Sonntagsblatt 3/2025 | Page 17

arbeiter“. Zudem wurden sie von den Einheimischen hie und da tatsächlich auch als „ die Ostarbeiter der Gegenwart“ verspottet. Heimatpfarrer Danielisz solidarisierte sich auch bei Problemen der berufsechten Beschäftigung mit seinen Gemeindemitgliedern und protestierte beim Evangelischen Hilfswerk gegen die Missstände aufs Energischste.
Doch der Betreuung sämtlicher evangelischer Ungarndeutscher in Groß-Hessen im Rahmen des Hilfskomitees maß er irrtümlicherweise eine eher geringe Bedeutung in seiner Flüchtlingsarbeit bei. Er hielt in der zweiten Hälfte des Jahres 1947 lediglich drei-vier Gottesdienste ausdrücklich für alle evangelischen ungarndeutschen Flüchtlinge: in Bopfingen, Gelnhausen, Altenhasslau und Biedenkopf. Allein an der Zusammenkunft im September in Bopfingen( Kreis Aalen, Württemberg) nahmen mehrere Hundert Ungarndeutsche aus Ödenburg und Umgebung teil. Im Oktober in Gelnhausen hielt er „ Schwaben“ aus der Tolnau und Branau Gottesdienst und Besprechung. Grund für die grundsätzliche Unterschätzung der Perspektiven einer leitenden Mitarbeit im hessischen Evangelischen Hilfskomitee war sein subjektives historisches Gerechtigkeitsbewusstsein( auf Ung. történelmi igazságérzet), das ihm suggerierte, dass die Zugehörigkeit der Ungarndeutschen zur Evangelischen Kirche Ungarns ewig, diejenige zur Evangelischen Kirche Deutschlands hingegen zeitlich begrenzt sein müsse. Dementsprechend richtete er seine Flüchtlingsbetreuungsarbeit konzeptionell nach dem ebenfalls ungarischbewussten Ludwig Leber( 1903 – 1974, damals Stuttgarter Caritas-Verband) aus.
Der Vorsitzende des Evangelischen Hilfskomitees der Ungarndeutschen, Heimatpfarrer Spiegel-Schmidt, konnte sich mit dem Konzept des Einrichtens der Kirchengemeine Harkau in der „ zeitlichen Fremde“ als Schwerpunkt der Flüchtlingsbetreuung nicht identifizieren. Er wollte nicht, dass in der Hilfskomitee-Arbeit eine einzige Gemeinde bevorzugt wird. Er hielt es auch für falsch, dass die Utopie „ Reiches Ungarn“ den Referenzwert für die weitergreifende Tätigkeit des hessischen Hilfskomitees unter den evangelischen Ungarndeutschen bildet. Vielmehr strebte er an, dass die Hilfe zur Selbsthilfe zum Schwerpunkt der Hilfskomitee-Arbeit wird- im Dienste der möglichst gemeinsamen Ansiedlung und der Existenzgründung in Hessen. Deswegen entschied sich Spiegel-Schmidt für die personelle Umgestaltung der hessischen Leitung und beauftragte am 15. April 1948 Irma Steinsch mit den sogenannten weltlichen Belangen der hessischen Zweigstelle. Hierfür wurde am 1. Mai 1948 in Frankfurt a. M. sogar ein „ Büro“( sprich ein kleines Zimmer) eingerichtet. Heimatpfarrer Danielisz fühlte sich berechtigterweise überrumpelt – und leistete Widerstand gegen diese für ihn „ anti-kirchliche“ Wende.
