Leidensweg. Heute ist die muttersprachliche Situation folgendermaßen: Für die etwa 600.000 Deutsch-Südtiroler( es gibt dazu noch ca. 30.000 rätoromanische Ladiner und ca. 300.000 zugewanderte Italiener) gibt es ein weit verzweigtes deutsches Schulsystem. Das reichgegliederte Bildungssystem umfasst die Pflichtschulen im dreijährigen Grund- und fünfjährigen Mittelschul-Bereich und anschießend die Oberschule in diversen Gymnasien sowie in verschiedenen Fachoberschulen. Es gibt 45 deutsche Schulsprengel mit 77 Direktionen. In 11 italienischen Schulsprengeln gibt es entsprechende Vorgehensweisen. 1997 entstand die Freie Universität Bozen, wo in Italienisch, Deutsch und Englisch gelehrt und geforscht wird.
Der öffentliche Dienst wird proporzmäßig nach Volkszugehörigkeit aufgeteilt. Politisch regiert seit 1945 die deutsche Volkspartei, zuletzt zusammen mit Italienern. Im Parlament haben die Südtiroler Sitze. Verschiedenste örtliche und überregionale Printmedien werden herausgegeben, auch gibt es ein deutsches Radio-Programm. Die Tiroler Schützen sind selbstbewusste Traditionsträger. Eine riesige Anzahl von Kulturträgern aus den Bereichen Gesang, Musik, Tanz, Tracht, Historie, Architektur, Kulinarik, Wein, usw. sind Bewahrer und Erweiterer der eigenen gewachsene Kultur. Gepflegt wird natürlich die Verbindung zu den verwandten Österreichern und Bundesdeutschen sowie zu den deutschen Minderheiten in Europa. Ihnen konnte man aufgrund des frühen EU-Beitrittes von Italien manche Hilfestellung geben. Aufgrund einer gewissen Saturiertheit infolge der nicht zuletzt auch durch die EU bewirkten guten Wirtschaftslage kann eine gewisse „ Verelsässerung“ festgestellt werden. Darunter versteht man die Verwässerung der nationalen Einstellung. In ihrer Auseinandersetzung um die nationale Selbstbestimmung ist aber insgesamt eine gute Situation zu sehen. In den zahlreichen deutschen Sprachinseln wie den cimbrischen Städten, dem Kanaltal, Sauris, Fersental, usw. ist es jedoch nicht so einfach, die deutsche Eigenart hochzuhalten- vor allem die Muttersprache zu tradieren.
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