Pflegefrauen. Als ich mich 2019 eingeschrieben habe, folgte ein Semester später gleich die Pandemie – eine schwierige Situation, denn ich konnte weder Bibliotheken besuchen noch ins Ausland fahren. Auch die Kontaktaufnahme zu potenziellen Informantinnen war deshalb erschwert, denn die Pflegerinnen arbeiteten ja mit der Risikogruppe und viele gehörten wegen ihres Alters zudem auch selber zur Risikogruppe. Deshalb hagelte es zuerst Absagen. Das hat sich dann aber mit der Zeit zum Glück geändert. Wichtig war mir, individuelle Erfahrungen und Lebenswelten zu erfassen. Das geht nun mal am effizientesten über Interviews, vorzugsweise nicht online, denn diese Altersgruppe ist auch online nicht besonders aktiv. Lebensgeschichten preiszugeben, wenn auch zu wissenschaftlichen Zwecken und in anonymisierter Form, kostet natürlich reichlich an Überwindung. Das ist mir bewusst, deshalb bin ich den Interviewpartnerinnen sehr dankbar, dass sie ihre Erfahrungen, Herausforderungen und Erlebnisse mit mir teilten. Ohne ihre Geschichten und ihre Offenheit hätte meine Arbeit nicht zustande kommen können.
SB: Wie konnten Sie Ihre Informantinnen finden?
GS: Viele kamen über persönliche Kontakte zustande – einige über Frau Dr. Maria Erb, die in der Region sehr gut vernetzt ist, andere über Frau Prof. Elisabeth Knipf-Komlósi, die mir Verbindungen in die Batschka vermittelte. In einigen wenigen Fällen halfen mir aber auch die deutschen Selbstverwaltungen der Dörfer bei der Kontaktvermittlung. Ich legte zuerst eine Liste mit 54 Frauen an- aus den Komitaten Tolnau und Branau. Schließlich grenzte ich diese Auswahl auf 30 Probandinnen aus den Komitaten Branau und Tolnau ein und erweiterte sie auch mit Informantinnen aus Batsch-Kleinkumanien. In meiner Stichprobe sind somit alle regionaltypischen ungarndeutschen Dialekte vertreten, also: Osthessisch, Pfälzisch, Bairisch, Schwäbisch und Ostfränkisch. Wohlgemerkt sind das alles Mischmundarten und nicht mit denen in Deutschland zu verwechseln. Die meisten Frauen fanden ihre Arbeitsstellen in Deutschland oder Österreich teilweise über familiäre Beziehungen, manche über professionelle Agenturen. In der Schweiz sind mittlerweile aber auch schon einige Pflegerinnen unterwegs, was aus sprachwissenschaftlicher Sicht wirklich pikant ist. Viele sind nahe dem Rentenalter- im Schnitt um die 65 Jahre alt. Beruflich hatten die wenigsten mit der Pflege zu tun, bevor sie damit angefangen haben. Es gibt unter ihnen Deutschlehrerinnen, ehemalige LPG-Arbeiterinnen, Verkäuferinnen- also sehr vielfältig. Die Arbeitsmigration entstand aus ihrer finanziellen Notlage heraus. Die niedrigen Renten spielten dabei eine große Rolle. Die 30 interviewten Frauen arbeiteten in insgesamt 91 Gemeinden.
SB: Welche sprachlichen Voraussetzungen brachten die Probandinnen mit?
GS: Ich habe nach Informantinnen gesucht, die zu Hause noch ihre Dialekte gelernt haben und / oder in der Schule Deutsch lernten. Kenntnisse der deutschen Standardvarietät und des jeweiligen Ortsdialekts waren bei allen vorhanden. Ihr Kompetenzgrad war aber individuell unterschiedlich. Manche sprachen jedoch ausschließlich Dialekt. Das war für mich besonders spannend, denn es stellte sich folglich die Frage, wie weit man mit einem ungarndeutschen Ortsdialekt im deutschsprachigen Raum kommt. Wie werden Sprecherinnen dieser Mundarten dort wahrgenommen? Wie gut können sie sich verständigen? Hilft oder hindert sie ihr Wortschatz in der Kommunikation? Die sprachlichen Anpassungsstrategien der Damen waren recht vielfältig. Vie-
39