selbst, um eine etwaige politische Qualifizierung dieser Jugendlichen zu verhindern). Steinsch betonte, sie habe die unmittelbare Totalerfassung der Mädel durch die reichsdeutschen nationalsozialistischen Leitlinien erzielt. Es handelte sich dabei um eine ganzheitliche ideologische Fremdbestimmung im Sinne der „ Emanzipierung von der bürgerlichen Emanzipierung“. In Anbetracht der realen Verhältnisse und der Situation der deutschen Bauerntöchter im damaligen Ungarn halte ich Steinschs Behauptungen für nebulös ideologieverhaftet und lebensfremd. Sie schrieb darin praktisch wortwörtlich und exakt nieder, was die DSt Berlin lesen wollte.
Im Anschluss nahm sie dann die Organisation eines „ Landdienstes“ Hallescher Studentinnen in deutschen Dörfern Ungarns in Angriff. Zweck war die“ Führerauslese“. Entsprechend einem diesbezüglichen Übereinkommen vom Januar 1936 beabsichtigte sie, mit dem jungen, ambitionierten Germanisten Fritz Valjavec( 1909 – 1960) zusammenzuarbeiten. Dies war ein enger „ Kamerad“ von Marschelke,. Wie die Studien von Loránt Tilkovszky, Norbert Spannenberger und László Orosz belegen, beherrschte Valjavec- der damalige Leiter der Arbeitsgemeinschaft für Geopolitik an der Universität München und Geschäftsführer des dortigen Südost-Instituts- die ungarische Sprache gut. Er war damals noch jugoslawischer Staatsbürger und seit 1933 NSDAP-Mitglied. Er verfügte über das für die Landdienstorganisation unabdingbare Insiderwissen in Bezug auf die spezielle, obrigkeitsstaatliche politische Struktur und Kultur des Horthy-Regimes. Er nahm sich persönlich vor, die Reichsjugendführung Berlin über seine einzigartigen Qualitäten als Südost-Experte zu überzeugen. Dabei sollte ihm der Landdienst Münchner Studentinnen in Ungarn helfen. Steinsch ging aufgrund ihrer führenden Position im Referat für Ungarn der Halleschen DSt davon aus, dass Valjavec ihren unbedingten und allumfassenden Leitungsanspruch in der weiblichen Volkstumsarbeit in Ungarn für unanfechtbar hielt und vorbehaltlos akzeptierte. Zudem war sie arrogant genug, von Valjavec umfangreiche Hilfestellungen zu erwarten – ohne Valjavec eine Gegenleistung zumindest in Aussicht gestellt zu haben.
Sowohl Steinsch als auch Valjavec entdeckten 1934 / 35( beide dazu nicht zuletzt von Marschelke ermutigt) die völkisch-nationalsozialistische Erweckungsarbeit im Kreise der Ungarndeutschen für ihre persönliche volkstumspolitische Karriere. Ab Ende 1935 ging es karrieretechnisch beiden um die Einrichtung und Etablierung intakter „ volksdeutscher Gebiete“. Die Grundlage dafür sollte NS-Volksgruppen-Management in Ungarn / im Südosten sein- zur Konstruktion eines dazugehörenden „ Volksdeutschtums“. Infolgedessen wurde zwischen den beiden ab Januar 1936 ein beruflich-existenzieller Konkurrenzkampf um die führende Position als volkstumspolitischer Experte für Ungarn in der DSt bzw. bei der Reichsjugendführung Berlin ausgetragen.
Irma Steinschs volkstumspolitische Ambitionen verletzten das Geschlechter-Polaritätsprinzip der Nationalsozialisten scharf. Valjavec erkannte,
24 dass sich Steinsch mit dem für Frauen „ wesensgemäßen“, engeren Tätigkeitsfeld des demütigen Führertums der Frauenbelange hätte zufriedengeben sollen- hier insbesondere mit der Herausformung der „ deutschen Frau“ in den sogenannten volksdeutschen Gebieten Ungarns. Sie hätte den eigentlichen und übergeordneten geo- und volkstumspolitischen Leitungsauftrag vollständig Valjavec überlassen sollen. Der Leistungsauftrag bestand in der schnellen Produktion einer Volksgruppe durch reichsdeutsche NS-Indoktrinierung- parallel mit derjenigen eines ihr zugehörigen „ Volksgruppenbodens“. Für Steinsch wäre lediglich eine geringe Zuarbeit geblieben – wenn Valjavec seinen „ Arier-Nachweis“ schon bekommen gehabt hätte... In dieser Pattsituation musste er mit der besserwisserisch auftretenden Halleschen NS-Jungfunktionärin zumindest vorerst und dem Anschein nach zusammenarbeiten. Der Löwenanteil seiner „ Hilfestellung“ bestand allerdings in bevormundenden Empfehlungsschreiben. Unauffällig prüfte er zwischenzeitlich Irma Steinschs Führungskompetenzen- z. B. indem er ihr die kleine Frage stellte, ob ihrer Meinung nach bei einer kommenden Feldforschung in Ungarn das in einem deutschen Dorf gesammelte Liedgut auch in der Nachbargemeinde vorgeführt werden sollte. Daraufhin belehrte sie ihn energisch, dass die Aufgabe doch die Propagierung der NS-Direktiven zum Zwecke der volkstumspolitischen Erweckung der „ ungarländischen Auslandsdeutschen“ sei und nicht die Verbreitung von Volksliedern oder die Förderung der Leselust in den Dörfern. Es sollte also ausschließlich eine NS-ideologisch aufgeladene Volkstumsarbeit betrieben werden- zur Schaffung von Erlebnisgemeinschaften im Dienste der Konstruktion einer autochthonen deutschen Volksgruppe in Ungarn. Steinsch berief sich auf die übergeordneten reichsdeutschen nationalsozialistischen Instrumentalisierungs- Absichten. So erkannte sie den Deutschen in Ungarn jegliches Recht auf Selbstbestimmung grundsätzlich ab. Vielmehr reduzierte sie diese Deutschen zu Objekten eines raumbezogenen sozialpolitischen Konstruktionsauftrags.
Zwischen dem 22. Juli und dem 3. August 1936 erlebte NS-Jungfunktionärin Steinsch in Ungarn ein karrieretechnisches Desaster: Die meisten ihrer Halleschen „ Mädel“ wurden unmittelbar nach ihrer Ankunft in den deutschen Gemeinden noch vor Ort, von der ungarischen Gendarmerie verhaftet. Im Arrest hat man die „ Mädel“( laut Friedrich Spiegel-Schmidt wahrscheinlich) zunächst schikaniert und abschließend aus Ungarn ausgewiesen. Sogar Steinsch wurde des Landes verwiesen. Die neu aufgestellte Reichsjugendführung Berlin beauftragte Anfang des Jahres 1937 den über Steinsch schadenfroh triumphierenden Valjavec mit der Leitung ihres Ungarnreferates. Da sie in die Universität Halle / Saale nicht zurückkehren konnte, wurde sie von der Liste der Halleschen Studierenden einfach gestrichen. Ihre Kameradin-Karriere in Ungarn wurde schlussendlich trotz des skandalträchtigen Scheiterns fortgesetzt, weil sich die Reichsregierung für sie unnachgiebig einsetzte und auch Franz Basch an der Zusammenarbeit mit ihr festhielt.