105 JAHRE NACH DER ÖDENBURGER VOLKSABSTIMMUNG
SIE KÄMPFTEN FÜR DAS RECHT, ZU UNGARN ZU GEHÖREN – UND WURDEN EINE GENERA- TION SPÄTER VERTRIEBEN
105 JAHRE NACH DER ÖDENBURGER VOLKSABSTIMMUNG
Der Artikel ist am 9. Juni 2025 auf dem Online-Portal telex. hu erschienen- Zweitveröffentlichung in deutscher Übersetzung mit freundlicher Genehmigung von Autor Gabriel( Gábor) Stöckert. Deutsche Übersetzung: Vinzenz Szűcs-Cilli
Teil 1 Namen in drei Spalten auf vergilbtem, fleckigem, dicht beschriebenem Zeitungspapier. Laut der Kopfzeile wurde die Zeitung am 21. April 1946 gedruckt und kostete in der Zeit der Nachkriegs-Hyperinflation eine Million Pengő. Gleich oben in der ersten Spalte entdecke ich vertraute Namen:
1184. Rüdiger( Rezső) Stöckert 1908( a) 1185. Sophie( Zsófia) Leitner-Stöckert 1910( a)
1186. Karl( Károly) Stöckert 1944( a)
Die Person mit der Nummer 1184 war mein Großvater, die nächste meine Großmutter und Karl, ihr ältester Sohn, Bruder meines Vaters, mein Onkel. „ Ich war damals zwei Jahre alt“, sagt Karl, der dieses Schriftstück aufbewahrt hat. Er sitzt auf dem Stuhl neben mir, eine Weile betrachten wir schweigend die Liste- laut Kopfzeile ein „ Verzeichnis der Umsiedler“- am Ende der Namensliste steht: „ Für eventuelle Fehler übernehmen wir aufgrund von Mängeln des Manuskripts keine Verantwortung.“ Die Kopfzeile erklärt auch, warum jemand auf die Liste gesetzt wurde: Die Abkürzung „ Vb“ weist auf eine Mitgliedschaft im Volksbund hin, „ n“ auf die deutsche Nationalität( nemzetiség), „ a“ auf die deutsche Muttersprache( anyanyelv). Für meine Großeltern und Karl war Letzteres ihr „ Vergehen“.
Journalisten wird empfohlen, objektiv über ein
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Thema zu schreiben, aber diesmal versuche ich es gar nicht, so zu tun, als ginge mich das nichts an. Nach dem Zweiten Weltkrieg betraf die Vertreibung der Deutschen aus Ödenburg und Umgebung tausende Familien – auch meine eigene –, obwohl meine oben genannten drei Verwandten letztlich in Ungarn bleiben durften. Hingegen mussten die Eltern meiner Großmutter gehen. „ Meine Großeltern wurden nach Altneudorf bei Heidelberg vertrieben“, erzählt mein Onkel. „ Sie haben fast alles verloren.“
In Karl Stöckers Sammlung ist die Namensliste nicht das einzige Dokument, das über die Schicksalswenden der Ödenburger Deutschen berichtet. Mein Onkel bewahrt zudem ein eingerahmtes Plakat von 1921 auf, das das Ergebnis der örtlichen Volksabstimmung verkündet: Die Ödenburger haben mit 15.334 zu 8.227 Stimmen entschieden, dass sie zu Ungarn gehören wollten. Laut der offiziellen ungarischen Statistik war damals etwa die Hälfte der Stadtbevölkerung deutsch.
Die freie königliche ungarisch-deutsche Stadt Obwohl die Vertreibung der Deutschen oft als Vertreibung der Schwaben bezeichnet wird, waren die Deutschen in Ödenburg keine Schwaben. Tatsächlich war nur ein wirklich kleiner Teil der Ungarndeutschen schwäbischer Herkunft. Die Bezeichnung stammt daher, dass nach der Vertreibung der Osmanen im 18. Jahrhundert viele