Jede Wahrheit ist in einer gewissen Relation zu sehen. Ich kann aber das von mir Erlebte nicht weiter relativieren. So sehe ich mir also halt vielleicht noch ein Paar ungarndeutsche Bühnenproduktionen an( der Sommer ist ja noch lang genug). Es gibt dabei sicher die soundsovielte landesweite Hyperblamage, wo man es nicht einmal schafft, sich ordentlich gekämmt zur nachempfundenen Tracht die Haube oder das Kopftuch aufzusetzen. Es ist ja egal, denn bevor und nachdem man auf der Bühne kreuzundquer sang, fristet man eh sein weiteres Leben in der ungarischen Sprache zu Hause. Man gibt sich bestimmt keine Mühe, irgendwo noch deutsch zu sprechen außer auf der Bühne. Sie ist
WO GLAUBE, DA...
Von Richard Guth unser letzter Ankerpunkt geworden und geblieben- uns zu beweisen. Geschweige denn, die Muttersprache der Ahnen weiterzugeben!
Von einer Identität als Gruppe kann man unter den Ungarndeutschen nicht sprechen. Vielleicht ist es von je her nicht anders gewesen.
Entschuldigung, aber unter diesen Umständen habe ich nicht einmal dazu die Lust- ohne ein Wort in meiner Sprache dazu gesagt zu haben- einigermaßen tüchtig auszusterben!
Neulich durfte ich einer, zweisprachig beworbenen deutschsprachigen Messe fernab meiner Heimat, die in der Region Nord liegt, beiwohnen. Für die Uhrzeit frühmorgens recht gut besucht gab sie ein gutes Abbild über den Zustand des deutsch( sprachig) en Kirchenvolks ab: Die liturgischen Texte sprachen nur einige mit, auch bei Gesang beteiligten sich nur wenige, obwohl die Liedtexte regelrecht auf dem Präsentierteller über Projektion dargeboten wurden, man musste also nicht einmal im Gesangbuch nach dem passenden Lied suchen. Der Priester sprach ein schönes Deutsch, dennoch war die Sprache der Predigt, wie fast überall im Land, das Ungarische – ich kenne übrigens nur zwei Länder, wo deutschsprachige Messen mit Predigt in der Amtssprache stattfinden: neben Ungarn die Republik Polen.
Aber nicht das ist, worauf ich diesmal hinaus will, sondern ein anderes Phänomen, was uns zu bedenken geben sollte: Am Ende der Heiligen Messe bat der Zelebrant alle Großeltern, sich zur Segnung nach vorne zu begeben. Massen an Gläubigen pilgerten gen Altar, die Bänke leerten sich – lediglich drei, vier Jüngere blieben sitzen, darunter zwei „ Mittelalte”, meine Begleitung und ich. Die eins, zwei Kinder, die an der Messe teilnahmen, liefen mit den Großeltern mit.
Überall im Land bietet sich ein ähnliches Bild: An deutschsprachigen Gottesdiensten nehmen kaum Kinder und Jugendliche teil. Bei einer deutlichen Abnahme der Zahl von Gottesdienstbesuchern in allen Altersgruppen. Dies könnte man als weltweiten oder vielmehr Erste-Welt-Trend abtun und tatsächlich ließe es sich leicht dieser Argumentation anschließen: Die kirchlichen Bindungen nehmen rapide ab, die Kirchen leeren sich. Wo ein Zug von Pilgern einst tausende Gläubige umfasste, wie mir im Niederrheiner Wallfahrtsort Kevelaer vor drei Jahren bestätigt wurde, beschränkt sich die Zahl der Mitreisenden oft auf nur noch einige dutzende. Wo man einst kaum noch einen Sitzplatz in der Kirche ergattern konnte, hat man mittlerweile freie Auswahl. Wo einst Fronleichnamsprozessionen gefeiert wurden, herrscht heute am Tag des Herren gähndende Leere. Von diesen negativen Tendenzen ist Ungarn genauso betroffen.
Besonders schmerzhaft ist dabei das Fehlen der Jugend. Woran liegt es?, könnte man fragen. Liegt es an den mangelnden Sprachkenntnissen, wo die Möglichkeiten des Spracherwerbs doch gegeben sind? Liegt es an der abnehmenden gesellschaftlichen Kontrolle mit all ihren positiven, aber gleichzeitig negativen Begleiterscheinungen? Was tut die Kirche, was tun die Kirchen dafür, dass Jugendliche deutschsprachige Seelsorge in Anspruch nehmen / genießen können? Und letztendlich: Was tun wir, was tut die deutsche Gemeinschaft dafür, dass unsere Kinder und Enkel deutschsprachige kirchliche Traditionen ihr Eigen nennen?
Die Reihe der guten Beispiele wie die deutschsprachige Erstkommunion für das Valeria-Koch-Schulzentrum oder Komitatsmessen unter Beteiligung von Jugendlichen ist leider viel zu kurz. Warum wird deutschsprachiger Religionsunterricht an den Nationalitätenschulen nicht angeboten? Warum wird eine Gitarrenmesse mit neuen geistlichen Liedern wie selbstverständlich nur auf Ungarisch angeboten? Wo bleiben die Eltern, die den Kindern deutsche Gebete beibringen?
Dieser Befund ist umso bedauerlicher, war der christliche Glaube volkskirchlicher Prägung über Jahrhunderte fester Bestandteil ungarndeutscher Art. Auch deshalb dürfte sich die Pflege des Brauchtums nicht auf Vorspielen, Vortanzen und Vorsingen beschränken. Denn sonst wird durch das Ableben der letzten Vertreter der Generation, für die das Erleben volkskirchlicher Traditionen noch authentisch war, auch dieser Teil unserer kulturellen Identität für immer verschwinden.
Gefällt ihnen das Sonntagsblatt? Ihre Spende ist die Ja-antwort!
10