Sonntagsblatt 3/2025 | Page 19

SB: Warum sollte man Familienforschung betreiben? Man könnte denken: Man sucht und findet haufenweise Namen und sagt sich: Ja, die waren meine Vorfahren. Aber was soll man damit eigentlich anfangen?
KP: Ja, das hat man mich vor etlichen Jahren schon gefragt und ich habe gesagt, dass es von der Person abhängt. Wenn es einer Person also nicht wichtig ist, dann akzeptiere ich das. Warum ist es wichtig? Für mich ist es ein Riesenspaß. Es ist eine gute Arbeit für das Gehirn, es steckt viel Logik dahinter, man muss nachdenken, kombinieren und alte Schriften entziffern können. Außerdem muss man mehr oder weniger Sprachen kennen. Aber am wichtigsten ist es wegen der Identität. Wer bin ich? Wo komme ich her? Viele sagen, ich verwirkliche mich, ich bin ich selbst und sonst interessiert mich nichts. Aber viele haben schon Interesse und möchten herausfinden, warum sie so geworden sind, wie sie sind. Woher kommen einige Eigenschaften, Gefühle oder vielleicht sogar Vermögen? Mich fasziniert immer wieder, dass ich aus so vielen Menschen geworden bin. Aus Hunderten, Tausenden, Abertausenden bin ich eine einzelne Person geworden, was irgendwie meine Identität unterstreicht. Wenn wir speziell über Donauschwaben sprechen, dann kann ich fragen: Wie kann ich am besten beweisen, dass ich ein Ungarndeutscher bin? Dass ich solche Ahnen habe. Denn wir sprechen nicht mehr Deutsch im Alltag, nur ganz selten. Wir leben in Städten, haben Berufe und reisen um die ganze Welt. Woran kann ich erkennen, dass ich ein Deutscher bin? Bei der Identitätssuche ist das sehr wichtig. Das gilt natürlich auch für andere Nationalitäten und kann den Nationalstolz verstärken. Zum Beispiel waren meine Ahnen ungarische Adelige, die etwas für ihr Vaterland getan haben. Sie sind Vorbilder für mich. Der Name verpflichtet mich. So wie bei den Széchenyis.
SB: Das ist im Falle von Minderheiten eigentlich schon eine wichtige Sache.
KP: Das ist sehr wichtig, weil viele in unserem Verein gar nicht geahnt haben, dass sie deutsche Wurzeln haben. Und wenn man genauer hinschaut, stellt sich heraus, dass ihr Name ursprünglich ein deutscher Name war, der später magyarisiert wurde. Bei mir war es seit meiner Kindheit klar, dass ich Deutscher bin. Für viele ist das jedoch nicht so eindeutig. Genauso wie bei den Kroaten oder Serben spielt das eine wichtige Rolle.
SB: Was ist eigentlich der bereits genannte AKuFF? Ist es eine Gruppe von Fachleuten oder von Leuten, die sich für Familienforschung interessieren, oder ist das eher eine Servicestelle?
KP: Das ist keine Servicestelle, wir bieten keine Dienstleistungen an, sondern nur unseren Mitgliedern. Wir sind ein eingetragener Verein nach dem ungarischen Vereinsgesetz. Viele glauben, dass man sich an uns wenden kann und wir dann einen Stammbaum für den Kunden zusammenstellen, aber das ist nicht so. Wir freuen uns auf Mitglieder, die sich ebenfalls mit Familienforschung beschäftigen. Ob sie Anfänger oder Fortgeschrittene sind, ist egal. Anfänger können bei uns Hilfe bekommen. Wir haben eine große Bibliothek mit über 1000 Fachbüchern und Datenbanken. Wir haben Treffen, bei denen man andere Familienforscher kennen lernen kann. Wir bieten eine Plattform für Veröffentlichungen. Wir haben eine Zeitschrift, die zweimal im Jahr erscheint. Dort können Forschungsberichte veröffentlicht werden. Wir haben auch eine Facebook-Gruppe, in der man Fragen stellen kann. Das ist jedoch kein Service. Wir übernehmen keine Erbenermittlung, wie viele in Deutschland glauben. Alle Mitglieder des Vorstands erledigen ihre Aufgaben ehrenamtlich in ihrer Freizeit.
SB: Sie haben schon verschiedene Quellen und Ressourcen erwähnt. Mit welchen Werkzeugen arbeiten Sie?
KP: Heutzutage vor allem mit dem Computer. Anfangs hat man Papier und Bleistift benutzt. Wie bereits erwähnt, hat man damals entweder mit Originalquellen oder mit Kopien gearbeitet. Es ist ein gutes Gefühl, wenn man wieder einmal mit einem Original-Kirchenbuch arbeiten kann, aber das ist unnötig. Die Kirchenbücher sind schon mehrfach digitalisiert worden, in Ungarn, in Deutschland, in Österreich und in vielen anderen europäischen Ländern. Es gibt verschiedene genealogische Softwareprogramme, die sich gut dafür eignen, gefundene Daten zuzuordnen. Einige sind offline, andere kann man nur online ausfüllen. Bei Letzteren besteht die Möglichkeit, dass andere Nutzer etwas hinzufügen. Das mag ich persönlich nicht. In Ungarn gibt es schon sehr viele Datenbanken. Verarbeitete Daten kann man dort schön geordnet finden. Die wichtigsten Werkzeuge sind die sogenannten Familienbücher und Ortsfamilienbücher. Ein Ortsfamilienbuch ist ein Buch, in dem sämtliche Familien einer Gemeinde chronologisch und alphabetisch geordnet zu finden sind. Das ist die Arbeit anderer Genealogen, die die Kirchenbücher und Matrikeln bereits verarbeitet haben. Solche Familienbücher haben wir auch herausgegeben.
SB: Ähneln diese Bücher den Heimatbüchern?
KP: Nein, aber sie ergänzen sich gegenseitig. Heimatbücher beinhalten die Geschichte einer Gemeinde mit vielen Daten von Familien. Ortsfamilienbücher hingegen enthalten die Familien
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