Sonntagsblatt 3/2026 | Page 12

se eine traditionstreue Umgebung mit schwäbisch-österreichischen Wurzeln. Dadurch wurde mir eine „ doppelte Erziehung“ zuteil. Den Begriff verwendeten Parteiideologen für parallele, ideologisch divergierende Unterrichtsinhalte in Schule und Familie. Somit erfuhr ich schon als kleine Tochter meiner bürgerlich-katholisch-, d. h. „ reaktionär-klerikal“-gesinnten Eltern, dass zwei Brüder meines Vaters Ordensmitglieder und deswegen nicht verheiratet sind. Erst später konnte ich begreifen, dass sie als geweihte Priester trotz wiederholter Schikanen in dieser immer fröhlicher erscheinenden „ Baracke“ ihren Ordensgelübden treu geblieben sind.
Von ihnen konnte ich manch Wichtiges über Kontakte der deutschstämmigen Siedler zur Abtei Sirtz erfahren. Das vertrauensvolle Verhältnis zwischen dem Kloster und den umliegenden Dörfern beruhte auf gegenseitiger Solidarität. Die Ordensmönche hatten bei der Neubelebung der Siedlungen nicht nur organisatorisch, sondern auch tatkräftig mitgewirkt. Sie hießen in ihren Reihen viele begabte Bauernsöhne willkommen- wie zum Beispiel meine Onkel.
Als unsichtbare Mönche eines verbotenen Priesterordens trugen die beiden Brüder meines Vaters meist Zivilkleidung. Ihren schwarz-weißen Habit durften sie nach der Auflösung vieler katholischer Orden im Jahr 1948 nicht mehr anhaben. Getarnte, aber unmissverständliche Zeichen ihres Priestertums waren vorhanden: Sie hoben sich von anderen Familienmitgliedern als ungewöhnlich gebildet und zugleich bescheiden ab. Sie besaßen eine moralische Haltung, vor der wir Kinder eine Art Befangenheit verspürten. Mit dem Älteren musste ich als Gymnasialschülerin regelmäßig deutschsprachigen Briefwechsel führen. Der jüngere Onkel füllte mit seinen Erklärungen manche Lücken des damaligen Geschichtsunterrichts. Er sprach von einer sprachlich-kulturellen Kontaktpflege unter den Zisterzienserstiftungen in Europa.
Sozialismus voller Barrieren.
Ich konnte deshalb, auch wenn ich wollte, an die Existenz eines für mich unsichtbaren Priesterordens kaum glauben. Ein sichtbares Zeichen ließ leider nicht lange auf sich warten. Mein jüngerer Onkel starb 1981, gleich nach seiner Pensionierung. Wir wussten, er verstand sich sein ganzes Leben lang als Zisterzienser, er las jeden Tag das Brevier und zelebrierte die Heilige Messe auch im Geheimen, an seinem Schreibtisch, denn er durfte dies als „ gefährliches“ Mitglied eines aufgelösten Ordens nur zeitlich begrenzt, in einer kleinen Kapelle tun. Sein letzter Wille hieß, er wolle im Friedhofsgarten der Zisterzienser in Sirtz ruhen.
Die festliche Trauermesse fand in der damals noch nicht renovierten, jedoch majestätischen Barockkirche der Abtei statt. Die spärliche Februarsonne beleuchtete siebzehn bejahrte Männer, die am Altar beidseitig Reihe standen und zwar im verbotenen Schwarz-Weiß-Habit der Zisterzienser. Lebendige Gestalten eines unsichtbaren Ordens! Etwas, was es bislang überhaupt nicht geben durfte, ist doch wahr! Ein Vorzeichen für sehnlichst erwartete gesellschaftliche Veränderungen!
Die Veränderungen vor und nach der Wende führten wohl zu diversen Ergebnissen. Wie jede irdische Einrichtung auch ein sehr menschliches Gesicht zeigt, darf das Verdienst der Zisterzienser bei der Ansiedlung vieler unserer ungarndeutschen Vorfahren nicht in Vergessenheit geraten – ebenso wenig ihr gegenseitiger Beitrag zum gemeinsamen europäischen Kulturgut.
Davon zeugte ihr ausgedehnter, mehrsprachiger Briefwechsel. Erst Jahre später sah ich die in Rom, dem französischen Ursprungskloster Cîteaux, dem bayerischen Seligenthal und dem österreichischen Heiligenkreuz abgesandten Briefumschläge. Mir ein Rätsel, wieso eine Verbundenheit mit anderen, ähnlich gesinnten intelligenten Typen in fast unerreichbaren europäischen Regionen fortbestehen kann- auch wenn mein Onkel in den 70er Jahren diese Klöster diskret besucht, aber darüber nachher wenig gesagt hat. Aus wortkargen Gesprächen der Erwachsenen konnte ich von diesen Kontakten, Gebetsintentionen und mir unbekannten Ordensbrüdern hören. All das kam uns, Jugendlichen unrealistisch vor, denn unser Dasein war im
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