fahren. Das war Ende der 70er Jahre, als sich dort Künstler tummelten, die später zu internationalem Ruhm gelangten, wie Imre Bak oder Pál Pátzay. „ Das war eine sehr gute Zeit. Dort bin ich eigentlich in das hineingekommen, was ich immer wollte“, erinnert sich Ruppert. Daraufhin entschied er sich, sein Abitur in einer Abendschule nachzuholen, um sich danach für ein Studium auf der Hochschule für angewandte Kunst zu bewerben. Doch er scheitert an der Aufnahmeprüfung. Allerdings lernt er kurz darauf die Bildhauer Gyula Bocz und Sándor Kígyós kennen, zeigt ihnen seine Grafiken und Modelle, bewirbt sich mit einem Empfehlungsschreiben beim Zeichentrickfilmstudio in Fünfkirchen – und wird genommen.
Die Animation ist seitdem eine seiner großen Leidenschaften. Dort begann er auch, an einem eigenen Film zu arbeiten, den er beim internationalen Festival für bildende Kunst und Animationsfilm in Sollnock / Szolnok und ein Jahr später bei einem Festival in Litauen zeigte. Nach jenen drei Jahren im Studio folgten Aufenthalte in Willand / Villány, wo er Assistent des berühmten Bildhauers Ádám Farkas war, in Fünfkirchen, wo er beim Nationaltheater als Bühnenbildner arbeitete, und in seiner Heimat Nadasch. Später verschlug es ihn für mehrere Jahre als Steinmetz nach Deutschland und Österreich. Drei Jahre davon verbrachte er in München. Dort war er quasi Stammgast in der Neuen Pinakothek, was ihm ein tieferes Verständnis der modernen Kunst ermöglichte- insbesondere des deutschen Expressionismus. In jener Zeit wurde er auch Mitglied in die Esslinger Künstlergilde, später auch im Verband Ungarndeutscher Autoren und Künstler( VUdAK).
Noch davor- während seiner Zeit in Nadasch- schuf er die Skulptur „ Mutterschmerz“. Anderthalb Jahre arbeitete er daran. Es ist sein erstes wichtiges Werk, das sich mit der Vertreibung auseinandersetzt. „ Das lag mir sehr am Herzen. Ich hatte diesen großen Stein bekommen und überlegte: Was mache ich daraus? Und ich dachte, diesen Menschen müsste man ein Denkmal setzen. Denn Skulpturen können mehr ausdrücken als bloße Marmortafeln mit Namen“, meint Ruppert, „ sie transportieren Emotionen und man kann sich mit ihnen identifizieren“. Das Ergebnis, eine Mutter, die zum Himmel schreit, ist seiner Ansicht nach „ eines der expressivsten Werke in Ungarn zu diesem Thema“. Dabei hat er bewusst auf Folklore verzichtet: „ Ich wollte Universelles wie Gebet,
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mütterlichen Schmerz und Zwang darstellen. Die Mutter ist in Alltagskleidung, nicht in feierlicher Tracht- wie auf manch anderen Denkmälern über die Vertreibung. Denn die Vertreibung war kein feierlicher Anlass – sie war Zwang, Schrecken, Chaos.“
Auch seine eigene Familiengeschichte zeugt davon. „ Meine Großmutter wurde mit zwei Kindern – meinem Vater und seinem Bruder – auf die letzten Deportationszüge gesetzt, die von hier abfuhren.“ Die Züge fuhren bis nach Haag bei Amstetten, bevor sie von den Alliierten gestoppt und zurückgeschickt wurden, weil diese inzwischen erkannt hätten, dass die Vertreibung eine „ Schande für Europa“ sei. Wieder in Ungarn angekommen mussten sie jedoch von vorne angefangen, da in ihr Haus bereits Flüchtlinge aus dem ehemaligen Oberungarn eingezogen waren. „ Meine Familie konnte nichts dagegen tun, sie wurden einfach hinausgesetzt.“ Der eigene Großvater wiederum wurde für die SS zwangsrekrutiert und geriet infolge der Belagerung von Budapest in Gefangenschaft. „ Das Ärgerliche war: Er hatte niemanden erschossen, trotzdem war er fünf Jahre in Kriegsgefangenschaft. Länger als der Krieg selbst dauerte.“
Und weil man in der Familie Ruppert offen über diese Erfahrungen redete, prägten sich dem jungen Johann diese Traumata ein. Seine expressive Kunst hat ihm schließlich geholfen, diese Traumata zu verarbeiten. Neben mehreren Skulpturen gibt es dazu eine Serie aus etwa 30 Bildern, die er auf mehreren Wanderausstellungen vorstellte- unter anderem auch im Haus der Donauschwaben in Sindelfingen. „ Dort hörte ich erstmals von der Leiterin, dass Traumata generationenübergreifend weitergegeben würden. Man bemerkt das vielleicht nicht bewusst, aber unter der Oberfläche ist es da, besonders wenn solche Geschichten von Generation zu Generation erzählt werden.“ Allein schon angesichts der erinnerungspolitischen Bedeutung von Kunst ist es wiederum verwunderlich, wie wenig Malerei und Bildhauerei eine Rolle im gegenwärtigen ungarndeutschen Kulturleben einnehmen. „ Wenn man die Zeitungen anschaut, sieht man kaum etwas über Kunst oder Literatur. Stattdessen Tanzgruppen, Weinfeste, Kulinarisches“, erklärt Ruppert. „ Aber deutsche Identität ist mehr als das.“ Er wünscht sich, dass ungarndeutsche Künstler ihre Herkunft sichtbarer machen und kulturelle Präsenz zeigen.