Sonntagsblatt 3/2026 | Page 13

SIE KÄMPFTEN FÜR DAS RECHT, ZU UN- GARN ZU GEHÖREN – UND WURDEN EINE GENERATION SPÄTER VERTRIEBEN

105 Jahre nach der Ödenburger Volksabstimmung
Der Artikel ist am 9. Juni 2025 auf dem Online-Portal telex. hu erschienen. Zweitveröffentlichung in deutscher Übersetzung mit freundlicher Genehmigung von Autor Gabriel( Gábor) Stöckert- deutsche Übersetzung: Vinzenz Szűcs-Cilli
Teil 2 Die Lüge von Imre Nagy
Wie der Name klingt, spielte bei der Volkszählung von 1941 kaum eine Rolle- die Volkszählung war jedoch für das Schicksal der Ungarndeutschen entscheidend. Bei der Erhebung wurden sowohl die Muttersprache als auch die Volkszugehörigkeit erfasst. Die Angaben zur Muttersprache entsprachen eher der Realität, denn viele Deutsche gaben damals bewusst die ungarische Nationalität an, um einer möglichen Umsiedlung zu entgehen – sie wollten nicht die Vertreibung nach dem Krieg umgehen, sondern die Teilnahme beim „ Heim ins Reich“-Programm, das Hitler zur „ Heimholung“ der in Europa verstreuten Deutschen ausgerufen hatte.
In Ödenburg mit damals 40 Tsd. Einwohnern bezeichneten sich so nur 7698 als Bürger deutscher Volkszugehörigkeit, während 12.633 Deutsch als Muttersprache angaben( landesweit lagen diese Zahlen bei 303 Tsd. bzw. 478 Tsd.). Bei der Angabe der Sprache fühlten sich die meisten sicher genug, um ehrlich zu sein. Auch die Leitungen der Ödenburger Kirchengemeinden rieten den Gläubigen, ihre deutsche Muttersprache anzugeben und daneben ungarische Nationalität zu wählen. Häufig deckte die Angabe nur einer Sprache nicht die Realität ab, da in vielen Haushalten eine ungarisch-deutsche Mischsprache gesprochen wurde. Einer Familienanekdote nach wurde mein Großvater mütterlicherseits namens Rudolf- der kroatischer Abstammung war- einmal gefragt, wie viele Sprachen er spreche. Er antwortete: „ Vier. Ich spreche Ungarisch, Deutsch, Kroatisch – und so, wie wir zu Hause sprechen.“
Die Kirchenführer sollten sich irren. Beim Zur-Rechenschaft-Ziehen nach dem Krieg wurden die Daten der Volkszählung von 1941 zugrunde gelegt: Der Vertreibungserlass der ungarischen Regierung stellte die gesamte deutsche Bevölkerung unter Kollektivschuld. Den Entwurf des Erlasses 12330 / 1945 M. E. reichte am 22. Dezember 1945 der spätere Held des Aufstands von 1956 ein: Innenminister Imre Nagy. Dieser Erlass knüpfte die Vertreibung nicht an politische Aktivitäten, sondern an die Abstammung. Auf die Liste der Betroffenen kamen auch diejenigen, die neben deutscher Muttersprache die madjarische Volkszugehörigkeit angegeben hatten.
Laut den Forschungen Krisztián Ungvárys berief sich Imre Nagy bei der Vorlage des Entwurfs im Ministerrat auf „ unsere eigene nationale Verpflichtung“ und auf die Beschlüsse der Potsdamer Konferenz. Deren Inhalt habe- so Krisztián Ungváry- Imre Nagy gefälscht, indem er behauptete, dass in diesen Beschlüssen die Umsiedlung einer halben Million Deutscher gefordert werde. Außerdem sag-
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