Sonntagsblatt 2/2026 | Page 23

Arbeitsgruppen der Auslandsämter der Universitäten und Hochschulen unter der Außenstelle Südslawien im Hauptamt II( Außenamt) der Halleschen DSt zusammenzufassen. Der studentische Einsatz wurde laut Marschelke von einer jeden Arbeitsgruppe als Beitrag zur nationalsozialistischen „ Gesamterneuerung des deutschen Volkes in der ganzen Welt durch das Deutsche Reich“ konzipiert und als „ übervölkische Fühlungnahme der jungen Generation für die deutsche Kulturpolitik“ getarnt. 2 Die 1935 in Jugoslawien eingesetzten reichsdeutschen Studenten waren zuvor in den Osterferien-Lagern zu Trägern dieser nationalsozialistischen Erneuerungsbewegung geformt worden. Sie wurden auf die Arbeit im volksdeutschen Milieu vorbereitet und abschließend herausselektiert. Das unmittelbare Ziel war, die „ fähigen“ volksdeutschen Jungbauern, Junghandwerker und Studenten herauszusuchen. Diese sollten dann im Deutschen Reich zu den Führern der zu produzierenden deutschen Volksgruppe in Südslawien ausgebildet werden. Kurt Marschelke ging in seiner überschwänglichen Prognose davon aus, dass „ es in 1-2 Jahren möglich sein wird, diesen grosszügigen Einsatz reichsdeutscher Kräfte zur Weckung des Selbsthilfegedankens in der deutschen Volksgruppe in Südslawien abzustoppen; denn die Volksgruppe wird dann selbst soweit sein, diesen Kampf aus eigenen Kräften zu führen.“ 3
Steinsch wandte sich zeitgleich dem Studium der ungarischen Sprache sowie der Geschichte und Volkskunde der Deutschen in Ungarn zu und reiste als „ Hallesche Studentin“ oder „ Austauschstudentin“ mehrmals nach Ungarn. In Budapest wohnte sie im „ Deutschen Heim für Lehrerinnen und Erzieherinnen“. In kurzer Zeit bis zum Winter 1934 / 35 verdiente sie sich das Vertrauen von Franz Anton Basch( 1901 – 1946) und Richard Huß / Huss( 1885 – 1941). Auch deren enge Mitarbeiter vertrauten ihr – die „ Volksdeutschen Kameraden“, die Oppositionellen innerhalb des von Gustav Gratz( 1875 – 1946) geführten Ungarländischen Deutschen Volksbildungsvereins. Sie wurde von diesem völkischen Kreis ungarndeutscher( Jung) Akademiker scheinbar nahtlos und ohne Vorbehalte als gleichberechtigte „ Kameradin“ anerkannt.
Um sich in der auslandsdeutschen Praxis zu bewähren, organisierte Steinsch zunächst ein Schulungslager für ungarndeutsche Mädel in Budapest. Vom 8. bis 15. Dezember 1935 führte sie es höchstwahrscheinlich im „ Deutschen Heim“ durch, das ideologisch kurz zuvor ideologisch gleichgeschaltet worden war. Als Leiterin der Halleschen Außenstelle Ungarn für das Außenamt Berlin der DSt hatte sie den Abschlussbericht verfasst. Er liegt undatiert vor. Es wurden fünfzehn- Steinsch angeblich bereits bekannte- junge Frauen aus verschiedenen deutschen Gemeinden
2 Marschelke, Kurt( Die Deutsche Studentenschaft.
Leiter der Außenstelle Südslawien, Martin-Luther-Universität Halle): Bericht vom 25.06.1935 an das Außenamt der DSt Berlin. Halle / Saale, 26.06.1935. Bundesarchiv Berlin. Bestandssignatur NS 38, Archivnummer 2461.
3 Ebd.. ins Budapester Lager „ einberufen“. Durch die Indoktrinierung dieser jungen Frauen sollte der völkischen( das heißt hier ethnisch-geopolitischen) „ Erweckungsarbeit“ eine gemeinsame, einheitliche ideologisch-politische Ausrichtung gegeben werden. Vor Ort, in der Gemeinde, im kleinen Kreise der Nachbarschaft und der Großfamilie sollte diese „ Erweckungsarbeit“ dann fortgesetzt werden. Der Bericht legt es nahe, dass zwischen Steinsch und den nach Budapest eingeladenen Bauernmädeln bereits zu der Zeit ein stabiles Vertrauensverhältnis bestanden habe. Meiner Meinung nach ist aber vielmehr davon auszugehen, dass einflussreiche Gemeinde-Honoratioren als Verbindungsleute diese Bauernmädel Steinsch nach Budapest vermittelten. Die Fabrikation „ deutscher Frauen“ im Sinne der Führerauslese fand aus taktischen Gründen in der Hauptstadt Ungarns statt und wurde „ praktisch-politische Schulung zum Volkstumskampf“ genannt. Laut Steinsch war sie sich sicher, dass die ungarischen Verwaltungsstellen, Lokal- und Regionalbehörden die Veranstaltung auf dem flachen Lande jederzeit verhindert hätten. Ihre Einschätzung halte ich für zutreffend.
Die folgenden Erkenntnisse gab Steinsch in ihrem Abschlussbericht als Resultat ihrer persönlichen NS-Indoktrinierungsleistung an, um deren guten Erfolg der DSt Berlin zu verdeutlichen: „ Wir wissen, dass wir für das Deutschtum unter der Jugend mit allen Kräften zu arbeiten haben; die Streitigkeiten und Kämpfe im UDV [ Ungarländischen Deutschen Volksbildungsverein ] usw. bedrängen uns nicht. Wir haben daran zu arbeiten, eine deutschbewusste Jugend zu haben. Jedes Mädel ging hinaus mit der erlebten Verpflichtung zur Arbeit und dem Bewusstsein, dass gerade wir Mädel unauffällige und doch so sichere Arbeit im kleinen Kreise zu leisten haben.“ 4
Mit Entschlossenheit eignete sich Steinsch eine alleinige Leitungskompetenz an: Von Halle aus war die zukünftige praktisch-politische Mädel- Schulungsarbeit in Ungarn in nationalsozialistischen Erlebnisgemeinschaften organisatorisch, personell und inhaltlich zu bestimmen. Steinsch beteuerte, dass die von ihr geformten sehr jungen deutschen Frauen das NS-Geschlechterpolaritätsprinzip bereitwillig akzeptiert und als verpflichtend verinnerlicht hätten. Dies stand im krassen Gegensatz zu ihrem eigenen exzessiven Drang nach einer landesweiten Führungsposition in der „ auslandsdeutschen Frauenarbeit“.
Steinsch berichtet, der Schwerpunkt ihrer Schulung auf der theoretischen Ebene sei die Immunisierung der zu NS-Agentinnen und-Agitatorinnen auserkorenen deutschen Bauernmädel. Immun sollten sie sein gegenüber den aktuellen Diskursen der minderheitenpolitischen Bewegungen der Deutschen Ungarns. Eine aktive Beteiligung an den Auseinandersetzungen der beiden Positionen innerhalb des von Gustav Gratz geführten Ungarländischen Deutschen Volksbildungsvereins sei von ihr tabuisiert worden( es versteht sich von
4 Irma Steinschs Bericht über das Mädelschulungslager in Budapest 08.12.1935 – 15.12.1935. Undatiert. Bundesarchiv Berlin. NS 38 / 2591.
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