Am genauesten wussten die Postboten, wer wo wohnte, doch die Vertreibungsbürokratie konnte mit der Situation nicht umgehen. Es war unmöglich, genaue Listen zu erstellen. Es gab mehrere Versionen, auf denen auch Personen auftauchten, die nach dem Erlass nicht hätten vertrieben werden sollen, während andere fehlten, die auf der Liste hätten stehen müssen.
In diesem Chaos gelang es vielen, der Vertreibung zu entgehen. Andreas Krisch kennt Fälle, in denen der Name falsch geschrieben wurde. Die Betroffenen behaupteten dann einfach, dass sie nicht auf der Liste stünden. Manche gingen zum Bahnhof, stiegen aber nicht in den für Vertreibung vorgesehenen Zug ein, sondern in den, der nach Steinamanger fuhr und versteckten sich dann längere Zeit in einem Dorf. Einige waren zu arm für die Vertreibung, andere kauften sich mit viel Geld frei. Andere hatten einfach Glück oder wurden durch eine gemischte Ehe geschützt.
Meine Großeltern waren einfache Leute. Meine Großmutter arbeitete in einer Seidenfabrik, mein Großvater verdiente sein Geld als Friseur. Mein Onkel Karl weiß auch nicht genau, wie sie die Vertreibung überstanden. Der Familienüberlieferung zufolge konnte mein Großvater, der den örtlichen Potentaten die Haare schnitt, bei jemandem von ihnen etwas diesbezüglich erreichen. Ich kann mir gut vorstellen, dass es so war – er war ein so geschickter und liebenswerter Mann. Mein frühestes lebhaftes Kindheitserlebnis mit ihm war, dass er mir das „ Schnapsen“ beibrachte. Das zweite war, dass er mir zeigte, dass man beim Schnapsen auch mogeln kann.
Gleichzeitig mussten die Eltern meiner Großmutter gehen. Meine Großeltern konnten nicht mehr so leben wie früher, denn die Zurückgebliebenen waren bald auch von den Folgen der Verstaatlichung betroffen. In unserer Wohnung, in der ich meine Kindheit verbrachte, gab es eine Marmorplatte, auf der Zimmerpflanzen standen. Von meinem Vater hörte ich oft, dass diese Platte die einzige größere Sache war, die aus dem Friseursalon meines Großvaters gerettet worden war, nachdem die Behörden den Salon übernommen hatten.
Mit Bündel hinausgeworfen
Im Vergleich zu einigen Regionen Mitteleuropas verlief die erste große Welle der Vertreibung in Ungarn im Frühjahr 1946( in Ödenburg zwischen April und Mai) relativ friedlich. Dennoch war dieses Ereignis eine schreckliche Tragödie für das Ungarndeutschtum. Die meisten Betroffenen verwendeten nicht einmal das Wort „ Aussiedlung“( ung. kitelepítés), sondern sprachen von „ Vertreibung“ – zu Recht: Sie mussten ihre Häuser, ihre Heimat, die Gräber ihrer Toten und die Weinberge zurücklassen.
Wie anderswo überwachten auch in Ödenburg und Umgebung erhebliche Polizeikräfte die Durchführung. Die zu vertreibenden Personen wurden mit Pferdewagen zum Ödenburger Bahnhof gebracht und dort in die berüchtigten Viehwaggons gequetscht- in der Regel 28 – 32 Personen pro Waggon. An der Seite eines Waggons stand geschrieben: „ In der Wiege geschaukelt, mit einem Bündel rausgeworfen.“ Am Bahnhof achteten auch amerikanische Soldaten, die von der Westfront gekommen waren, auf die Ordnung. Sie verteilten Schokolade an die, die auf den Zug warteten und verteidigten sie bei Bedarf gegen sowjetische Soldaten, von denen einige die wenigen mitgebrachten Gegenstände rauben wollten.