Im Kreise der ungarisch-patriotisch oder national-ungarisch gesinnten ungarndeutschen Akademiker galt Irma Steinsch als geradezu berüchtigte reichsdeutsche Wissenschaftsfunktionärin nationalsozialistischer Gesinnung. Die Ernennung dieser Person zur weltlichen Leitung des hessischen ungarndeutschen Hilfskomitees und die Forcierung der Schwerpunktverlegung in den Tätigkeitsbereichen führten zur Eskalation. Mit voller Wucht prallten in der neu etablierten Doppelspitze des Hilfskomitees ab Frühsommer 1948 zwei gegensätzliche Weltbilder direkt aufeinander: Robert Danielisz betrachtete die bedrückende Notlage der Ungarndeutschen aus der Perspektive, dass kriegsbedingt damals hunderte Millionen Menschen auf der Welt das Schicksal der Heimatlosigkeit erleiden mussten. Er erwartete die Lösung primär vom Glauben. Irma Steinsch hingegen ging davon aus, dass wohl kein Volk( sic!) in der Geschichte solche Opfer bringen musste wie die Deutschen in und nach dem Krieg und arbeitete an einer säkularen, politischen bzw. sozialpolitischen Lösung. Diese beiden Betreuungs- und Zukunftskonzepte schlossen sich gegenseitig aus. In der Flüchtlingspolitik und der Öffentlichkeitsarbeit bekämpften sich Danielisz und Steinsch als Feinde- entsprechend ihrer Einstellung zum Nationalsozialismus in Ungarn und Deutschland. Pfarrer Danielisz gab seine Position im Evangelischen Hilfskomitee 1948 auf. Irma Steinschs sozialpolitisches Konzept triumphierte in der Flüchtlingsbetreuung in Hessen bis Mitte der 1950er Jahre.
Als „ Ostpfarrer“ betreute Danielisz von seinem Wohnort Bürgeln aus seine infolge der Zwangsaussiedlung zerstreute Harkauer Gemeinde noch bis 1953 hauptberuflich. Danach war er bis 1960 zweimal in der Woche als Pfarrer in einem Klinikum in Marburg tätig. Der Umfang dieser beruflichen Tätigkeit stellte den tatkräftigen Pfarrer persönlich nie zufrieden.
Mit aktiver Beteiligung des Pfarrers Danielisz gab es lange Jahre- jährlich zum Kirchtag und oft in Wetter- ein großes Treffen der vertriebenen Harkauer Gemeinde. Wie Andreas Schindler in seinem Heimatbuch „ Harkau – mein Heimatdorf“ betont, konnte Pfarrer Danielisz am 13. August 1972 am „ Kirchweihsonntag“ in der Kirche zu Wetter einen ganz besonderen Gottesdienst halten. Ein dreifaches Jubiläum der Harkauer wurde dabei feierlich begangen: das 185-jährige Gedenken der Erbauung der Heimatkirche, das 110-jährige Bestehen des Harkauer Männergesangvereins „ Concordia“ und das 50-jährige Wirken von Pfarrer Danielisz für die Harkauer- und zwar in Harkau( 1922 – 1946) und „ in der Zerstreuung“( 1946 – 1972). Es nahmen mehr als 300 vertriebene Harkauer am Festgottesdienst teil.
Der bauliche Zustand der evangelischen Kirche in „ Magyarfalva“ in den 1970er Jahren erinnerte Robert Danielisz eher an eine verwahrloste Ulme am Straßenrande. Angesichts der finanziellen Not der 120 evangelischen Gläubigen schickte der Pfarrer ihnen aus Deutschland Farbgläser zur Restaurierung der Kirchturmfenster.
Wie bereits erwähnt, verstarb Pfarrer Danielisz 1975 bei Marburg. Die Tradition des Harkauer Heimattreffens wurde Jahre später von den Vertriebenen wiederbelebt- nunmehr in veränderter Form. Dabei spielte Ludmilla Reitter eine wichtige Rolle. Sie berichtete mir 2019, dass sie nach der Wende( 1989) für die ehemaligen Gemeindemitglieder sogar Besuchsreisen von Marburg nach Harkau organisierte- zum Teil auf Wunsch der Vertriebenen und zum Teil das Vermächtnis des Pfarrers befolgend …
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