Sonntagsblatt 3/2025 | Page 16

AUS LEBENDIGEN STEINEN GOTT WOHLGEFÄLLIGE GEISTLICHE HÄUSER BAUEN zum 50. Todestag des Harkauer Pfarrers Robert Danielisz

Von Krisztina Kaltenecker, Teil 2( Teil 1 ist in der Ausgabe 2 / 2025 erschienen.)
In Bezug auf die am Ende des Krieges in die Umgebung von Harkau deportierten jüdischen Zwangsarbeiterinnen und-arbeiter muss betont werden, dass Danielisz und dessen Kreis die einzigen Gemeindebewohner waren, die den unmenschlichen Zuständen gnadenlos ausgelieferten Jüdinnen und Juden zumindest mit Überbringung von Nachrichten und Mitteilung von Informationen halfen.
Am 12. Mai 1946 fing die staatlich angeordnete und organisierte Abschiebung der Harkauer Deutschen im Zeichen der Kollektivschuldthese an. Es wurde fast die ganze Gemeinde vertrieben und dadurch als solche faktisch nahezu vernichtet. Nur 18 Seelen durften in Ungarn bleiben.
Die Mehrheit wurde in geschlossenen Waggons in die Umgebung von Marburg( damals Groß-Hessen, USamerikanische Besatzungszone) transportiert. Hier wiesen die örtlichen deutschen Verwaltungsstellen die Harkauer Familien im Rahmen einer Zwangsmaßnahme in kleine Privatunterkünfte ein. Danielisz kam mit seiner Ehefrau und dem gemeinsamen Sohn Nikolaus( Miklós) nach Bürgeln( bei Marburg) und arbeitete zunächst als Heimatpfarrer der ungarndeutschen „ Flüchtlinge“ weiter. Im Oktober 1946 wurde er vom Vorsitzenden des- dem Evangelischen Hilfswerk Deutschlands unterstellten- Hilfskomitees der evangelischen Ungarndeutschen in der US-Zone, Friedrich Spiegel-Schmidt( 1912 – 2016) zum Beauftragten für Groß-Hessen ernannt. Pfarrer Danielisz setzte sich in der Folgezeit weiterhin unablässig, voller Hingabe für seine Heimatgemeinde ein, wie das in seinen Tätigkeitsberichten( Hausbesuche, Krankenbesuche, Kasualien, Beerdigungen usw.) eindrucksvoll belegt ist. Jeden Sonntag hielt er für seine Gemeindemitglieder einen Gottesdienst abwechselnd in einem immer anderen Ort. Er wählte die Orte dafür so aus, dass er in jedem Monat mindestens einmal einen jeden Harkauer persönlich treffen konnte. Es war den ungarndeutschen Vertriebenen damals immens wichtig, dass der Gottesdienst genauso blieb wie in Harkau. Als Reaktion auf die soziale Notlage der „ Ärmsten unter den Armen“, wie Danielisz seine Gemeindemitglieder wahrnahm und in Berichten zu nennen pflegte, führte er 1947 die regelmäßigen öffentlichen Besprechungen und Beratungen nach jedem Gottesdienst ein. Dabei konnte Danielisz alle Sorgen
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der „ Heimatlosen“ behandeln, ihnen mit Ratschlägen beistehen sowie mit ihnen die aktuellen Nachrichten aus der Heimat Ungarn erörtern.
Stets versuchte er, seine Harkauer bei der Überwindung der schlimmsten sozialen Notlage und des heute unvorstellbaren wirtschaftlichen Elends tatkräftig zu unterstützen, um ihr „ fürchterliches Heimweh“ auch auf diesem Wege zu mildern. Ende 1947 berichtete er dem Evangelischen Hilfswerk über seine diesbezüglichen Enttäuschungen und Misserfolge in den letzten anderthalb Jahren folgenderweise: „ Beschämt“ musste er in der Frage der wohnungsmäßigen Unterbringung zugeben, dass es ihm trotz eifrigen Handelns meistens nicht gelang, die Verständnislosigkeit der einheimischen Hausbesitzer gegenüber den Flüchtlingen zu überwinden. So blieben zum Beispiel mehrköpfige Familien in Futterkammern untergebracht, selbst wenn jedes Familienmitglied des einheimischen Hausbesitzers über ein eigenes Zimmer verfügte. Die arrogante Teilnahmslosigkeit mancher ortsbekannter ehemaliger Nationalsozialisten empörte ihn besonders. Danielisz befürchtete, dass sich die verbreitete Verständnislosigkeit zu einer Gehässigkeit entwickeln könnte, die dann das Leben beiderseits unerträglich machen würde. Zur Sicherung des puren Überlebens führte er die ehemaligen selbständigen Harkauer Bauern an Saisonarbeiten in der hessischen Landwirtschaft heran. Doch sobald sich der Herbst ankündigte, trennten sich 75 % der Einheimischen von ihren ungarndeutschen Tagelöhnern, Mägden und Knechten und zwar unverzüglich und völlig unabhängig von ihrer anerkannten Arbeitsleistung. Sie setzten die Flüchtlinge sozusagen auf die Gasse- ohne jegliche Hilfestellung für den Winter. Danielisz musste eingreifen, damit die entlassenen Saisonarbeiter zumindest ihre Lebensmittelkarten einlösen konnten. Nachdem sich die Beschäftigung im erlernten Beruf als aussichtloser Irrweg erwiesen hatte, sorgte der Pfarrer beim Landrat August Eckel( Kreis Marburg) dafür, dass die Harkauer von der Verpflichtung entbunden wurden, in der Landwirtschaft zu arbeiten. Ab Januar 1947 gingen dann notgedrungen viele Männer als Hilfsarbeiter nach Allendorf, um den Lebensunterhalt ihrer Familien durch die dortigen gefährlichen Demontage-Arbeiten zu sichern. Bei der Arbeit in der Industrie fühlten sie sich jedoch als „ Zwangs-