Sonntagsblatt 3/2013 | страница 29

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Identität nicht nur ein Produkt der Zeit sind ( sie sind es zweifelsohne ), sondern dass sie es verdienen als vollwertige Mitglieder des Ungarndeutschtums betrachtet zu werden sollen . Denn es obliegt jedem selbst sich als Angehöriger einer Gruppe zu betrachten . Ich bin dabei überzeugt , dass Vielfalt unsere Volksgruppe bereichert . Entscheidend ist dennoch , dass sich dieses Bekenntnis zum Ungarndeutschtum auch mit Schaffens- und Einsatzwillen paart . Und hier fehlt es noch in vielen Bereichen an eindeutigen Belegen . Nicht dass die Aufforderung „ Ungarndeutsch . Steh dazu !” bei der letzten Volkszählung am Ende eine leere Phrase bleibt .
• Schule •
Warum sich ein lebendiges Schulwesen verändern muss
Europa oder die letzten Mohikaner
Von Aron G . Papp
Heute stirbt die Sau . Kräftige Männerhände zerren das Borstenvieh ins Freie . Ein gezielter Stich in die Herzschlagader . Das war ’ s . Kaum graut der Morgen , schon klicken die Schnapsgläser . Ein Prosit auf den Erfolg . Die Legende vom intakten Landleben im halburbanen Umfeld einer Schlafstadt - noch lebt sie halbwegs bei uns in Werischwar . Nur das von der EU verordnete Hausschlachtungsverbot ist tot . Hier hält sich keine Sau an diesen schwachsinnigen Ukas - und zwar zu Recht , seit dem ersten Tag . An andere Vorschriften auch nicht unbedingt . Denn Brüssel ist weit weg , und
Klara Burghardt - Szekeres

Salack

Dämmerung . Die untertauchenden Strahlen der blutenden Sonne färben den Kirchenturm . Meine Augen begleiten die schlängelnden Täler , Hügel , giftgrünen Wälder , mit wellenden Wiesen . Dunkelbraune Streifen , die fettigen Ackerfelder , Häuschen der Fischer an tiefkalten Teichen .
Dort schwimmt ein Schwan . - Faul liegt hier das Kätzchen am Dächlein , oben , im letzten Sonnenstrahl . Kühe taumeln auf der Straße . Auf dem Kellerberg , hohen , Pferde , schweigend stehen .
Vom Weiten klingt die Glocke .
Ein Hündchen bellt unten , der Nachbarshund darauf . Mein kleines Dörflein , Mein geliebtes Zuhaus ’.
2009 © Klara Burghardt
Budapest sowieso . Die unter Strafe gestellte traditionelle Hausschlachtung bringt die Menschen einander näher , besonders Männer . Archaische Muster leben wieder auf . An alte Zeiten gemahnende Gemeinsamkeit lässt das Elend in der Schlafstadt vor den Toren Budapests für einige Momente vergessen . Die rasant steigende Arbeitslosigkeit , die finanzielle und wirtschaftliche Not , den alltäglichen Pendlerwahnsinn . Wer Geld hat , schlachtet nicht , sondern kauft sein Schnitzel längst an der Fleisch-Theke im Supermarkt . Doch hier im Pilisch ist eben noch altes Bauern- und Handwerkerland . Es darf gar nicht anders sein . Die Legende muss leben . Auch wenn alle gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Fakten längst ein anderes Bild zeigen .
Ungarn sind im Herzen Anarchisten und bleiben doch : willfährige Kuruzzen-Untertanen . Die Ortsansässigen im amtlich viersprachigen Pilisch sowieso . Doch längst sind die Schwaben am westlichen Stadtrand von Budapest auch am eigenen Ort eine Minderheit , auch wenn sie sich dieser Erkenntnis noch so hartnäckig kollektiv versperren . Das lokale Geistes- und Kulturleben öffnet mit diesem schiefen Weltbild und seinen Verhaltensmustern - leider weitgehend isoliert von einem qualitativen Selbstanspruch - einem kruden Ethno-Kultur-Proletarismus Tür und Tor . Es wäre zweifelsohne falsch , diese Mütze dem gesamten lokalen donauschwäbischen Minderheitenbetrieb überzuziehen . Aber die seit 1989 erreichten Ergebnisse sind , gemessen am Gesamtaufwand , doch eher bescheiden .
Nach der Generation der heute fast 60-Jährigen kommt übrigens in ganz Ungarn wenig bis kaum etwas wirklich Lebensfähiges nach . Zudem erleben wir eine in ihren lokalpolitischen Reflexen fast schon grotesk anmutende verspätete Bolschewisierung des institutionalisierten donauschwäbischen Lebens : schöne Berichte , viele Zahlen - auch in der deutschen Auslandspresse - viel Eigenlob und : wenig Substanz . Die System-Verknöcherung ist mit Händen greifbar , der Kulturverlust - und sprich : irreversible Sprachverlust - augenscheinlich und unbestreitbar . Es fehlt nicht nur am qualifizierten Funktionärs-Nachwuchs , vielerorts regiert vielmehr dynastischer Paternalismus . Vor diesem Hintergrund mangelt es an Ungarns deutschsprachigen Schulen vor allem an gut ausgebildeten deutschsprachigen Lehrern . Nichts erscheint aber endemischen Systemträgern übler als eine Wende zu wirklichen Inhalten mit lebensnaher Wirkung . So wird , ganz augenfällig , kollektiver Minderheiten-Selbstmord begangen .
Die von diesem Umfeld ausgehenden Botschaften , sozusagen für die eigene donauschwäbische Klientel , ist alles andere als positiv . Das nähere Umfeld des FSG in Werischwar ist dafür ein beredtes Beispiel , zumal : die Zahl lokaler Schüler könnte - nein : sie müsste - deutlich höher sein . Doch in der Verleugnung des eigenen Kulturwandels , weit weg vom tradierten Schwäbischen im Alltag , ist nichts unangenehmer als eben dieses große moderne Schulgebäude mitten am Ort . Das erfolgreiche ( sic !) FSG steht wie ein Fels in der Brandung kollektiven Vergessens und Verdrängens . Weitgehend unabhängig vom traditionell angespannten Verhältnis mit der Lokalpolitik oder dem gerade aktuellen Schulträger lässt sich damit auf den einfachsten Nenner bringen : Die seit Jahren erfolgreich wirkende FSG-Schulleitung - O-Ton Schülerschaft : „ Zoli und der Führer ” - sind keinesfalls einsame Rufer in der Wüste . Sie zeigen vielmehr , wie eine den aktuellen Herausforderungen entsprechende Schule arbeiten und wirken muss . Dass speziell das ortsansässige lokale Publikum dieses Angebot wenig nutzt , ihm zu gewissen teilen sogar feindlich gegenübersteht , spricht für sich . Dabei ist es so simpel wie einleuchtend : Wer am Ort sein Deutsch pflegt , hat wenige Minuten in den Unterricht und später in Europa alle Chancen offen - alle anderen pendeln in die große Stadt , täglich bis zu vier Stunden ,
( Fortsetzung auf Seite 30 )
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