Es kam zu keinem ernsthaften Widerstand, obwohl ein Fall dokumentiert wurde, bei dem jemand von Polizisten vom Zauntor heruntergeholt werden musste, weil er sich daran festklammerte, um nicht mitgenommen zu werden. Einige riefen den Nachbarn zu, sie sollten die Blumen gießen. Viele hatten nur wenige Stunden Zeit, um einzupacken. Pro Familie durften hundert Kilogramm Gepäck mitgenommen werden. Darin musste alles enthalten sein- von kleinen Möbeln bis zur Kleidung. Zusätzlich mussten auch Lebensmittel eingepackt werden, da es tagelang nichts zu essen gab.
Im Frühling 1946 wurden aus Ödenburg mehr als 7 Tsd. Personen vertrieben. Sie reisten eine Woche lang unter rauen Bedingungen in den Viehwaggons und konnten sich nur waschen, wenn der Zug an einem Ort anhielt. Das endgültige Ziel war das spätere Bundesland Baden-Württemberg in Deutschland, wo die vertriebenen Ödenburger in Flüchtlingslagern untergebracht wurden. Viele lebten dort noch monatelang von den Rationen, während sie darauf warteten, dass die deutsche Bürokratie ihnen eine neue Unterkunft zuweist. Einige hofften, dass ihre Strafe nur vorübergehend sei und sie zurückkehren könnten. Ein älteres Ehepaar ging jeden Tag zum Bahnhof und wartete auf den Zug, der sie zurück nach Ödenburg bringen sollte.
Da die deutschen Städte durch die Kriegshandlungen zerstört waren, landeten die meisten Vertriebenen auf ländlichen Bauernhöfen. Anfangs arbeiteten sie nicht gegen Lohn, sondern für den Lebensunterhalt bzw. um überhaupt akzeptiert zu werden. Die lokale Bevölkerung begrüßte die Zugezogenen trotz ihrer deutschen Herkunft nicht unbedingt. Die umgesiedelten Familien trugen jedoch zum Wiederaufbau Deutschlands bei und arbeiteten sich über Jahre hinweg so weit hoch, dass sie in der neu gegründeten Bundesrepublik Deutschland staatliche Unterstützung für Wohnungen oder Grundstücke erhielten. Einige kehrten sogar nach Ödenburg zurück und kauften das Haus zurück, das von ihnen genommen worden war.
Im Frühjahr 1946 wurden in Ödenburg ganze Straßen menschenleer, bis die Neubesiedlung begann. Das Fehlen der Deutschen war spürbar in der Stadt. Es kam zu Versorgungsengpässen. Auf dem Markt fehlten Waren. Die öffentliche Sicherheit verschlechterte sich wegen der Plünderung des zurückgelassenen deutschen Eigentums. Die Stadt geriet praktisch an den Rand des Bankrotts und kämpfte mit Lebensmittelknappheit, da die wenigen Waren von russischen Offizieren mit dem wertvolleren österreichischen Schilling aufgekauft wurden.
In die von den Vertriebenen zurückgelassenen Häuser und Wohnungen zogen meist die Landlosen aus der Raab-Gegend / Rábaköz ein. „ Wie die damalige Presse berichtete, kamen zwei Arten von Menschen nach Ödenburg: Diejenigen, die das, was sie bekamen, wertschätzten, und diejenigen, die es nicht taten“, sagt Andreas Krisch. „ Die Ersteren begannen Landwirtschaft zu betreiben, auch wenn sie zum Beispiel keine Erfahrung im Weinbau hatten, Letztere verbrauchten innerhalb weniger Wochen das erhaltene Vermögen und zogen weiter oder kehrten dorthin zurück, wo sie herkamen.“ Aus diesem Grund ist nicht genau bekannt, wie viele neue Bewohner in die Stadt kamen, in der sich 1947 noch einige Hundert Madjaren aus der Tschechoslowakei im Rahmen des tschechoslowakisch-ungarischen Bevölkerungsaustauschs niederließen.
Ende Teil 2
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