„ DIALEKTE SIND EIN MEHRWERT,
DAS WOLLTE ICH ZEIGEN“
Dissertation über die sprachlichen und außersprachlichen Auswirkungen der Pflegearbeit ungarndeutscher Frauen im deutschen Sprachraum erschienen- Interview mit der Autorin und Otto-Heinek-Preisträgerin Dr. Gabriella Sós über Sprache und Identität ungarndeutscher Pflegekräfte aus Südungarn
SB: Bevor wir in Ihr Forschungsthema eintauchen: Könnten Sie ein bisschen von Ihrer wissenschaftlichen Tätigkeit an der ELTE und Ihr Promotionsstudium erzählen?
GS: Ich habe während meines PhD- Studiums am Germanistischen Institut der ELTE den Kurs „ Ungarndeutsche Medien und Minderheitenpolitik“ unterrichtet und gleichzeitig einige Zeit lang für die Pressestelle der Landesselbstverwaltung der Ungarndeutschen( LdU) gearbeitet. Zudem hatte ich zwei längere Forschungsaufenthalte – im Sommer 2023 in Wien und im Herbst 2023 in Freiburg im Breisgau. Diese waren für meine Arbeit äußerst wertvoll, nicht nur wegen der Recherchen, sondern auch wegen den Kontakten, die ich dort knüpfen konnte. Meine Betreuerin war Dr. Maria Erb( ELTE), eine exzellente Linguistin und führende Expertin der ungarndeutschen Sprachforschung. Sie stammt ebenfalls aus der östlichen Branau, also aus meiner Heimatregion und war von Anfang an sehr hilfsbereit- ich bin ihr unendlich dankbar für ihre Unterstützung und die Betreuung während meiner ganzen bisherigen Laufbahn. Besonders dankbar bin ich außerdem Herrn Prof. Michael Prosser-Schell( Freiburg / IKDE) für seine ehrliche Kritik und seine wertvollen Hinweise. Für die inspirierenden Gespräche bin ich dankbar Frau Prof. Dr. Elisabeth Knipf-Komlósi( ELTE), Dr. Susanne Gerner( PTE), Prof. Dr. Katharina Wild( PTE), Dr. Csilla Schell( IVDE Freiburg) und Dr. Orsolya Tamássy-Lénárt( AUB). Die Gutachter meiner Arbeit waren Prof. Dr. Erzsébet Drahota-Szabó( SZTE) und Dr. Koloman Brenner, ebenfalls zwei hervorragende Linguisten. Ich denke, ich war sehr gut aufgehoben und ich bin sehr dankbar für die viele Unterstützung die ich während dieser Zeit und auch seitdem bekommen habe.
SB: Wie sind Sie auf das Thema Ihrer Dissertation gestoßen?
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GS: Die Arbeitsmigration ungarndeutscher Pflegekräfte in den geschlossenen deutschen Sprachraum ist ein sehr aktuelles Thema( 2020 erschien auf dem Portal 24. hu aus der Feder von Tamás Ungár ein Beitrag zu dieser Thematik – das Sonntagsblatt veröffentlichte diesen in Nummer 1 / 2020 in deutscher Übersetzung: „ Bist du Zigeuner, was ist das für eine Arbeit? – die Abenteuer ungarischer Altenpfleger in deutschen Landen“ Red.). In den ungarndeutschen Dörfern meiner Forschungsregion Südungarn ist es keine Seltenheit, dass Menschen, also Frauen zur Pflege oder Obsternte sowie Männer als Handwerker oder Hilfsarbeiter ins Ausland pendeln und sich dort über mehrere Wochen lang aufhalten. Ihre Zielorte sind natürlich deutschsprachige Regionen. Aufbauen können sie dabei teilweise auch auf ihre deutschen Sprachkenntnisse von zu Hause. Es sind hier also viele mittelbar oder unmittelbar in diese Art der Arbeitsmigration eingebunden und auch die Familienmitglieder müssen sich dieser Situation anpassen. Man kann sagen, dass das in unserer Region wirklich bekannt ist und viele damit Erfahrungen haben. Die Pflegemigration nahm Anfang der 1990er Jahre ihren Lauf, als man nach der Wende frei reisen durfte und gleichzeitig die Arbeitslosigkeit in Ungarn sehr viele betraf. Übrigens wurde die Pflegemigration auch von den damals gegründeten Gemeindepartnerschaften beschleunigt. Obwohl diese Prozesse der Arbeitsmigration bereits seit 30 Jahren andauern, wurden sie aus sprachwissenschaftlicher Sicht und in Bezug auf die Auswirkungen auf die Sprache und Identität der beteiligten ungarndeutschen Frauen noch nicht untersucht. Das war eigentlich der Anlass, damit zu beginnen. Ich wollte herausfinden, wie sich die Pflegearbeit und die damit verbundenen Aufenthalte im deutschen Sprachraum auswirken: auf die Sprache, den Sprachgebrauch, die Spracheinstellungen und Sprachkompetenzen, aber auch auf die Identität und die ethnischen Stereotype der ungarndeutschen