Sonntagsblatt 3/2026 | Page 16

EINE FRAU, DIE BRÜCKEN BAUTE

Die ungarndeutsche Maria Steller im Dienst der Kinderfürsorge
Von Richard Guth
Eine Frau, deren Leben Brücken gebaut hat – so könnte man das Werk von Maria Steller beschreiben. Geboren 1898 in Budapest als ältestes Kind einer gläubigen katholischen Familie wuchs sie in einer Umgebung auf, in der Bildung einen hohen Stellenwert hatte. Ihr Vater, Anton Steller, leitete als technischer Direktor die Budapester Straßenbahn-Gesellschaft, und schon früh zeigte sich Marias außergewöhnliches Talent für Sprachen. Ungarisch, Deutsch, Französisch, Englisch, Niederländisch, Italienisch – alle beherrschte sie perfekt. Die Familie selbst ist evangelischen Ursprungs: Der erste Steller gehörte den Kreisen rund um Martin Luther an und war einer der ersten evangelisch-lutherischen Geistlichen. Teile der Familie siedelten sich im Zipser Teil des damaligen Oberungarn an. Sie gelangten aber mit der Zeit in die Gegend von St. Andrä / Szentendre bei Budapest- nicht zuletzt über familiäre Verbindungen zur jüdischstämmigen und zum Katholizismus konvertierten Architektendynastie Möller.
Die Informationen zu dieser Lebensgeschichte verdanke ich der aus Sankt Andrä stammenden Lea-Katharina Steller, deren Ehemann ein sehr entfernter Verwandter von Maria Steller ist. Die Familie ihres Ehemanns wurde nach dem Krieg in die Sowjetisch Besetzte Zone vertrieben und er wuchs im heutigen Bundesland Sachsen-Anhalt auf.
Lea-Katharina Steller, die mir diese Lebensgeschichte nahegebracht hat, sagt, dass Maria schon als junges Mädchen eine tiefe Verantwortung für andere Menschen empfunden habe. So habe sie ihre Laufbahn an der Seite von Alice Ibrányi begonnen- der leitenden Krankenschwester des Ungarischen Roten Kreuzes. Ihr Talent wurde wohl schnell erkannt. Es führte sie nach Utrecht, dann nach England- nach Oxford; überall habe sie mit Hingabe und Brillanz geglänzt. Nach ihrer Rückkehr nach Ungarn erwarb sie die Qualifikationen als Hebamme und Krankenschwester und trat in das von Adalbert( Béla) Johan gegründete Nationale Gesundheitsinstitut ein.
Die Rockefeller-Stiftung unterstützte ihre Weiterbildung
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in den USA und Maria Steller nutzte diese Chance, um ihre Kenntnisse in Krankenversorgung, Kinderschutz und sozialer Verwaltung zu vertiefen. „ Ich kann mir vorstellen”, wie Lea-Katharina mir erzählte, „ dass Maria oft von den amerikanischen Krankenhäusern schwärmte, die sie gesehen hatte”. Zurück in Ungarn widmete sie sich der Organisation der Hebammentätigkeit auf dem Land. Maria überwachte die leitenden Hebammen, entwickelte Modellbezirke und sorgte dafür, dass ländliche Gemeinden Zugang zu qualifizierter Gesundheitsversorgung erhielten.
1930 erschien auf ihre Initiative die Zeitschrift „ Grünes Kreuz“. Lea-Katharina Steller betonte, wie sehr Maria die Verbreitung von Wissen am Herzen lag. Gleichzeitig erwarb sie 1935 den Doktortitel in Verwaltungswissenschaften an der Universität Segedin. Für fast ein Jahrzehnt hingebungsvoller Arbeit wurde sie mit einer Auszeichnung des Innenministeriums geehrt.
Der nächste Schritt führte Dr. Maria Steller 1935 nach Genf, zur Sozialabteilung des Völkerbundes. Ihre Aufgabe war, ein Augenmerk auf die oft vernachlässigte Zwischenphase der Kindheit zu legen. „ Stellen Sie sich vor, wie sie dort in Genf in den Sitzungssälen saß“, erzählte mir Lea-Katharina, „ und ihre Visionen für den Kinderschutz einbrachte.“ 1940 kehrte sie nach Ungarn zurück, wurde Sozialinspektorin bei der Nationalen Sozialaufsicht und das ONCSA-Programm( Programm des Nationaler Fonds für Volks- und Familienschutz) entstand: menschenwürdiger Wohnraum für sozial schwache Familien, organisiert, überwacht und liebevoll begleitet. In Paumasch entstanden so 1943 die ersten ONCSA-Häuser, ein sichtbares Zeichen