Sonntagsblatt 2/2026 | Page 19

deutsche Siedler über die Donau nach Ungarn gebracht wurden. Sie kamen meist mit dem in Ulm gebauten Schiffstyp, der Ulmer Schachtel. Ulm liegt in Schwaben, daher wurde „ Schwabe“ zum Sammelbegriff für alle Deutschen, die auf diese Weise in Ungarn eine neue Heimat fanden. Doch selbst diese Einwanderer waren nicht ausschließlich Schwaben. Die Deutschen rund um Ödenburg bauten da bereits seit Jahrhunderten Wein an den Hängen des Alpenvorlands an. „ Die Wurzeln des Ödenburger Deutschtums reichen bis ins 13.– 14. Jahrhundert zurück“, so Andreas Krisch, Leiter der Evangelischen Sammlungen in Ödenburg. „ Sie bilden tatsächlich den östlichen Rand des geschlossenen deutschsprachigen Gebiets, dessen westliches Ende irgendwo im Elsass liegt.“
Der früheste Vorgang für die Erstarkung der deutschen Gemeinschaft war der von König Ladislaus IV. im Jahr 1277 ausgestellte Freiheitsbrief, mit dem Ödenburg zur freien königlichen Stadt wurde. Dies brachte größere Autonomie und die Stadtverwaltung förderte die Ansiedlung neuer Einwohner. Zu dieser Zeit kam die erste Welle deutscher Siedler nach Ödenburg, doch auch während der Gegenreformation in Österreich fanden viele Protestanten in der Stadt Zuflucht. Unter Maria Theresia zogen viele Händler und Handwerker nach Ödenburg( soweit ich weiß, kamen meine Vorfahren auch zu dieser Zeit aus Bayern). In der Zeit der Doppelmonarchie war die Stadt ein beliebtes Ziel für ausgebildete Fachkräfte. Im Laufe der Jahrhunderte wurden die Deutschen zu einer bedeutenden Gruppe innerhalb der städtischen Führungsschicht, beteiligten sich am blühenden Handel und Gewerbe Ödenburgs und trugen auch zur Kultur bei. Das älteste Zeugnis ungarischer Liebeslyrik, das „ Ödenburger Blumenlied“, wurde um 1490 von einem Beamten namens Hans Gugelweit aufgezeichnet – ein weiteres Beispiel dafür, dass die Ödenburger Deutschen in der Regel nicht nur ihre Muttersprache sprachen.
Laut der Volkszählung von 1850 waren in Ödenburg fast alle Einwohner deutscher Volkszugehörigkeit, weniger als drei Prozent der Bürgerschaft wurden als Madjaren gezählt. 1880 hatte sich das Verhältnis auf etwa drei Viertel zu einem Viertel verschoben. Von da an nahm der Anteil der Deutschen in der Stadt immer weiter ab. Dies hatte viele Gründe: von den Madjarisierungstendenzen in der Schulpolitik über Assimilation bis hin zu einer höheren Geburtenrate der Madjaren. Ein bedeutender Teil der Ödenburger Deutschen bewahrte jedoch seine Identität, sodass sie beim Ausbruch des Ersten Weltkriegs immer noch die Mehrheit stellten.
Bei der Umsetzung des Friedensdiktats von Trianon wurde Ödenburg zu einem zentralen Ort einer außergewöhnlichen Episode, nämlich der westungarischen Aufstandsbewegung, in deren Folge die Stadt und Umgebung erkämpften, dass man am 14. Dezember 1921 in einer Volksabstimmung darüber entscheiden durfte, ob man zu Österreich oder zu Ungarn gehören wollte. Ohne die Deutschen wäre das Ergebnis, das Ödenburg den Titel ‚ treueste Stadt‘ einbrachte, nicht möglich gewesen und über die Vertreibung ließe sich nicht sprechen, ohne dabei die Volksabstimmung von 1921 zu berücksichtigen.
„ Nehmen wir an, dass alle Ödenburger Madjaren für Ungarn gestimmt hätten – was keineswegs sicher ist –, dann wollten immer noch mehr als die Hälfte der Deutschen auf ungarischem Territorium leben“, sagt Andreas Krisch. „ Man muss jedoch hinzufügen, dass viele eine doppelte Identität hatten und der Lokalpatriotismus bei der Mehrheit der Bürger sehr stark ausgeprägt war. Hätte man vor hundert Jahren einen Ödenburger gefragt, ob er Madjare oder Deutscher sei, wäre die Antwort höchstwahrscheinlich „ Ödenburger“ gewesen.“
Es soll auch betont werden, dass es bei der Volksabstimmung nicht um Loyalität und Patriotismus ging: Die Menschen stimm-
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