te er, dass der Umsiedlungserlass wegen des Beschlusses des zuständigen Deutschen Alliierten Kontrollrates vom 20. November erlassen worden sei. Diese Begründungen entsprachen aber gar nicht der Wahrheit: Die Kommission hatte am 20. November überhaupt nicht getagt und die Alliierten überließen die Organisation der Umsiedlung ohnehin den Ungarn.
„ Neueste Forschungen zeigen, dass die Siegermächte Ungarn nicht unter Druck setzten, Vertreibungskationen durchzuführen“, erklärt der Ödenburger Historiker Andreas Krisch. „ Die Siegermächte trafen sich unter anderem in Potsdam, um die wilde Vertreibung, die bereits in Polen, der Tschechoslowakei und teilweise in Jugoslawien stattfand, in humane Bahnen zu lenken. Ungarn trat auf die Tagesordnung, weil die ungarische Regierung ausdrücklich darum bat, dass man sich auch mit dem Schicksal der Ungarndeutschen befasst.“ Dies wird dadurch gestützt, dass das weitere Schicksal der Rumäniendeutschen in Potsdam nicht thematisiert wurde, obwohl in Siebenbürgen( und im Banat, dem Sathmarer Land und dem Partium, Red.) mehrere Hunderttausend Deutsche lebten. Zur ungarischen Lage lautete der entsprechende Beschluss der Konferenz wie folgt: „ Sie stimmen darin überein, dass jede derartige Überführung, die stattfinden wird, in ordnungsgemäßer und humaner Weise erfolgen soll.“ Das Dokument nannte also nur eine Möglichkeit zur Vertreibung und gab keine Zielmarken vor.
Im Nachkriegsnarrativ der ungarischen Regierung wurde diese nur als Vollstrecker des Willens der Alliierten dargestellt. Aber wir wissen heute, dass die Hauptverantwortung bei der ungarischen Regierung lag. Nur ein sozialdemokratischer Minister stimmte gegen den Vertreibungserlass. Die anderen stimmten zu, da sie so eine einmalige Gelegenheit sahen, die Deutschen zu vertreiben.
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Die Belohnung für die Treue
Andreas Krisch sagt, dass es unter den auf den Listen in Ödenburg und Umgebung stehenden Personen nur wenige Anhänger der Hitler-Ideologie gab – und selbst diese waren nicht alle Mitglieder des Volksbundes. In der Organisation traten natürlich nationalsozialistische Ideen auf, doch auf lokaler Ebene war der Volksbund im Wesentlichen ein Kulturverein, in dem die deutsche Identität gelebt werden konnte. Der Volksbund organisierte
Theatergruppen, Leseabende und hatte deutschsprachige Kindergärten sowie Schulen, weil die Zwischenkriegsregierungen die Minderheitenschulbildung abbauten. Die meisten Namen auf der Liste waren jedoch einfach Deutsche oder Deutschsprachige. Darüber hinaus zeigte die Praxis, dass wohlhabendere Personen mit größerem Landbesitz oder beschlagnahmungsfähigen Immobilien eher auf die Liste kamen. Eines der zugrunde liegenden Ziele der Vertreibung war, landlosen Madjaren Landbesitz zu verschaffen.
Die Umsiedlung erfolgte erst eine Generation nach der Volksabstimmung von 1921. „ Die Ödenburger Deutschen hatten das Gefühl, bei der Umsiedlung eine besondere Behandlung verdient zu haben. Sie vertrauten darauf, dass sie nicht auf die Liste kommen würden – doch wurden sie enttäuscht. Die Belohnung für ihre Treue in Ödenburg war die Vertreibung“, so Krisch. „ Als der Erlass veröffentlicht wurde, versuchten lokale Kräfte – darunter die evangelische und die katholische Kirche, die Kleinlandwirtepartei und die Sozialdemokratische Partei – die Aufmerksamkeit der nationalen Politik auf die spezielle Situation in Ödenburg zu lenken. Sie hatten keinen Erfolg und konnten auch keinen haben, da das Vertreibungsdekret auf der Grundlage einer früheren geheimen Volksabstimmung keine Unterschiede machen durfte. So wurde der Erlass in Ödenburg wie in anderen Teilen des Landes umgesetzt.“
Es war wie Salz in die Wunde, dass der monatelange Kampf um die Ödenburger zwar von Erfolg gekrönt wurde, dieser aber zu spät kam. Am 7. Mai trat ein neuer Erlass in Kraft: Die Vertreibung von deutschsprachigen Personen madjarischer Nationalität, die ihre Treue zum Heimatland nachweisen konnten, sei nicht durchzuführen. Aufgrund der Geheimhaltung erschien dieser Erlass nicht im Amtsblatt und erreichte die Stadt Ödenburg erst am 7. Juni, während der letzte Umsiedlungszug die Stadt bereits am 16. Mai verlassen hatte. Wegen der Verzögerung wurde eine Untersuchung durch das Innenministerium eingeleitet, die keine Verantwortlichen fand.
Den Ödenburgern wurde klar, dass sie auf keinerlei Gnade zählen konnten. Also versuchte jeder, sich auf irgendeine Weise von der Liste streichen zu lassen. Ödenburg hatte damals offiziell 32 Tsd. Einwohner. Viele waren schon ins Ausland geflüchtet, tauchten aber weiterhin in den Meldedaten auf. Andere hielten sich unter unbekannter Adresse auf oder lebten bei Nachbarn, die im Krieg ausgebombt worden waren.